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Ein Kinderspiel: Bas Dost (links) und Goncalo Paciencia schießen Leverkusen im Alleingang ab.

SGE-Stürmer

Alte Frankfurter Eintracht im neuen Gewand

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    Thomas Kilchenstein
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Auch dank ihrer eiskalten Stürmer hat die Frankfurter Eintracht zu früherer Stärke zurückgefunden.

In der Nachlese des rasanten Duells im Stadtwald ist der Frankfurter Trainer Adi Hütter gefragt worden, ob diese fulminante und teilweise gar brachiale Vorstellung seiner Mannschaft gegen Bayer 04 Leverkusen so etwas wie die Renaissance der alten Eintracht gewesen sei. Der 49-Jährige hat nicht lange überlegen müssen, weil er genau dieses Gefühl offenbar auch in sich trug. „In vielen Phasen, ja“, antwortete er. „Wir haben Herz, Leidenschaft und Emotion reingelegt. Das ist sehr wichtig für mich. Und wir haben gut Fußball gespielt.“ Die Mixtur aus Behauptungswillen, Dynamik, Überzeugung und fußballerischer Klasse mündete in einem verdienten 3:0-Erfolg gegen die Werkself vom Rhein, die am Anfang zwar fast überrollt wurde, aber alles in allem nicht mal ein schlechtes Spiel gemacht hatte. Für die Frankfurter ist das vielleicht das größte Lob.

Die SGE schien ihre Mitte zu suchen

Der zügellose Auftritt gegen den Champions-League-Teilnehmer zeigte, dass in der neuen Eintracht tatsächlich noch sehr viel alte Eintracht steckt. Das war im Findungsprozess zu Saisonbeginn nicht immer zu erkennen, lange Zeit schienen die Hessen nach ihrer Mitte zu fahnden, sie waren auf der Suche nach einer Identität und der richtigen Balance, vieles schien, wie die FR erst vor wenigen Tagen analysierte, „noch nicht so richtig austariert“. Hütter wirbt um Verständnis: „Man muss den Jungs Zeit geben.“

Vielleicht braucht es so ein Spiel wie jenes gegen Leverkusen als Knackpunkt und Schlüsselerlebnis, als Initialzündung für den weiteren Saisonverlauf. Die Erkenntnis, dass die Mannschaft einen guten Gegner dominieren und mit ihren Mitteln besiegen kann, ist für den Glauben und das Selbstvertrauen von hohem Wert.

Das bedeutet jetzt nicht, dass die Eintracht zwingend zu einer Siegesserie ansetzen wird, dazu ist auch das Programm viel zu straff und hart. Mit der Europa-League-Partie gegen Standard Lüttich am Donnerstag, dem ersten von „zwei Schlüsselspielen“ (Hütter) gegen die Belgier um den zweiten Platz in Gruppe F, beginnt der heiße Herbst mit sechs Begegnungen (gegen Lüttich, in Mönchengladbach, auf St.Pauli, gegen Bayern, in Lüttich, in Freiburg) in 18 Tagen. „Das wird brutal“, sagt Coach Hütter, der sein Team immer wieder mal umbauen wird, um die Belastung besser zu steuern. „Wir brauchen jeden Spieler.“ Routinier Makoto Hasebe, als einer der wenigen von der Rotation ausgeschlossen, glaubt sogar: „Das wird unsere Schicksalsserie.“ Doch die Eintracht kann nach dieser bemerkenswerten Darbietung gegen Bayer 04 mit einem anderen Selbstverständnis in diese zweieinhalb Wochen gehen.

Sieg der SGE „sehr sehr wichtig“

Das Besondere am Freitag war die Rückkehr zu den Tugenden, die die Mannschaft über weite Strecken der vergangenen Runde ausgezeichnet hat. Libero Hasebe zählt ein paar Attribute auf: „Leidenschaft, Aggressivität, Emotionalität.“ Und weiter: „Das war Powerfußball. Wenn wir so spielen können wir alle Gegner schlagen – egal welchen.“

Die grundsätzliche Ausrichtung, die Herangehensweise war so, wie sie früher war, eben offensiv, druckvoll, kompromisslos, mit konsequentem Pressing und schnellen Umschaltmomenten. „Wir können nicht abwartend spielen“, sagt der bissige Zerstörer Gelson Fernandes. „So eine Mannschaft sind wir nicht. Wir müssen proaktiv sein. Wenn wir zu tief stehen, bekommen wir immer Probleme.“ Der erfahrene Schweizer, der ein feines Gespür für Situationen und Schwingungen hat, verortet den Sieg und das Auftreten als „sehr, sehr wichtig“, denn: „Wir brauchen Punkte, sonst brennt schnell der Baum.“

Fernandes hat seinen Beitrag geleistet, er hat im Mittelfeld keinen Zweikampf gescheut und die Leverkusener gnadenlos gejagt. Auch Sebastian Rode und Djibril Sow taten sich als Abfangjäger und unermüdliche Ankurbler hervor. Für diese Spielweise sind Fußballer mit Dynamik, Tempo und Zweikampfhärte unabdingbar, es sind, wenn man so will, Prototypen dieses Stils. Das gilt auch für Powerriegel Filip Kostic, der eine grandiose Rückkehr zu alter Stärke feiern durfte und den armen Mitchell Weiser mit seinen unnachahmlichen Soli „an die Wand gespielt hat“, wie Trainer Hütter urteilt.

Die Stürmer hatten großen Anteil am Glanzstück der Eintracht

Und natürlich sind es – neben dem formidablen Torwart Frederik Rönnow (siehe nebenstehenden Artikel) – auch die Stürmer, die großen Anteil am Glanzstück der Eintracht hatten. Goncalo Paciencia per Doppelpack und Bas Dost schossen das 3:0 in Abwesenheit des über Achillessehnenprobleme klagenden und für Donnerstag fraglichen André Silva ganz alleine heraus und zeigten dabei hervorragende Leistungen. Die drei Frankfurter Angreifer haben in der Bundesliga elf der 14 Eintracht-Tore gemacht (Paciencia fünf, Dost drei, Silva drei).

Natürlich ist das abgewanderte magische Dreigestirn um Luka Jovic, Ante Rebic und Sebastien Haller noch präsent in Frankfurt, doch mit jedem Tor der aktuellen Sturmreihe nimmt der Abschiedsschmerz der Fans ab. „Die drei spielen jetzt bei Topklubs“, berichtet Goncalo Paciencia, der als einziger auch letzte Saison schon da war und so ziemlich im Schatten des Trios stand. „Wir müssen jetzt dafür sorgen, dass die Leute die drei vergessen“, sagt er, was er aber nicht despektierlich meint. Der Portugiese findet: „Der Verein ist größer als wir alle, es geht um Eintracht Frankfurt und nicht darum, wer die Tore schießt.“

Der 25-Jährige hat eine bemerkenswerte Entwicklung genommen, ist auch körperlich sehr viel robuster. „Ich habe hart an mir gearbeitet, weil in der Bundesliga alle Gegner groß und stark sind“, bekundet er und findet: „Ich bin in der Verfassung meines Lebens.“

Schnelles Flügelspiel der SGE

Auch Sturmpartner Bas Dost kommt immer besser ins Rollen, besticht durch Wucht und Körperlichkeit, bringt aber auch fußballerische Qualität mit. Und vor dem Kasten hat er noch immer den Riecher und die Gier, das Tor zu erzielen. Sinnbildlich steht da sein Treffer zum 3:0, den er mit letztem Einsatz, größtem Willen und einem ganz langen Bein erzielte. „Vor ein paar Wochen“, befindet Trainer Hütter schmunzelnd, „hätte er sich bei dieser Aktion eine Zerrung zugezogen.“

Der Fußballlehrer ist erleichtert, dass der Komplett-Wechsel in vorderster Linie bisher erstaunlich reibungslos lief. „Ich bin froh, dass wir Stürmer haben, die treffen“, sagt er. Man dürfe die aktuellen Angreifer nicht mit dem Triumvirat vergleichen, das heutige Angriffsspiel sei womöglich nicht mehr so dynamisch. „Aber unsere Stürmer sind in der Box gefährlich.“

Die ganze Mannschaft, findet Hütter, arbeitet für die Vollstrecker, viele Chancen würden gerade über ein fulminantes und schnelles Flügelspiel herausgearbeitet. „Es ist wichtig“, sagt der Österreicher, „dass die Stürmer dann ihre Tore machen.“ Gerade jetzt im heißen Herbst.

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