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Mister Eintracht: Rainer Falkenhain (links).

Eintracht-Urgestein Rainer Falkenhain

Alles erlebt

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Seit 35 Jahren ist der ewige Rainer Falkenhain bei Eintracht Frankfurt der Mann für alle Fälle.

Seit zwei Jahren hat Rainer Falkenhain alles noch viel besser im Blick. Seit zwei Jahren sitzt er bei den Spielen von Eintracht Frankfurt oben auf der Tribüne, nicht mehr unten auf der Spielerbank, wie all die vielen Jahrzehnte zuvor. Rainer Falkenhain, der Mann für alle Fälle, Urgestein und unverwüstlich, ist jetzt Berater des Vorstandes, er ist befördert worden.

Als Rainer Falkenhain am 1. April 1985 im alten Riederwald angefangen hatte, schäbig, heruntergekommen und zuweilen von Ratten besucht, da war Dietrich Weise noch Trainer bei Eintracht Frankfurt, Jürgen Pahl stand im Tor, Thomas Berthold davor und im Sturm wuselte Cezary Tobollik, die Firma Portas war Hauptsponsor, Zuschauer kamen, wenn Bayern München geschlagen werden sollte, sonst hielten sie sich zurück, und mit „Falke“ werkelten fünf Mitstreiter im ganzen Verein. Jetzt sind es knapp 200. Es war eine andere Zeit, Helmut Kohl war Kanzler, ein 17-Jähriger aus Leimen gewann erstmals in Wimbledon, der Ball rollte langsamer in den zugigen Stadien, meisten mit Laufbahn drumherum, aber für Rainer Falkenhain war ein Traum in Erfüllung gegangen: Er durfte für seinen „Herzensklub“, wie er heute noch sagt, arbeiten, endlich.

Schon zuvor weilte der damals 23-Jährige fast täglich am Riederwald, schaute beim Training der Profis zu und übernahm Botendienste und kleinere Gefälligkeiten, ehe er zum fest angestellten Mitarbeiter aufstieg. 35 Jahre ist das jetzt her, fast ein ganzes Leben, und noch immer hat der ewige Rainer Falkenhain den Spaß nicht verloren. „Warum auch?“, fragt er rhetorisch, „ich habe doch mein Hobby zum Beruf gemacht.“

Mit Willi im Container

Mittlerweile ist der heute 58-Jährige zum Berater des Vorstandes aufgestiegen, eine Beförderung, die ihn „stolz macht“, wie er sagt, und „eine große Ehre“ sei. Inzwischen ist Falkenhain weniger ins Tagesgeschäft eingebunden, seine Aufgaben haben Christoph Preuß und Thomas Westphal übernommen. Jetzt hat er ein Büro im Nike-Gebäude, am Fuß des Waldstadions, dort, wo auch Armin Kraaz, zuständig für das USA-Geschäft, wirkt. In diesen Zeiten des Coronavirus erledigt Falkenhain aber auch vieles von zu Hause in Münster/Dieburg, ohnehin hängt er oft und lange am Telefon.

Früher, als Leiter der Lizenzspielerabteilung, hat er sich um alles kümmern müssen. Er war der Meister der Organisation: Spielberechtigungen, Trainingslager, Anfahrten, Hotelbuchungen, Flüge, Papierkram – seine Aufgaben waren mannigfaltig. „Was ich mache, sieht man nicht. Nur wenn ich es nicht machen würde, würde es auffallen“, sagt er. „Ich arbeite lieber im Verborgenen. Ich bin nur ein Rädchen in der Maschinerie.“

Die Eintracht, die er nur einmal 1997 für eine vierwöchige Episode zu 1860 München verließ, war und ist sein Leben. Er ist unverrückbarer Bestandteil dieses hessischen Klubs. Die Frankfurter Rundschau hat einmal über ihn geschrieben, er gehöre zu Eintracht Frankfurt „wie der Ball zum Spiel“. Und jahrzehntelang gehörte er auch auf alle Mannschaftsfotos, die vor der Saison aufgenommen werden, meist stand er links außen, oft als einziger mit Krawatte.

Rainer Falkenhain hat praktisch alles erlebt mit dem Verein seines Herzens, alle Höhen und Tiefen. Die Abstiege, von denen der erste, 1996, für ihn der schlimmste war, weil sein Klub erstmals zweitklassig wurde, die internationalen Auftritte, die Pokalsiege, die vielen Skandälchen und Intrigen, der vorübergehende Lizenzentzug, das Rostock-Trauma, die Aufstiege. Falkenhain war es, der im Baumarkt den berühmten Gartenstuhl für Kulttrainer Horst Ehrmantraut besorgte und Willi Reimann in den Container begleitete.

Er war beim Durchmarsch mit Armin Veh aus Liga zwei bis in den Europapokal dabei, er erinnert sich mit Freuden zuletzt an den ersten Pokalgewinn seit 30 Jahren, an den Triumphzug durch Europa einschließlich der Tränen des Martin Hinteregger in den Armen eines Fans nach dem unglücklichen Halbfinal-Aus gegen den FC Chelsea. „Falke“ war immer dabei, als Macher, Arbeiter, Fan. Er könnte mit seinem Insiderwissen ganze Bücher füllen, aber Falkenhain ist keiner, der Interna auf dem Marktplatz ausschüttet. Verschwiegenheit gehört dazu, sonst wäre er nicht so lange im Geschäft geblieben.

Seit bald zwei Jahren kümmert sich Falkenhain vornehmlich um internationale Angelegenheiten der Eintracht, er ist während der Europa-League-Saison bei allen Auslosungen in Nyon dabei, hält die Kontakte zu den Gegnern, knöpft neue. Und er kennt sie ja alle und alle kennen ihn, in 35 Jahren hat er sich ein enormes Netzwerk geschaffen, er hat Telefonnummern und Mailadressen von allen, die wichtig sind im Fußballgeschäft, und die Verbindungen zu DFL und DFB könnten kaum besser sein. Dazu koordiniert er aktuell die Auftritte der fünf Markenbotschafter der Eintracht, Anthony Yeboah, Oka Nikolov, Jan-Aage Fjörtoft, Jay-Jay Okocha oder Bum-Kun Cha, stimmt die Auftritte mit ihnen ab. Schließlich ist seine Meinung im Vorstand gefragt, Erfahrung genug hat er ja gesammelt.

Rainer Falkenhain hat nicht vergessen, woher er kommt und wo das Herz der Eintracht schlägt. Selbst wenn die Strippen seit Jahrzehnten im Stadion im Stadtwald gezogen werden, zieht es ihn regelmäßig auf einen Sprung an den Riederwald zurück, dort, wo vor 35 Jahren alles begann.

Hier, bei Eintracht Frankfurt, seinem Klub, soll es irgendwann auch enden. „Ich möchte bei der Eintracht in Rente gehen“, acht Jahre blieben ihm noch. Auch die wird er noch genießen.

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