Ganz sicher der größte Moment: David Abraham mit dem Pokal.
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Ganz sicher der größte Moment: David Abraham mit dem Pokal.

Eintracht verliert ihren Abwehrchef

Adios Capitano – David Abraham verlässt die Eintracht

  • Ingo Durstewitz
    vonIngo Durstewitz
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Vater Abraham hat Sehnsucht nach Sohnemann Alfonso, weshalb er die Karriere beendet und in seine argentinische Heimat zurückkehrt

Die Bilder sind präsent, bleiben haften. Bis heute. Momente für das Geschichtsbuch: Dieser Sprint, irgendwie wild und inbrünstig, der Ball im Aus, an der Seitenlinie steht Christian Streich, auch so ein Hitzeblitz, und dann kriecht die Vorahnung in einem hoch: „Der wird doch nicht... Nee, oder? Das kann er doch nicht...“ David Abraham kann. Mit der rechten Schulter rammt der Eintracht-Kapitän den Freiburger Trainer, der mit weit aufgerissenem Mund und noch weiter aufgerissenen Augen zu Boden geht. Rumms. Rudelbildung, Gerangel, Fäuste fliegen, Rote Karten. Ein Aufschrei der Empörung geht durch Fußball-Deutschland. David Abraham, der netteste Wadenbeißer der Liga, wie die FR schrieb, steht am Pranger. Zu Recht. Trainer sind heilig. Der Argentinier entschuldigt sich, er wird dennoch gesperrt, natürlich, sieben lange Wochen. Er gilt plötzlich als Brutalo, als Rambo. Zu Unrecht.

In der Szene, die David Abraham berühmt machte, sind ihm die Sicherungen durchgebrannt, ein Jahr ist es her, er weiß, dass er einen Fehler gemacht hat, er bereut ihn, aufrichtig. Das Wilde ist in ihm durchgeritten, das Ungestüme, es liegt in seinem Blut. Auf dem Feld ist David Abraham keiner, den man gerne als Gegner hat, da kann es schon mal hart und unsauber werden.

Dabei, und das ist das Bemerkenswerte, aber doch kein seltenes Phänomen, ist der 34-Jährige außerhalb des Spielfeldes fast schon ein Lämmchen. In Frankfurt gilt er als Mutter der Kompanie, kümmert sich rührend um die Mitspieler, erledigt Behördengänge, kocht für sie, lädt sie nach Hause ein. David Abraham ist allseits beliebt und geschätzt.

Trainer Adi Hütter hat damals nicht eine Sekunde daran gedacht, ihm die Kapitänsbinde wegzunehmen, was nicht wenige, auch die FR, gefordert hatten. Abraham wäre daran vielleicht nicht zerbrochen, aber es hätte ihn hart und schmerzlich getroffen, er trägt die Binde mit Stolz.

Für ihn, sagt er, und das kann man ihm nach einem halben Jahrzehnt glauben, ist die Eintracht mehr als nur ein Verein. „Ich hatte hier fünf wundervolle Jahre“, verkündet Abraham, und die Vergangenheitsform deutet an, dass bald etwas enden wird. Der Abschied naht. „Ich bin unglaublich stolz auf das, was ich hier erleben durfte“, schreibt er via Instagram und schiebt voller Pathos nach: „Ich hatte eine unvergessliche Zeit. Bis zur letzten Sekunde gebe ich alles. Einmal Adler, immer Adler. Euer Capitano.“

Im Winter ist Schluss in Frankfurt, im Winter ist Schluss mit Fußball überhaupt, dann beendet der Südamerikaner seine bewegte Karriere, die er 2003 bei CA Independiente am Rande von Buenos Aires begann und die ihn vor fast 15 Jahren nach Europa führte: Gimnastic de Tarragona, vier Jahre FC Basel, FC Getafe, zwei Jahre TSG Hoffenheim – seit 2015 Eintracht Frankfurt. Mitte Januar wird er das Kapitel schließen, das Heimspiel gegen Schalke 04 wird sein letzter Auftritt als professioneller Fußballer sein. Nach der Rückkehr nach Rosario will er die Kickstiefel bei seinem Heimatverein Huracan Chabas schnüren. So zum Spaß halt.

Der Abgang ist keiner mit Paukenschlag-Potenzial, er hatte sich angedeutet, schon im Sommer dachte er darüber nach, doch wegen der Corona-Pandemie und um der Eintracht Zeit zu geben, seine Nachfolge zu regeln, hängte er noch ein halbes Jahr dran.

Die Verantwortlichen haben alles versucht, den freundlichen, hilfsbereiten und emphatischen Verteidiger zum Bleiben zu bewegen, einen wie ihn lässt man nicht einfach ziehen. Doch niemals hätten sie auf Vertragserfüllung bis Sommer 2021 gepocht, zu groß ist die Wertschätzung und Anerkennung für den Routinier. Und zu verständlich sind dessen Gründe.

Das Heimweh hat ihm zu schaffen gemacht, und die Sehnsucht nach seinem kleinen Sohn Alfonso hat ihn aufgefressen. Der Familienvater möchte einfach in der Nähe seines Filius sein, der drei Tage nach dem Happy End im Relegationsspiel gegen den 1.FC Nürnberg 2016 geboren wurde. Der Knabe lebt in Argentinien bei seiner Mutter, Vater Abraham besucht er selten, seit dem Ausbruch der Pandemie noch weniger. Das macht den stolzen Papa unendlich traurig.

Alfonso ist sein Ein und Alles, früher hat er ihn nach den Spielen auf den Schultern über den Rasen zur Fankurve getragen. „Gerade diese Zeit, sein Kind heranwachsen zu sehen, lässt sich durch nichts ersetzen. Daher möchte ich zurück nach Argentinien gehen“, sagt Abraham. Für ihn schließt sich ein Kreis, er kehrt dorthin zurück, wo er als Jugendlicher ausgezogen war, um die Fußballwelt zu erobern.

Für die Eintracht hat er bisher 170 Pflichtspiele absolviert, in der Europa League verteidigt, die Mannschaft als Kapitän in zwei DFB-Pokalfinals geführt (und eines davon triumphal gewonnen). Er wird eine große Lücke hinterlassen, menschlich sowieso, aber auch auf dem Platz. Denn er gehört zwar nicht zu den filigranen Aufbauspielern, aber er ist zweikampfstark und verdammt schnell. Wer soll ihn beerben? Vieles spricht für den jungen Tuta, er gilt als Kronprinz, ist aber noch arg grün hinter den Ohren. Oder Almamy Touré? Er bringt viel Potenzial mit, aber auch schwankende Leistungen. Vielleicht hilft auch Stefan Ilsanker aus. Mal sehen.

Das alles ist nicht mehr David Abrahams Baustelle, er hat im besten Fall noch zehn Spiele, dann wird er endgültig gehen – und doch irgendwie für immer bleiben. Und das nicht wegen eines Bodychecks im Breisgau.

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