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Vadder Abraham und Sohn Alfonso, bald wieder vereint.
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Vadder Abraham und Sohn Alfonso, bald wieder vereint.

David Abraham

Abschied vom Kümmerer

  • Thomas Kilchenstein
    vonThomas Kilchenstein
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Am Sonntag macht Kapitän David Abraham sein letztes Spiel für Eintracht Frankfurt, am Montag geht der Flieger nach Argentinien. Er wird dem Klub fehlen.

Ganz streng genommen ist es eine Schande, dass David Abraham am Sonntag letztmals die Fußballschuhe für Eintracht Frankfurt schnürt. Das soll es gewesen sein? Nach 178 Pflichtspielen für Eintracht Frankfurt, nach drei Länderspielen mit der „Albiceleste“, nach einem Pokalsieg, einem bis dato nie gesehenen Check gegen einen Bundesligatrainer, nach all den unzähligen Zweikämpfen, immer hart, zuweilen mit dem Ellenbogen, die allermeisten fair? Der Mann, 34 Jahre alt, steht voll im Saft, er hat sie zuletzt alle abgekocht, die hochgelobten, namhaften Stürmer aus der Bundesliga. Vorbeikommen an Abraham? Kannste vergessen. So gut wie in den vergangenen Wochen und Monaten hat der Stopper lange nicht mehr gespielt: Seriös, pfeilschnell, hart im Tackling, kompromisslos. Und ein Tor hat er ebenfalls geschossen, gegen Stuttgart, per Kopf, kommt selten genug vor. Gegen das angriffslustige Spitzenteam Bayer Leverkusen hat er unlängst im Ligaspiel 86 Prozent seiner Zweikämpfe gewonnen.

Und so einer zieht einfach so den Schlussstrich nach 14 Jahren Profisport und mehr als 465 Pflichtspielen bei sechs Klubs in vier Ländern? Spielt zukünftig vielleicht auf irgendeinem staubigen Bolzplatz just for fun in Chabas in Zentral-Argentinien, einem 7000 Seelen zählenden Städtlein, 75 Kilometer von Rosario entfernt, dort, wo er aufgewachsen ist, mit den Kumpels, in der sechsten, siebten Liga. Und draußen jubelt ihm Alfonso zu, sein fünfjähriger Sohn, sein Ein und Alles.

So einen Mann kann man doch nicht so mir nichts dir nichts ziehen lassen. Locker hätte Abraham noch ein, zwei Jährchen dranhängen können. Das wäre doch mal eine schöne Aufgabe für Sportdirektor Bruno Hübner gewesen, dem ja nachgesagt wird, er könne selbst Eskimos Kühlschränke verkaufen, den Vadder Abraham zum Bleiben zu überreden, wenigstens bis Saisonende. Was sind schon vier weitere Monate.

Sie haben es ja versucht. Mit Engelszungen haben sie auf den Argentinier eingeredet, aber ausgerechnet jetzt, da sich die Saison so gut anlässt, verlässt der Kapitän das Fahrt aufnehmende Schiff, an so einem krummen Datum, nach dem 16. Spieltag. Sie haben auf Granit gebissen: Nach dem Spiel am Sonntag (18 Uhr) gegen Schalke 04 im eigenen Stadion ist die große Karriere des Argentiniers vorbei, am Montag schon geht der Flieger nach Hause. „Ich habe keine Freude, wenn dieser Tag da ist“, sagte Trainer Adi Hütter mit Wehmut in der Stimme vor einiger Zeit schon. Den Mann, der 2013 von Independiente Buenos Aires auszog, in Europa Stürmer an die Kette zu legen, erst beim FC Basel, dann beim FC Getafe und bei der TSG Hoffenheim, schließlich seit 2015 bei Eintracht Frankfurt, zieht das Heimweh zurück, die Sehnsucht nach seinem Sohn Alfonso, der bei der Ex-Frau lebt und der im Sommer eingeschult werden soll. Der Entschluss, lange gereift, war unwiderruflich.

Da ist David Abraham so, wie immer: geradeaus, sehr klar, konsequent, unbeugsam.

Eigentlich hatte er schon im letzten Sommer Schluss manchen wollen, obwohl sein Kontrakt bei den Hessen noch bis 2021 läuft. Dann kam Corona, gepaart mit einer wirtschaftlichen Krise im Heimatland, er hat noch ein halbes Jahr drangehängt. Mehr aber auch nicht.

David Abraham, der langjährige Kapitän, hinterlässt Spuren in Frankfurt. „Es tut weh, ihn zu verlieren“, sagt Kollege Martin Hinteregger. Seine Art außerhalb des Rasens hat ihm viel Respekt und Anerkennung eingebracht, er hat sich gekümmert, galt bei der Eintracht als Mutter der Kompanie, hat den spanisch sprechenden Spielern, aber nicht nur ihnen, enorm viel geholfen, hatte stets ein Ohr für sie. Er war der Kitt, der eine Mannschaft zusammenhält, er war wichtig für das Binnenklima in der Kabine, als Autoritäts- und Respektsperson. Er war empathisch, hilfsbereit, nett, umgänglich. Selbst in einer seiner dunkelsten Stunden, vor dem DFB-Sportgericht nach dem bösen Check gegen SC-Trainer Christian Streich im November 2019, benutzte Richter Hans Lorenz die Umschreibung, die ihm die FR schon viel früher gegeben hatte: „Ich habe gelesen, sie gelten als der freundlichste Wadenbeißer der Liga.“

Auf dem Platz war er anders. In erster Linie konsequent knallhart, aber das müssen Verteidiger sein. In acht Jahren Bundesliga ist er dennoch nur dreimal vom Platz geflogen. Er wollte gewinnen, immer, „egal ob ich gegen meinen Sohn oder meine Mama spiele, ich will immer gewinnen“, hat er im „Kicker“ mal gesagt. Seinen hohen Stellenwert innerhalb der Mannschaft verdeutlichte auch die Tatsache, dass Trainer Hütter nicht eine Sekunde daran dachte, Abraham, der nach dem Streich-Zwischenfall für sieben Wochen gesperrt wurde, als Kapitän abzusetzen, womöglich hätte der Coach dann die Kabine verloren. Abraham, der in jungen Jahren mit Lionel Messi zusammengespielt hat, ist beliebt in der Mannschaft, ihm werden durchaus Tränen nachgeweint. „Er ist ein toller Mensch, er wird geliebt“, hat es Trainer Hütter auf eine simple Formel gebracht.

David Abraham, Typ harte Schale, weicher Kern, wird eine gewaltige Lücke reißen, sportlich – selbst wenn ihn der 21 Jahre alte Tuta vertreten könnte – vor allem aber menschlich. Er war lange eines der Gesichter der Eintracht, eine Identifikationsfigur, einer, an dem man sich halten konnte, fünfeinhalb Jahre bei einem Klub sind eine lange Zeit. Als er sein erstes Spiel für die Eintracht bestritt, am 16. August 2015 in Wolfsburg, spielten neben ihm Seferovic, Reinartz, Oczipka, Zambrano und Aigner, auf der Bank saßen Kadlec, Djakpa und Waldschmidt. Nur Makoto Hasebe ist aus der damaligen Mannschaft, die unter Trainer Armin Veh seinerzeit 1:2 unterlag, noch heute an Bord.

Der größte sportliche Erfolg war sicherlich der Gewinn des Pokalsiegs 2018, „das Allergrößte für mich“, sagt er selbst, mit Alex Meier stemmte er als Erster den Pokal in Höhe. „Großen Stolz“ habe er da empfunden, sagte er dieser Tage im Rückblick. Abraham hat aber auch noch die glückliche Rettung 2016 in Nürnberg erlebt, als erst in der Relegation der Abstieg verhindert wurde. Ansonsten hat er solide Kärrnerarbeit in der Verteidigung geliefert, unspektakulär, aber jederzeit verlässlich, viele Jahre lang, ein Schrecken der Stürmer.

Nur Alfonso hat ihn ausbremsen können.

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