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Armin Kraaz beim Heimspiel der U23 gegen den FSV Mainz 05 (1:2) im vergangenen Jahr.

Interview Armin Kraaz

„Abgesagt hat uns deswegen noch keiner“

Armin Kraaz ist Leiter des Nachwuchsleistungszentrum der Eintracht. Seit einem Jahr gibt es dort keine U23-Mannschaft mehr. Welche Auswirkungen das auf den Trainingsbetrieb im Unterbau der Frankfurter hatte, wie die neuen Mittel eingesetzt werden und über den neuen Cheftrainer spricht Kraaz im Interview mit der FR.

Von Manuel Schubert

Armin Kraaz, der Leiter des Nachwuchszentrums von Eintracht Frankfurt hat in der Sommerpause allerhand zu tun am Riederwald: Verträge wollen unterschrieben, Datenbänke aktualisiert, die Saisonvorbereitung geplant werden. Im FR-Interview spricht er über die Verzahnung von Jugend- und Profiabteilung und über die Auswirkungen der Abmeldung von der U23-Mannschaft.

Herr Kraaz, die Eintracht hat ihre erste Saison ohne U23 hinter sich – wie fällt Ihr Fazit aus?
So, wie wir es erwartet haben. Wir haben die Möglichkeit bekommen, unsere talentiertesten Jugendspieler direkt bei den Profis zu präsentieren – von denen ja mit Enis Bunjaki und Yannick Zummack jetzt zwei einen Vertrag bekommen haben. Wir sagen, die Top-Talente sind in der U19. Außerdem hatten wir mehr Platzmöglichkeiten zum Trainieren. Ein verlässliches Resümee kann man erst in drei, vier Jahren ziehen. Heute würde ich die Entscheidung aber wieder so treffen.

Haben Sie keine Angst, dass man in ein paar Jahren viele Talente verliert, die zu alt für die U19 sind, aber bei den Profis keine Spielpraxis kriegen?
Wenn ich einen talentierten Spieler entwickeln will, wie einen Joel Gerezgiher oder einen Luca Waldschmidt, reicht es nicht, ihn in der Regionalliga spielen zu lassen, er will ja in die erste. Da ist es sinnvoller, ihm einen Profivertrag zu geben und in die Zweite oder Dritte Liga zu verleihen. Quasi als zweiten Bildungsweg. Philipp Lahm oder David Alaba wurden ja auch ausgeliehen, als es für die Bayern noch nicht gereicht hat. Denen hätte es nichts gebracht, Regionalliga zu spielen.

Für Thomas Schaaf gab es am Riederwald immer viel Lob, auch weil er gerne A-Jugendspieler eingesetzt hat. Sind Sie traurig über seinen Abgang?
Ach, wissen Sie, das Jahr mit Thomas Schaaf war für uns ein gutes, es war gegenseitiges Vertrauen da. Aber das ist jetzt halt beendet. Ich bin im 20. Jahr bei der Eintracht und habe bestimmt 15 Cheftrainer erlebt. Die Zeit mit Armin Veh war auch sehr positiv. Unter ihm haben Marc-Oliver Kempf und Marc Stendera mit 17 ihr Debüt gemacht.

Als Sie der Mannschaft mitgeteilt haben, dass es künftig keine U23 mehr geben wird, hatten Sie „ein mulmiges Gefühl“, haben Sie mal gesagt.
Ja, das weiß ich heute noch, wie wir in diesen Sitzungsraum gegangen sind, Sonntagmorgen, zehn Uhr, und den Jungs gesagt haben: Hey Leute, ihr seid Geschichte. Das war schon ein komisches Gefühl. Aber es war ja eine wohlüberlegte und auch wohl diskutierte Entscheidung, die im Einklang mit allen Gremien getroffen wurde.

Also gibt es heute kein mulmiges Gefühl mehr?
Nein. Das war nur in dem Moment.

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Zwei Spieler pro Jahr, denen der Sprung gelingt – wäre das eine Quote, mit der Sie leben können?
Zwei Leute unter Vertrag zu nehmen, fände ich gut – und wenn es einer der beiden schafft, sich zu etablieren, das wäre toll. Am letzten Spieltag haben Marco Russ, Timothy Chandler, Stendera und Waldschmidt in der Startelf gestanden, vier Spieler aus unserer Jugend, das ist klasse.

Durch die Abmeldung der U23 hat die Eintracht viel Geld gespart – wo ist das hingeflossen?
Ein Teil ist bei der AG geblieben, wir konnten in Personal investieren: Videoanalyse, ein hauptberuflicher Scout, ein Sportpsychologe, auch die schulische Betreuung haben wir erweitern können.

Und der Kader?
Die zusätzlichen Gelder haben wir erst Anfang Juni erhalten, da ist der Markt im Jugendbereich schon verlaufen. Richtig Gute kriegst du da nicht mehr. Dieses Jahr konnten wir aber einen Innenverteidiger vom HSV und einen Torwart aus Wolfsburg holen, das haben wir vorher nie gehabt.

Ergab sich so auch die Möglichkeit, sich für die U19 künftig zwei hauptamtliche Trainer leisten können?
Klar! Da sind wir mit Alex Schur und Uwe Bindewald jetzt richtig gut aufgestellt.

Vor einem Jahr haben Sie gesagt, es würden bald noch mehr Bundesligavereine ihre U23-Teams zurückziehen. Das ist nicht passiert.
Ja, das erstaunt mich sehr. Ich war der festen Überzeugung, habe dahingehend auch viele Signale bekommen. Schalke hat das zum Beispiel ganz klar angekündigt.

Ist das kein Nachteil bei Vertragsverhandlungen? Wenn man einer der wenigen Vereine ohne U23 ist?
Abgesagt hat uns deswegen noch keiner. Zu sagen, ihr von der U19 seid der Backup für die Profis – das ist sogar ein Argument, das bei jungen Spielern extrem zieht.

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