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Hauptbahnhof Frankfurt: Wo die alte auf die neue Zeit trifft

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Von: Alicia Lindhoff

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Frankfurt. 13.07.2022. Hinter den Kulissen des Hauptbahnhofs. Dachbesteigung und Fuehrung durch die Untergeschosse mit Bahnhofsmanager Leif Niklas Wulf. Ferien zu Hause Aktion. Blick ueber das Dach der Haupthalle mit Skyline.
Das Dach des Hauptbahnhofs gewährt einen schönen Blick auf die Skyline © Renate Hoyer

Der Frankfurter Hauptbahnhof ist 134 Jahre alte und die wichtigste Drehscheibe für den Zugverkehr in Deutschland. Wie führt man ein solches Gebäude in die Zukunft?

Leif Niklas Wulf steht auf dem Dach des Frankfurter Hauptbahnhofs. Durch eine Glasscheibe beobachtet er das Gewusel in der Bahnhofshalle viele Meter weiter unten. Aus der Vogelperspektive hat man den Überblick, der einem fehlt, wenn man mitten drin steckt. Menschen rennen zu ihrem Gleis, andere bleiben abrupt stehen, starren auf ihre Handys. Eine Gruppe in identischen orangefarbenen T-Shirts blockiert einen Durchgang. „Macht Platz“, will man ihnen zurufen. Leif Niklas Wulf ist der Manager des Bahnhofs, das Hin und Her ist sein tägliches Brot. „Ich sage immer, Bahnhof ist kein Zustand, Bahnhof ist ein Prozess.“ Er denkt dabei nicht nur an die hunderttausenden Reisenden, die jeden Tag durch den Bahnhof stolpern, hasten, schlendern, sondern auch an den permanenten Wandel, in dem das Gebäude selbst begriffen ist. Er zeigt von oben auf einen abgesperrten Bereich, wo Gleis- und Bahnsteigbrücken saniert werden. Es ist nur eine von aktuell 50 Baustellen derzeit.

Frankfurt. 13.07.2022. Hinter den Kulissen des Hauptbahnhofs. Dachbesteigung und Fuehrung durch die Untergeschosse mit Bahnhofsmanager Leif Niklas Wulf. Ferien zu Hause Aktion.
Dem Hauptbahnhof auf das Dach gestiegen.  © Renate Hoyer

Als der Frankfurter Hauptbahnhof vor mehr als 130 Jahren gebaut wurde, da nannte man Züge noch Eisenbahnen und trieb die Loks mit Kohle und Wasserdampf an. Frankfurt hatte keine U-Bahn, das Telefon war gerade erst erfunden, an digitale Technik noch lange nicht zu denken. Der Bahnhof ist ein Relikt aus einer anderen Zeit. Und zumindest auf den ersten Blick sieht er auch so aus mit seinen mächtigen Bogenhallen, prächtigen Verzierungen an der gelben Sandsteinfassade. Doch funktionieren muss er nach den Regeln der neuen Zeit. Und das sieben Tage die Woche, fast rund um die Uhr. Laut der Deutschen Bahn ist der Frankfurter Hauptbahnhof die wichtigste Verkehrsdrehscheibe Deutschlands.

Frankfurter Hauptbahnhof: Relikt aus einer anderen Zeit

Wie aber passt man ein so altes, so wichtiges Gebäude an die Anforderungen der Zukunft an? Eine Ahnung davon bekommt, wer bei einer Führung hinter die Kulissen des Bahnhofs schauen darf, einer Führung, die sich über 70 Höhenmeter erstreckt, von ganz oben nach ganz unten. Denn man sieht es auf dem gigantischen Dach, dem Lieblingsort von Bahnhofsmanager Wulf. Oben auf der Vorhalle thront zwar seit 1889 prominent die Figur von Atlas, der auf seinen Schultern die ganze Welt trägt. Doch hinter ihm erstrecken sich zehntausende Quadratmeter Stahl und Glas, die kurz nach der Jahrtausendwende komplett erneuert werden mussten. Die Mammutarbeiten verschlangen viele Millionen und dauerten mehrere Jahre. Zur Fußball-WM 2006 war alles fertig.

Anpassung sieht man aber auch in den sogenannten Katakomben, einem kilometerlangen Tunnellabyrinth, das kreuz und quer unter den Bahnhofshallen entlangführt. Leif Niklas Wulf – seit zwei Jahren Bahnhofsmanager in Frankfurt – findet sich inzwischen gut in den Katakomben zurecht.

Am Anfang aber habe er sich regelmäßig verlaufen, sagt er. „Ich war damals in jeder freien Minute hier unten unterwegs, um die Orientierung zu bekommen. Ich wollte ja wissen, wo meine Jungs unterwegs sind.“ In den Katakomben begegnet man immer mal wieder einem der „Jungs“ – ausgestattet mit schwerem Schuhwerk und Helmen. Sie halten hinter den Kulissen den Betrieb am Laufen. Zum Beispiel, indem sie die fünf riesigen Lüftungsanlagen warten, mit denen im gesamten Bahnhofsgebäude Temperatur und Frischluftzufuhr geregelt werden. Die älteste ist aus den 80er-Jahren, die jüngste ganz neu.

Frankfurt. 13.07.2022. Hinter den Kulissen des Hauptbahnhofs. Dachbesteigung und Fuehrung durch die Untergeschosse mit Bahnhofsmanager Leif Niklas Wulf. Ferien zu Hause Aktion.
Erinnerung an vergangene Zeiten: Tief unten sind die Katakomben. © Renate Hoyer

Und auch sonst lassen sich an jeder Ecke in den Katakomben die verschiedenen Bauepochen ablesen. In einem staubigen Gang steht man plötzlich vor einer Wandtafel, auf der in Frakturschrift größere Städte in der Region inklusive der entsprechenden Postleitzahlen verzeichnet sind. Sie stammt aus einer Zeit, als das Gepäck der Bahnreisenden noch in sogenannten Gepäcktunneln verladen wurde. Wenige Schritte entfernt bleibt Wulf plötzlich stehen. „Hier trifft die alte auf die neue Zeit“, sagt er.

Frankfurter Hauptbahnhof: ein vergessener Herren-Baderaum

Und tatsächlich kann man hier mit einem Bein im Staub der alten Eisenbahner-Welt stehen, und mit dem anderen in einem blitzsauberen Nebengang, der seit kurzem komplett an die Anforderungen der neuen Zeit angepasst wurde: Strahlend weißer Kunststoffboden, glattverputzte Wände und unzählige Kabelbahnen, die unter der Decke entlangführen. Sie versorgen den Bahnhof mit WLAN, Strom und vielem mehr. In einem Nebenraum surren hohe Serverschränke vor sich hin. So wird der Bahnhof Stück für Stück zukunftstauglich gemacht. Dabei verschwindet immer auch ein Teil seiner Geschichte. In der B-Ebene beispielsweise mussten viele Läden ausziehen, um dem geplanten „Einkaufsbahnhof“ Platz zu machen, der 2023 eröffnen soll.

Auch eine Uralt-Kneipe wie der Zapfhahn oder der kleine Asialaden mussten weichen. Wo sie einmal waren, sieht man heute eine Baustelle. Nichts erinnert mehr an die Menschen, die hier einst arbeiteten, kauften, tranken, warteten. Andere Relikte aus der Vergangenheit werden dagegen bewahrt. Im südlichen Teil des Hauptbahnhofs ist bei Bauarbeiten ein vergessener Herren-Baderaum entdeckt worden. Er wird in seiner alten Form bewahrt und kann besichtigt werden, auch bei der FR-Tour. Dann ist da noch die wohl wichtigste Wandlung, die der Hauptbahnhof in den kommenden Jahren durchlaufen dürfte: Die Deutsche Bahn will in 35 Metern Tiefe einen neuen Fernbahnhof mit vier zusätzlichen Gleisen bauen. Ein Riesenprojekt, das Platz für noch mehr Züge bringen und das Gedrängel im restlichen Teil des Bahnhofs verringern soll. Zu sehen gibt es davon allerdings noch nichts.

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