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Wiesbaden: Ein Besuch im Landtag

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Von: Jutta Rippegather

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FR-Leser und Leserinnen können den Hessischen Landtag kennenlernen.
FR-Leser und Leserinnen können den Hessischen Landtag kennenlernen. © Michael Schick

Erst Architektur, dann Politik. Ein Besuch des Hessischen Landtags mit einer Führung durch das Stadtschloss und einer Diskussionsrunde mit Abgeordneten.

Der 10. Mai vergangenes Jahr war ein Einschnitt. Endlich ging es los mit dem Abbau der etwa 1200 Quadratmeter großen Gerüstplane am Wiesbadener Schlossplatz. Die fotorealistische Plane war nicht hässlich, man hatte sich wirklich Mühe gegeben. Aber was darunter zum Vorschein kam, ist schöner, weil echt. Rund drei Jahre hatte sie die Baustelle am Hessischen Landtag verborgen. Im Mai 2021 wurde sie endlich gelüftet. Seitdem haben die Menschen in Wiesbaden wieder freie Sicht auf die Fassade des klassizistischen Stadtschlosses, in dem einst die Herzöge von Nassau residierten. Und wo seit dem demokratischen Neubeginn nach dem zweiten Weltkrieg das frei gewählte hessische Landesparlament sitzt.

Ein Ort der Begegnung soll es sein, des politischen Dialogs und der politischen Bildung, in den wir Sie, liebe Leserinnen und Leser, gerne einladen. Der Besucherdienst des Hessischen Landtags hat für den 17. August einen informativen Vormittag gemeinsam mit der Frankfurter Rundschau organisiert. Nach dem architektonischen Rundgang folgt der politische Höhepunkt: Vertreterinnen und Vertreter von in den Landtag gewählten Parteien stehen für ein einstündiges Podiumsgespräch zur Verfügung, das von FR-Landtagskorrespondentin Jutta Rippegather geleitet wird.

Halten Sie ihre Fragen bereit. Löchern Sie gerne die Volksvertreterinnen und Volksvertreter. Die befinden sich bereits im Vorwahlkampfmodus. Die Landtagswahl im Herbst nächsten Jahres ist seit einigen Wochen spürbar. Die Parteien laufen sich warm. Drei Spitzenkandidaten haben sich bereits in Position gebracht – Boris Rhein für die CDU, Tarek Al-Wazir für die Grünen und Stefan Nass von der FDP. Wird Zeit, dass endlich eine Frau ihren Hut in den Ring wirft.

Energie, Klima, Sicherheit, Corona, Documenta – nach Themen für die Runde muss man nicht lange suchen. Sie liegen auf der Straße und stehen täglich in der Frankfurter Rundschau. 137 Sitze hat der Landtag in der aktuellen 20. Legislaturperiode – der zweiten unter einer schwarz-grünen Regierung. Sechs Parteien sind darin vertreten: CDU, Grüne, SPD, AFD, FDP und Die Linke.

Hochbetrieb herrscht derzeit nicht gerade im Landtag. Im Gegenteil. Wie die meisten Hessinnen und Hessen weilt das Gros der Landespolitikerinnen und Landespolitiker derzeit im Urlaub. Entspannt sich in den Bergen, an der See, auf Balkonien. Viele reisen auch durch den Wahlkreis, das Land. Es sind parlamentarische Ferien. Nicht für die Guides des Besucherdienstes. Nach der Corona-Zwangspause hat das Landesparlament zum Ende der Osterferien sein Besucherprogramm wieder aufgenommen. Trotz Pandemie gingen die Arbeiten am und im Stadtschloss munter weiter. Ein Riesenprojekt. Der Hausschwamm hat die Holzteile massiv angegriffen, vor fünf Jahren begannen die Vorbereitungen für die Sanierung. Jetzt ist Licht am Horizont zu sehen. Der erste Bauabschnitt soll Ende nächsten Jahres abgeschlossen sein.Leider sind wegen der Großbaustelle nicht alle Räume des historischen Gebäudes zugänglich. Doch es gibt genug zu sehen, um einen umfänglichen Eindruck zu gewinnen von den Örtlichkeiten, in denen die Geschicke des Landes Hessen und seiner Bevölkerung debattiert und entschieden werden. Etwa den Kuppelsaal mit dem tonnenschweren Kronleuchter aus sensationellen 24 000 böhmischen Kristallglasteilen. Wer ihn einmal sieht, wird ihn nicht mehr vergessen. Oder den Musiksaal, der bis heute für größere Veranstaltungen genutzt wird, etwa die Verleihung des Hessischen Friedenspreises. Die Wand- und Deckenmalereien stammen von Ludwig Pose. Dieser Raum wurde von 1946 bis 1960 als Plenarsaal des Landtages genutzt. Daneben befinden sich zwei Salons: das Kabinettzimmer mit Originalmöbeln und der Präsidentensalon. Beide wurden 1998 restauriert.

Mit den Planungen des Stadtschlosses hatte Herzog Wilhelm von Nassau im Jahre 1835 den Architekten Georg Moller betraut. Zwei Jahre später ging es los mit den Bauarbeiten unter der Aufsicht des Hofbaumeisters Richard Görz, vier Jahre später war das Gebäude fertig. Trotz des beeindruckenden Tempos erlebte der Herzog die Vollendung nicht. Er starb 1839. Sein Sohn Adolf zog 1841 in das Schloss ein und verließ es 1866, weil er wegen der Annexion der Preußen ins Exil musste. Danach diente das Gebäude als Aufenthaltsort für den preußischen Kaiser Wilhelm den Ersten und auch für Wilhelm den Zweiten. Im Zweiten Weltkrieg wurde es zerstört und danach wieder aufgebaut. Vom Musiksaal in einen richtigen Plenarsaal: 1960 bezogen die Abgeordneten die Räumlichkeiten, debattierten dort 46 Jahre lang. 2006 wurde er abgerissen und durch ein modernes Plenarsaalgebäude nach den Plänen der Darmstädter Architekten Waechter und Waechter ersetzt. Das ging 2008 in Betrieb – mit Tageslicht und natürlicher Belüftung, was die Arbeitsbedingungen deutlich verbesserte, denn: Die Abgeordneten sitzen auffällig eng beieinander.

So hatte es der Landtag gewollt. Der Architekt Felix Waechter verglich im FR-Interview das Raumprogramm einmal mit dem des britischen Unterhauses. Die dichte Anordnung beeinflusse das Gesprächsverhalten: „Es ist viel schwieriger, gegeneinander zu polemisieren, wenn ich dem anderen in die Augen schaue.“

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