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Legal Campen abseits überfüllter Plätze: Spontan ins Hinterland

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Von: Jakob Maurer

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Auf der Streuobstwiese des Weinguts finden viele Hinterland-Campende ihr Plätzchen.
Auf der Streuobstwiese des Weinguts finden viele Hinterland Camper ihr Plätzchen. © Jakob Maurer

Camping hat Konjunktur. Doch wo kommen all die Wohnmobile abends unter, wenn Plätze ständig ausgebucht sind? Das geht an vielen Orten, ganz legal. Eine Spurensuche

Jenseits von Main, Rhein und Nahe liegt es also, das „Hinterland“. Hier funkelt es nachts am Sternenhimmel in jeder Ecke. Hier dröhnt nicht der Flughafen, sondern das Brummen der Bundesstraße begleitet das spätsommerliche Grillenzirpen. Und hier liegt einer der Orte, wo abends so manche der immer zahlreicheren Wohnmobile und Camper-Vans – sowie das eine oder andere Zelt – ihren Unterschlupf für die Nacht finden. Ganz spontan und ganz legal.

Die Neuzulassungen von Caravans und Reisemobilen sind in den Corona-Jahren in die Höhe geschnellt. Verdoppelte sich die Zahl laut dem Caravaning Industrie Verband (CIVD) von 2013 bis 2019 noch von 40 000 auf 80 000, machte sie 2020 mit Beginn der Pandemie einen Satz auf 107 000 Neuzulassungen – und hielt 2021 das Niveau. Der Hype ist real – und braucht ein Zuhause.

Das merkt auch Phil Klein in Weinsheim. 200 bis 300 Gäste habe er seit 2020 schon bei sich gehabt, schätzt der 28-jährige Weinbauer aus Rheinland-Pfalz. Aus Belgien, aus den Niederlanden, aus vielen Ecken Deutschlands hat es sie ins beschauliche Örtchen im Naheland verschlagen. Unter anderem über das Portal „Hinterland“. Dort kosten Kleins Stellplätze, einer mit Stromanschluss und weitere ohne Infrastruktur auf einer Streuobstwiese, für eine Nacht 16 Euro.

Einfach bleiben, wo es schön ist

Den Namen der Plattform fasst Klein, gefragt, ob er sich darin denn wiedererkenne, keineswegs als Affront auf. Vielmehr sagt der hier Aufgewachsene mit einem Lachen: „Das ist schon Hinterland hier, tatsächlich.“ Zwischen Pfalz, Rheinhessen, Hunsrück und Eifel – ein Landstrich, wie es sie so oft gibt in Deutschland: irgendwo, aber irgendwie doch mittendrin. Auf der „Hinterland“-Website sind sie – diese Irgendwos – das Ziel. „Ein Airbnb für Camper und Abenteurer“ und eine legale Alternative zum Wildcampen wollten die Gründer Marcus Oltmanns und Oliver Raatz aufbauen. Inmitten der ersten Corona-Ausgangsbeschränkungen legten sie los. Seither finden Kurzentschlossene hier Plätze zum draußen übernachten im Zelt, Wohnmobil oder Baumhaus, fernab überfüllter Campingplätze, zumeist mitten im Grünen. Viele liegen auf Wiesen- oder Waldgrundstücken und können für ein Nachtlager, ein spontanes Wochenende oder den Sommerurlaub gebucht werden.

Vom Stellplatz kann man auf die Weinberge des Winzers schauen.
Vom Stellplatz sind die Weinberge nicht weit: Winzer Phil Klein begutachtet den jungen Spätburgunder über Weinsheim. © Jakob Maurer

„Man muss nicht weit weg, um im Urlaub zu sein“, wirbt Gastgeber Klein, klagt zugleich aber: „Viele verirren sich gar nicht erst hierher. Sie bleiben im Rheingau oder in Rheinhessen hängen.“ Doch das scheint sich gerade ein wenig zu ändern. Wer in Metropolregionen wie dem Rhein-Main-Gebiet nach einem „Hinterland“-Plätzchen sucht, tut sich schon mal schwer: Dort, wo sich Moloch und Molöcher tummeln, ist das Angebot spärlich. Regina und Lars sind dem Großraum Hannover entflohen und verbringen schon den zweiten Tag im Weinsheimer Hinterland. Sie wollten mit ihrem Campingbus eigentlich die niederländische Küste abklappern – doch volle Campingplätze durchkreuzten die Pläne. Aber das kam den beiden gelegen: „Ich will nicht planen, ich will da bleiben, wo es schön ist“, sagt Lars und freut sich, dass die Reise doch spontaner geworden ist. Schließlich seien sie immer „Feinde des Campingplatzes“ gewesen.

Landwirtschaft greifbar machen

„Dass viele so spontan sind“, sagt Klein, das hat ihn überrascht, als er mit dem Angebot angefangen hat. Nicht nur über die Plattform „Hinterland“ buchen die Reisenden. Lars und Regina nutzen etwa den Anbieter „Alpaca Camping“, der auch mit Kommunen kooperiert. Am Eingang von Kleins Streuobstwiese hängt zudem ein kleines Schild von „Landvergnügen“, einem Portal, das Stellplätze auf landwirtschaftlichen Betrieben vermittelt. Auch Lars und Regina haben so schließlich in Weinsheim ihre Ruhe gefunden. Während die Sonne sinkt, genießen sie eine Flasche Sylvaner. Wein aus dem Hause Klein, der nur ein paar Schritte weiter im Kühlschrank zum Kauf bereitsteht. Marketing gehört auch dazu. „Es ist eine Win-Win-Situation für alle Beteiligten“, sagt Lars und blickt vom Stellplatz direkt auf die Weinberge.

Kurz zuvor widmet sich dort oben Weinbauer Klein seinen Reben. Spätburgunder wächst hier im Südhang heran. Mit seiner Frau, die ebenfalls vom Fach ist, baut er seit ein paar Jahren einen eigenen Betrieb auf. Und unter den Gästen gebe es viele, die „uns im Weinberg besuchen und schauen, was wir gerade machen“. Dabei sind sie durchaus willkommen, Klein will für die Landwirtschaft „sensibilisieren“ und greifbar machen, „dass das hier kein Industriebetrieb ist“. Er zeigt auf den Steilhang direkt neben dem Wiesen-Stellplatz, dort wächst Luzerne, eine Klee-Art, die den Boden mit Nährstoffen aufpäppeln und gegen Erosion schützen soll. Noch so eine „Win-Win-Situation“. Oder, wie es Klein beschreibt: „Mehrwert finde ich immer gut.“

Weinberge für Riesling
Auch andere Weinberge können mit der App besucht werden. © Bernd Meier/dpa-tmn

Zuletzt reicht Klein für den Aufenthalt mit Zelt noch einen Spaten und eine Rolle Toilettenpapier. Sanitäre Einrichtungen bieten die naturnahen Stellplätze wie hier in Weinsheim nicht immer, es kommt also durchaus ein bisschen Abenteuerstimmung auf. Viele Camper reisen aber sowieso autark und sonst gibt es laut Klein auch viele, „die nicht viel brauchen“. Plötzlich bimmelt das Handy des Gastgebers, die Sonne ist schon am Untergehen hinter Weinsheim. Es kündigen sich noch Gäste an. Wenig später, es dämmert jetzt, beleuchten zwei Scheinwerfer-Lichter erst den leise brummenden Kühlschrank mit Wein, dann Lars und Regina und erklimmen schließlich den Weinberg zur Streuobstwiese. Am Nachthimmel beginnt es zu funkeln.

Kurz darauf laufen sich zwei Kinder den Bewegungsdrang nach einem Tag auf der Straße aus den Beinen. Es ist eine junge Familie auf dem Sauerland, die kurz entschlossen auf dem Weg nach Frankreich hier Halt macht, ganz spontan.

Online können Interessierte mehr als 1000 Zelt- und Stellplätze von der Nordsee bis ins Allgäu buchen unter: www.hinterland.camp

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