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Mit dem Fallschirm in die Sommerferien

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Von: Jakob Maurer

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Die Welt steht Kopf: Jakob Maurer (links) rast mit Tandemmaster Antonio dem Odenwald entgegen. Foto: Fallschirmsprungzentrum Odenwald.
Die Welt steht Kopf: Jakob Maurer (links) rast mit Tandemmaster Antonio dem Odenwald entgegen. © Fallschirmsprungzentrum Odenwald.

Beim Tandemsprung im Odenwald geht es mehr als eine halbe Minute im freien Fall dem Boden entgegen, ehe der Fallschirm aufgeht – danach sieht man die Welt mit anderen Augen. Sie können einen Fallschirmsprung gewinnen.

Die Landung ist so sanft, es ist absurd. Die Wiese kommt näher, die Beine sind ausgestreckt und angehoben. Eine letzte rasante Rechtskurve in die Tiefe, dann schrubben Gras, Klee und Blüten am Hintern, der sich schließlich gefühlvoll, fast schüchtern an die Erde anschmiegt. Gelandet.

Augenblicke zuvor herrschte noch Ausnahmezustand, Adrenalin-Overkill: Der Motor der Cessna lärmt, der Wind wirbelt um die Ohren, der Brustkorb hebt und senkt sich wie ein Blasebalg, die Tür öffnet sich und Tandempartner Antonio brüllt von hinten: „Bleib mutig!“ Jetzt gilt’s also.

Sommerferien in Hessen: Von Limburg zum Fallschirmsprung

Doch von vorne: In den Tagen vor dem Sprung schießt immer wieder das Zögern von früher im Freibad durch den Kopf: Sieben Meter vom Sprungturm waren in einem mutigen Moment das buchstäblich höchste der Gefühle. Der „Zehner“, der stets still und drohend im Zentrum über allem thronte, während es unter ihm kreischte, platschte, lachte – stand nie zur Debatte. Stattdessen jetzt: mehr als 3000 Meter.

„Warum seid Ihr hier? Seid Ihr lebensmüde?“, witzelt Tandemspringer Dimitrij Repp am Tag der Wahrheit zu Beginn seiner Einführung und erntet nervöse Lacher. Die Aufregung nehmen und doch zugleich ein wenig die Nerven kitzeln, so scheint der Plan. Noch ist der Himmel bedeckt und der morgendliche Regen verabschiedet sich dampfend aus dem Odenwald, auf ein Wiedersehen in den Wolken.

Eine Gruppe beobachtet ein Kleinflugzeug beim Start am Flugplatz Mainbullau.
Eine Gruppe beobachtet ein Kleinflugzeug beim Start am Flugplatz Mainbullau. © Jakob Maurer

Auch Benita, 17, und Chiara, 19, lauschen den Instruktionen. Die Schwestern sind aus der Nähe von Limburg zum Fallschirmsprungzentrum in Mainbullau gekommen. Der Sprung war ein Weihnachtsgeschenk: „Adrenalin finden wir schon ganz cool“, sagt Chiara selbstbewusst. Zuvor hätten sie einmal Paragliding probiert, doch das heute, sind sie sich sicher, „ist noch was anderes“.

Fallschirmspringen in Rhein-Main: Mit Tandemsprung in die Tiefe

„Dein Testament?“, fragt Repp schmunzelnd von der Seite, als die Anmeldung unterzeichnet wird. Er hat gut lachen, der 41-Jährige ist bereits mehr als 1600 Mal gesprungen. Seit acht Jahren ist er Tandemmaster, wie die Sprungbegleiter:innen genannt werden. Von Mai bis Ende September ist der Softwareentwickler aus Frankfurt jedes Wochenende hier und ermöglicht Neulingen erste Erlebnisse mit dem Fallschirm.

Mit Gurten und Haken sind die Erfahrenen mit den Unerfahrenen verbunden. Beim Sprung und davor geben die Tandemmaster Kommandos: Kopf in den Nacken, Hohlkreuz, Füße zum Hintern. Später lösen sie den Schirm, machen Fotos und steuern die Landung – das volle Programm.

„Boarding!“, ruft dann schon bald Betreiber und Sprungleiter Thomas Schaub. Die ersten Waghalsigen verlassen das große Zelt, dem Dreh- und Angelpunkt des Sprungbetriebs. „In den Fallschirmsport reinschnuppern kann man am besten mit einem Tandemsprung“, sagt Schaub. Beginnen könne man damit jedoch erst, wenn eine gewisse geistige Reife vorhanden sei. Es müsse klar sein: Hier fährt man nicht Achterbahn, sondern es braucht eine ernsthafte Einstellung. Von 13, 14 Jahren an sei ein Sprung möglich – und bei entsprechender Fitness bis ins Alter.

Fallschirmspringen: Sprung-Ausbildungen in der Nebensaison

Auch Sprung-Ausbildungen bietet Schaubs Unternehmen an. Sie werden meist in der Nebensaison in mehrtägigen Blöcken absolviert. 25 Sprünge müsse man dann mindestens vorweisen, um am Ende den “Luftfahrerschein für Luftsportgeräteführer“ zu erhalten – die Lizenz zum Fallschirmspringen.

Doch das ist in weiter Ferne. Jetzt wird es ernst. Mit blau-orangenem Overall bekleidet und Tandemmaster Antonio an der Seite, der in 33 Jahren rund 9500 Sprünge gesammelt hat, geht es auf das Rollfeld und hinein in das Leichtflugzeug.

Tandemsprung im Odenwald: Dimitrij Repp und Thomas Schaub holen die Cessna aus dem Hangar.
Tandemsprung im Odenwald: Dimitrij Repp und Thomas Schaub holen die Cessna aus dem Hangar. © Jakob Maurer

Die Cessna hebt ab, Windräder werden Windrädchen, eine Talsperre zur Pfütze, Michelstadt überflogen, der Odenwald ist in seiner ganzen Pracht sichtbar. Fast 20 Minuten kreist die Maschine zum Höhepunkt. Dann passiert das Flugzeug Wolkentürme, „15 Sekunden“, ruft Antonio. Die Beine schlottern, der Brustkorb beginnt zu pumpen: „Bleib mutig!“

Fallschirm öffnet sich in rund 1500 Meter Höhe

Wie Steine plumpsen erst Chiara, dann Benita aus dem Flugzeug. Sie verschwinden sofort aus dem Sichtfeld. Es geht zur Öffnung. Als die Beine aus der Maschine hängen, die Wolken, der Wald darunter, ist der verbliebene Mut fast aufgebraucht. Das Flugzeug neigt sich, schüttelt seine Passagiere ab und der ungebremste Fall beginnt: Hello Schwerkraft, my old friend. Auch wenn Du nicht weg warst, jetzt bist Du gefühlt erst voll da.

Fallschirmspringen im Odenwald: Reporter Jakob Maurer (links) beim Tandemsprung für „Ferien zu Hause“.
Fallschirmspringen im Odenwald: Reporter Jakob Maurer (links) beim Tandemsprung. © Fallschrimsprungzentrum Odenwald

Alles dreht sich, flattert, rauscht. Das Gefühl des Fallens ist überwältigend, die Anziehung der Erde, die Beschleunigung auf bis zu 200 Kilometer pro Stunde durchfährt den Körper. Bis auf den lauten Schrei entzieht sich fast alles der Wahrnehmung. Es ist der völlige Kontrollverlust – wenn der Begleiter nicht wäre.

Nach rund 40 Sekunden, in etwa 1500 Metern Höhe, öffnet Antonio den Schirm und damit den Blick für die Welt von oben. Wie an einem großen Lenkdrachen geht es fortan vier Minuten mit breitem Grinsen der sanften Landung entgegen. (Von Jakob Maurer)

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