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Schaltstelle zur Natur

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Von: Thomas Stillbauer

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Darmstadt. 12.07.2022. Bioversum im Jagdschloss Kranichstein. Ausstellung zu Natur und Biologischer Vielfalt, Artenvielfalt.
Die Kranichsteiner Stadtmusikanten: Damhirsch, Waschbär, Bisamratte, Fasan. © Renate Hoyer

Im Bioversum Kranichstein lässt sich lernen, was die Welt am Leben hält – und Spaß macht es auch noch

So eine richtige Räumung wegen eines echten Bombenalarms in der Nähe hat man natürlich nicht alle Tage im Bioversum. Mit Straßensperren und Polizei und einer Kindergruppe, die möglichst schnell hinausbugsiert werden muss, ohne dass die Kinder panisch werden. Auch als Reporter, der etwas für die „Ferien zu Hause“ übers Bioversum schreiben soll, muss man schon viel Glück (oder Pech) haben, um in so etwas hineinzugeraten.

Aber es ist alles gutgegangen, und die Zeit bis zur Räumung hat genügt, um festzustellen: Feine Sache, diese Ausstellung im und ums Zeughaus des Jagdschlosses Kranichstein bei Darmstadt. Und vielfältig. Denn darum geht es ja: um „die biologische Sicht auf das kulturelle und naturhistorische Erbe und die Vermittlung ihrer lebenden Vielfalt“ – so lautet das Selbstverständnis vor Ort. Schaltstelle zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit will das Bioversum sein. 2008 wurde es als Museum eröffnet, 2015 um das Freilandlabor erweitert. Schauen wir mal, was es in der Schaltstelle zu schalten gibt. Gleich rechts vom Eingang verursachen einige Schalter, dass plötzlich Leute aus Blumentöpfen sprechen. Sie hätten einen Schmetterlingsgarten angelegt, erzählen sie. Zwei kleine Kinder sind fasziniert. Sprechende Blumentöpfe!

Darmstadt. 12.07.2022. Bioversum im Jagdschloss Kranichstein. Ausstellung zu Natur und Biologischer Vielfalt, Artenvielfalt. Freilandlabor.
Es blüht, brummt und summt im Freilandlabor des Bioversums am Jagdschloss Kranichstein. Hier gibt ganz viel zu entdecken, zu raten und auszuprobieren. © Renate Hoyer

Zehn Schritte weiter haben sich die Kranichsteiner Stadtmusikanten aufgebaut, hier in der Formation Damhirsch, Waschbär, Bisamratte und ganz oben: Fasan. Rund um den Ort gibt es nämlich viel Natur. Sie soll in der Schau beispielhaft vorkommen. Ah, da drüben kann man was zuordnen, das richtige Korn zur richtigen Pflanze. Na, das ist doch garantiert … Gerste. Falsch. Roggen. Falsch. Raps? Falsch. Sonnenblumenkerne? Falsch. Weizen? Ja! Na also. Fast auf Anhieb. Zielgruppe des Bioversums sind Familien, Schülerinnen und Schüler, sagt Sprecherin Johanna Müller. Alle sollen für biologische Vielfalt und die naturwissenschaftlichen Grundlagen interessiert werden.

Das gewachsene Bewusstsein stärke dann wiederum die Biodiversität. „Ziel unserer Arbeit ist es, Spaß an der Thematik zu vermitteln und zu verantwortungsvollem Umgang mit der Natur anzuregen“, sagt Johanna Müller. Die Mütter mit ihren zwei kleinen Weltentdeckern erfahren gerade in der Reiseecke, was man auf keinen Fall aus der Ferne mit nach Hause bringt. Schlangenlederstiefel. Getrocknete Seepferdchen. Kakteen. Elfenbein. Versteht sich von selbst. Aber manche Geschöpfe bringen sich selbst mit. „Guck mal, wie weit die Wandermuschel rumkommt!“, ruft eine der jungen Mütter. Allgemeines Staunen. Die Wandermuschel hat es vom Schwarzen Meer bis in die Nord- und die Ostsee geschafft – als blinde Passagierin der Flussschifffahrt.

Was ist eigentlich eine Tierart? In dem herrlichen alten Gebäude kann man erfahren: Selbst die Wissenschaft diskutiert noch darüber. Und was ist eine Population? Schon einfacher: eine Gruppe von Lebewesen in einem begrenzten Gebiet. Da kommt wieder die nähere Umgebung zum Tragen. Kranichstein hat zwei Populationen aus zwei Arten, die recht ähnlich sind: die Hain-Bänderschnecke, die im Wald lebt, und die Garten-Bänderschnecke, die den Schrebern Gesellschaft leistet.

Schädel vergleichen, Konzert arrangieren

Was kann man noch machen? Schädel vergleichen, etwa jene von Wildschwein, Maulwurf, Kaninchen und Waldspitzmaus (nein, nicht jene von Onkel Richards Kegelbrüdern am Morgen nach dem Stammtisch), man kann Käfer, Bienen, Schmetterlinge genau unter die Lupe nehmen und einen Laubfrosch aus dem eigenen Mobiltelefon sprechen lassen. QR-Code gescannt, schon legt er los: „Am schönsten laicht es sich in Gewässern ohne Fische – denn die fressen immer unseren ganzen Laich auf.“

Darmstadt. 12.07.2022. Bioversum im Jagdschloss Kranichstein. Ausstellung zu Natur und Biologischer Vielfalt, Artenvielfalt.
Ausstellung zu Natur und Biologischer Vielfalt. © Renate Hoyer

Wer will, kann ein gemeinsames Konzert von Waldkauz, Nachtigall und Waldohreule arrangieren. Oder dem Eichhörnchen Annabelle zuhören, das erzählt, wo es schläft (im Kobel) und wem es die Eier klaut. Größter Blickfang ist die zentrale meterlange Vitrine, die eine typische Waldgesellschaft zeigt. Der Fuchs schaut aus seinem Bau, ein Eichhörnchen, wahrscheinlich Annabelle, kraxelt den Baum runter, die Schlange ringelt sich, der Sperber hat eine Taube geschlagen, so ist eben die Natur. Unterirdisch lässt sich ein Dachsbau sehen und eine winterschlafende Erdkröte. Man könnte stundenlang weiterschauen, wer noch alles da ist. Oder das Regenwurm-Quiz lösen. Mögen Regenwürmer Regen? Und werden wirklich aus einem Regenwurm zwei, wenn er in der Mitte (ein Unfall!) zerteilt wird? Wird natürlich hier nicht verraten. Höchstens am Ende des Textes. Vielleicht.

Man kann Sachen auf- und zumachen im Bioversum. Man kann rausgehen ins Freilandlabor. Dort die Speisekarte im „Gasthaus Angepasste Vielfalt“ studieren: „Suppe vom Wasserfloh“. Oder „Wasserlinsen-Froschlaich-Eintopf“, bei Enten sehr beliebt. Man kann draußen Pflanzen an ihren Blättern erkennen und einander mit Telefonen anrufen, um über Pflanzen zu fachsimpeln. Wenn nicht gerade irgendwo in Darmstadt ein Bombenalarm ist, der zum Aufbruch drängt. Nur noch schnell die Regenwurm-Antworten – wer sie vor Ort selbst herausfinden will, hält sich jetzt die Augen zu. Erstens: Regenwürmer mögen keinen Regen, weil sie dann schnell an die Oberfläche müssen, um nicht zu ertrinken. Zweitens: Aus einem Wurm werden nicht zwei. Aber der eine überlebt, wenn mehr als die Hälfte von ihm übrig ist. Am liebsten bleibt er trotzdem ganz, so wie wir Menschen.

Tickets und Öffnungszeiten

Das Bioversum im Zeughaus des Jagdschlosses Kranichstein in Darmstadt ist dienstags bis freitags von 11 bis 17 Uhr und an den Wochenenden von 10 bis 18 Uhr geöffnet.

Der Eintritt kostet 7,50 Euro für Erwachsene und 5 Euro für Kinder zwischen vier und 16 Jahren, jüngere Kinder haben freien Eintritt. Eine Familienkarte gibt es für einen Erwachsenen mit bis zu vier Kindern beziehungsweise für zwei Erwachsene mit einem Kind (14 Euro) oder für zwei Erwachsene mit bis zu vier Kindern (17 Euro). Kindergeburtstage, Falkner-Vorführungen; ein Besucherlabor, ein Outdoor-Escape-Spiel, eine Kinderwerkstatt und sowie momentan ein spezielles Familien-Ferienprogramm gibt es ebenfalls im Bioversum.

Informationen und eine Anfahrtsbeschreibung gibt es online auf www.jagdschloss-kranichstein.de ako

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