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Führung im Hessenpark: Es gackert, grunzt und muht

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Von: Meike Kolodziejczyk

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Ei wie fein, das Sattelschwein ist auf der Weide nicht allein und tollt vergnügt im Sonnenschein. Foto: © Peter Jülich.
Ei wie fein, das Sattelschwein ist auf der Weide nicht allein und tollt vergnügt im Sonnenschein. © peter-juelich.com

Im Hessenpark gibt es nicht nur altes Bau- und Handwerk, auch allerlei Getier tummelt sich in dem Freilichtmuseum. Unter dem Titel „Das liebe Vieh“ bietet Jenny Rehs Führungen an.

Drei Esel trotten gemächlich hinter dem Gesträuch hervor. Eigentlich wurden sie erst an den Windmühlen erwartet, just aber drehen sie eine Runde im Hessenpark. Mitarbeiterinnen des Freilichtmuseums führen sie am Halfter, eines der Tiere trägt einen Packsattel auf dem Rücken.

Einst waren Esel in Deutschland gängige Last- und Zugtiere, trittsicher schleppten sie Getreide- und Mehlsäcke auch durch unwegsames Gebiet. Derlei Plackerei bleibt den Stuten Maja, Lena und Lisa zwar erspart, doch ein bisschen Übung kann ja nicht schaden. Vorsichtig nähern sich die Kinder den Eseln und kraulen sie an Hals und Schopf. „Oh, wie weich“, stellen sie fest. Und: „Wie süß.“

„Oh, wie weich!“: Milan streichelt die Eselstuten Lena und Maja.
„Oh, wie weich!“: Milan streichelt die Eselstuten Lena und Maja. © peter-juelich.com

Possierlich ist auch das Kaninchen, das im nahen Gehege herumhoppelt, ein Meißner Widder mit schwarzbraunem Fell und langen Hängeohren. „Diese Kaninchen waren einmal sehr beliebt, heute zählen sie zu den bedrohten Haustierrassen“, sagt Jenny Rehs und rückt ihren Strohhut zurecht.

Führung im Hessenpark: Zertifizierter „Arche-Park“

Bis in die 1950er Jahre hätten vor allem Menschen, die kein Weideland besaßen und sich kein Großvieh leisten konnten, sie geschätzt „als Pelz- und Fleischlieferant“, erklärt sie der nun etwas betreten dreinblickenden Gruppe. „Früher wurden Tiere nämlich nicht gehalten, um sie zu streicheln.“

So ist auch der Hessenpark kein Streichelzoo, obschon auf dem 65 Hektar großen Gelände nahe Neu-Anspach nicht nur mehr als 100 historische Häuser stehen, sondern auch allerlei Tiere leben. die einst für die Region typisch und wichtig waren. Doch viele von ihnen wurden im Zuge der Zeit verdrängt, weil sie den Ansprüchen der modernen Landwirtschaft nicht mehr genügten. Davon erzählt Jenny Rehs in ihrer Führung „Das liebe Vieh“ und lotst auf dessen Spuren quer durch den Hessenpark, der sich als zertifizierter „Arche-Park“ dem Schutz und Erhalt alter Nutztierrassen verschrieben hat und diese auch gezielt züchtet. Den Meißner Widder zum Beispiel. Oder das Rote Höhenvieh, das Rhönschaf, das Vorwerkhuhn.

So machen Sie mit

Am 18. August verlosen wir fünfmal zwei Karten für die Führung „Das liebe Vieh“ durch das Freilichtmuseum Hessenpark bei Neu-Anspach. Die Führung findet am Dienstag, 24. August, ab 12 Uhr statt und dauert eineinhalb Stunden.
Wer mitmachen möchte, findet die Angaben in der gedruckten Ausgabe oder im E-Paper.

Derzeit ist der Hessenpark täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Jeder Museumsbesuch muss vorab angemeldet werden. Der Eintritt kostet 9 Euro für Erwachsene und einen Euro für Kinder ab sechs Jahren sowie Schulkinder, Studierende und Azubis. Für Kinder bis fünf Jahre ist der Eintritt frei. Wer nur zum Einkaufen oder zum Einkehren in die Gaststätten auf den Marktplatz möchte, sagt an der Kasse Bescheid und erhält ebenfalls freien Zutritt. red

Führung im Hessenpark: „Alle Tiere auf dem Bauernhof hatten einen Zweck“

Jenny Rehs ist oft mit Publikum in dem Freilichtmuseum im Taunus unterwegs. Die Fachwerkhäuser bilden die Kulisse für kleine Stücke und Führungen, in denen die gelernte Schauspielerin und Theaterpädagogin den Alltag der Landbevölkerung in vorigen Jahrhunderten darstellt. Und in diesem spielte das liebe Vieh eine große Rolle. „Alle Tiere auf dem Bauernhof hatten einen Zweck“, sagt Rehs. Sie waren Bewacher, Beschützer oder Schädlingsbekämpfer, dienten als Arbeitskraft und bereicherten den Speiseplan. „Tiere waren ein wesentlicher Bestandteil des Lebens.“

Leinegänse sind gute Wachtiere. Foto: © Peter Jülich.
Leinegänse sind gute Wachtiere. © peter-juelich.com

Wie eng das Verhältnis zwischen Mensch und Vieh zuweilen war, erläutert Rehs am 1709 erbauten Einhaus aus Mademühlen im Westerwald. „Da war alles unter einem Dach: das Wohnhaus und der Stall.“ Der Vorteil: „Die Menschen waren schnell bei den Tieren.“ Der Nachteil: Die Tiere waren auch schnell bei den Menschen. „Und es hat manchmal ziemlich gestunken.“

Mief dünstete mitunter auch der Misthaufen aus, der gerne für alle sichtbar im Hof aufgetürmt wurde, je höher, desto besser. „Ein großer Misthaufen war ein Zeichen, dass der Bauer viele Tiere hatte und wohlhabend war.“ Ein Statussymbol, „so wie heute ein dickes Auto“. Dagegen kann das Häuflein auf dem Holzkarren hinterm Zaun nicht anstinken. Dafür stolziert ein Hahn wie aus dem Bilderbuch darauf herum, seine Hennen scharren am Boden nach Futter.

Führung im Hessenpark: Federvieh darf tagsüber frei herumlaufen

Wie das Vorwerkhuhn war auch das Altsteirer Huhn früher weitverbreitet in Deutschland. Heute sind beide Rassen fast ausgestorben, weil die hochgezüchteten Legehennen und Masthähnchen der industrialisierten Massentierhaltung mehr Leistung bringen: mehr Eier und mehr Fleisch in kürzerer Zeit. Jenny Rehs erläutert anhand eines DIN-A4-Blattes, wie viel Platz ein Huhn in der Legebatterie hat. Im Hessenpark darf das Federvieh tagsüber frei herumlaufen.

Noch vertragen sich die jungen Vorwerkhähne in ihrem Stall.
Noch vertragen sich die jungen Vorwerkhähne in ihrem Stall. © peter-juelich.com

Vor einem Gebäude drängen sich vier Jugendliche an der Stallluke und halten ihre Handys hinein. Als die Fotosession beendet ist, kann auch die Führungsgruppe einen Blick auf den Zuchterfolg des Deutschen Sattelschweins werfen: Eine Sau und ein halbes Dutzend Ferkel strolchen im Stall durchs Stroh. Rehs zieht ein paar Dinge aus ihrer Umhängetasche. „Was ist alles vom Schwein?“, fragt sie die Kinder. „Die Borsten vom Pinsel“, weiß die siebenjährige Amali. „In Gummibärchen ist Gelatine“, sagt ihr Bruder Milan. „Die wird aus Knochen gewonnen.“ Aber zum Glück, schiebt der Elfjährige leise nach, gebe es ja auch vegane Gummibärchen.

Führung im Hessenpark: Eselinnen Maja, Lena und Lisa

Und zum Glück haben die Sattelschweine viel Platz und Freiheit auf ihrer Weide im Hessenpark, so wie die Rinder, die Ziegen, die Schafe – anders als die meisten ihrer Artgenossen in der konventionellen Landwirtschaft, in der es zunächst um Ertrag und Leistung geht, oft auf Kosten de Tiere. Während ein Bauer um 1900 seine Familie und vier weitere Personen ernährt habe, kämen seine Kollegen heute im Schnitte auf 155, erklärt Jenny Rehs.

Bei der Führung „Das liebe Vieh“ mit Guide Jenny Rehs im Hessenpark. Foto: © Peter Jülich.
Bei der Führung „Das liebe Vieh“ mit Guide Jenny Rehs im Hessenpark. © peter-juelich.com

Die Eselinnen Maja, Lena und Lisa sind derweil wieder zurück auf der Wiese an der Windmühle. „Esel werden bis heute in vielen Regionen der Welt als Lasttiere eingesetzt“, sagt Annemarie Bank-Lauer, die sich im Hessenpark freiberuflich um die drei Stuten kümmert. Immerhin gehören Esel auch in Deutschland nicht zum aussterbenden Nutzvieh, sondern erfreuen sich großer Beliebtheit, und zwar nicht nur bei Kindern. Amali wittert ihre Chance: „Mama“, fragt sie, „können wir einen Esel haben?“

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