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Frankfurterisch für Neulinge

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Von: Holger Vonhof

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Katharina Schaaf schlüpft im Höchster Schloss in die Rolle der Catharina Elisabeth Goethe. Foto: Leonard Hamerski.
Katharina Schaaf schlüpft im Höchster Schloss in die Rolle der Catharina Elisabeth Goethe. © Hamerski

Mundarttheater galt früher als muffig, doch immer mehr Menschen haben Spaß am Dialekt. Daran hat auch Katharina Schaaf ihren Anteil – an der Volkshochschule lehrt sie Babbeln. Von Holger Vonhof

Es gibt Menschen, die sprachlich so benachteiligt sind, dass sie kein Frankfurterisch verstehen. Diesen Satz, den man sich auf apfelweinbenetzten Lippen zergehen lassen muss, stammt von Katharina Schaaf.

Die Schauspielerin, Übersetzerin, Mundartspezialistin und Historikerin ist seit August wieder in diversen Rollen zu erleben – als „Äbbel-Ännche“, Frankfurter Dienstmädchen „Klärchen“ oder auch Mutter Goethe, nicht nur in Frankfurt, sondern etwa auch auf dem Rettershof in Kelkheim.

An der Frankfurter Volkshochschule unterrichtet sie Mundart, Ende Oktober geht es wieder los. In einer frankophilen Altphilologenfamilie aufgewachsen, hat Schaaf an Friedrich Stoltzes melodischem Auf und Ab, an Wörtern wie „Herzbennel“, mindestens ebenso viel Spaß wie an Homer. Auf ihrer Homepage www.dj-cat.de hält sie Klangminiaturen bereit, die Lust auf eine Begegnung mit ihren Figuren machen.

Der Vorzeige-Mundartbabbler

Michael Quast, Impresario der „Fliegenden Volksbühne“, wurde mit der Sommerfestspielreihe „Barock am Main“ in Frankfurt-Höchst zum Vorzeige-Mundartbabbler – dabei stammt er aus Heidelberg und hat in Stuttgart studiert. „Wenn man selbst einen Heimatdialekt hat, ist man auch für andere Dialekte empfänglich“, sagt der Theatermann.

„Wenn man selbst einen Heimatdialekt hat, ist man auch für andere Dialekte empfänglich“: sagt Michael Quast, hier mit Katerina Zemankova. Foto: Maik Reuß.
„Wenn man selbst einen Heimatdialekt hat, ist man auch für andere Dialekte empfänglich“: sagt Michael Quast, hier mit Katerina Zemankova. © Maik Reuß

Sein Erfolgsrezept besteht darin, große menschliche Dramen – etwa von Molière – über den Dialekt begreifbarer zu machen. Dabei, sagt er, höre er auch von jüngeren Zuschauer:innen, dass sie ganz überrascht seien von der Qualität. Quast entdeckt Autoren wieder, die vergessen sind.

Im Juli bei „Sommer im Höfche“ ließ er den Rödelheimer USA-Auswanderer Maximilian Leopold Langenschwarz aufleben. Nach der Revolution von 1848 war dieser nach New York gegangen und hatte dort eine Zeitung herausgegeben. Ein weiteres Beispiel: Im Herbst steht Carl Balthasar Malß (1792-1848) im Fokus, dessen Stück „Der Bürgercapitain“ für Quast der „Urknall des Frankfurter Mundarttheaters“ ist – und seinerzeit auch bei Liesel Christ gespielt wurde. Die Wiederaufführung im Herbst steht unter besonderen Vorzeichen: „Der Bürgercapitain“ war im August 1821 – also vor 200 Jahren – erstaufgeführt worden.

„Die Leute haben sich damals schippelisch gelacht über Sachen, die man heute nicht mehr versteht“, sagt Quast, weswegen es Erklärungen dazu gebe. Aber: „Das bringen wir mit auf die Bühne“, sagt er. „Das ist eine echte Herausforderung, aber das ist genau unser Thema.“ Die Festivalreihe „Barock am Main“ etwa sei der Gegenentwurf zu einem anbiedernden Volkstheater. Mundart, glaubt Quast, habe ein „angestaubtes Image“ gehabt durch Komödienstadl & Co. im Fernsehen.

„Rodgau Monotones“ sangen im Rhein-Main-Dialekt

Das fing sich zu ändern an mit den damals Jungen: Die „Rodgau Monotones“ sangen im Rhein-Main-Dialekt wie BAP auf Kölsch; mit „Badesalz“ hielt der Dialekt auch außerhalb Bayerns und des Ruhrgebiets wieder Einzug auf die Komikerbühnen. „Das ist heute kein schenkelklopfendes Bauerntheater“, sagt Quast. Molière auf Hessisch etwa erschlösse ganz andere Welten: „Die Zuschauer kommen den Figuren so nahe, dass sie sich erkennen“, sagt Quast. Dieses Vergnügen des Wiedererkennens gehe über reine Schadenfreude und Wortwitz hinaus. Zumal man, wenn man in der Sprache des Volkes Geschichten erzähle, ganz andere Saiten anschlagen könne.

Hessisch Lernen

Vom 25. Oktober bis 13. November unterrichtet Katharina Schaaf Hessisch – dreimal montags von 18.30 Uhr bis 20.45 Uhr mit einer Exkursion ins Goethehaus. Auch Goethe sprach Dialekt. Anders reimt sich „O neige, du Segensreiche“ sich einfach nicht.

Aber was ist Hessisch , was ist Frankfurterisch? Im alten Sachsenhausen sprach man anders als rund um den Dom, und mit dem, was die Menschen in der Wetterau, im Rheingau oder auch im zwischen Frankfurt und Mainz gelegenen Städtchen Höchst sprachen, hatte das nur dahingehend zu tun, dass alle Spracheigenarten zur großen Gruppe der main- und rheinfränkischen Dialekte gehören.

Teilnehmer:innen können bei Katharina Schaaf hören und sprechen üben und die manchmal etwas eigenwillige Grammatik untersuchen. Es geht um Geschichte, Kultur und die „romantische Seele“ der Hessen und der Frankfurter: Kursnummer 4099-70, VHS Sonnemannstraße, Frankfurt, Teilnahmegebühr: 50 Euro. red

Das weiß auch Rainer Weisbecker, Bluesmusiker und Mundartdichter. „Hochdeutsch ist meine erste Fremdsprache“, hat der in Frankfurt-Niederrad und -Goldstein aufgewachsene Liedermacher mal in einem Interview gesagt. 1970, mit 17, hatte er erste Auftritte mit diversen Frankfurter Bluesbands, war zeitweise Bassist der „Frankfurt City Blues Band“. Seit Anfang der 1970er schreibt er in Mundart. Seit der ersten Buchveröffentlichung 1998 sind acht Bücher mit Gedichten und Kurzgeschichten und sechs CDs mit Liedern im Frankfurter Dialekt von ihm erschienen.

Ein Aufbegehren junger Künstlerinnen und Künstler gegen das Angestaubte

Seit 2001 ist er „freischaffender Mundartdichter und Liedermacher“. Auch er kam über Stoltze zur Beschäftigung mit dem Dialekt, doch den sprach man bei ihm auch zu Hause – Weisbecker fällt also unter das, was die Sprachwissenschaft heute als „native speaker“ bezeichnen.

Spielt den Blues auf Hessisch: Musiker Rainer Weisbecker. Foto: Privat.
Spielt den Blues auf Hessisch: Musiker Rainer Weisbecker. © .

Weisbecker singt vom „Ranzereiße“ oder vom „Rattegickel aus de Unnergaß“, bekommt den Blues „allaa beim Äppelwoi“ oder vertont Karl Ettlinger (1882-1939), der ab 1902 in der Wochenzeitschrift „Die Jugend“ Gedichte in Frankfurter Mundart veröffentlichte. Nach dieser Zeitschrift wurde der Jugendstil benannt, ein Aufbegehren junger Künstlerinnen und Künstler gegen das Angestaubte.

Szenen als Podcasts abrufbar

Wie sich das Image des Volkstheaters gewandelt hat, darüber haben Quast und seine Truppe in der Corona-Zeit Sieben-Minuten-Filmchen gedreht und bei Youtube eingestellt. Sie pflegen einen selbstironischen Umgang und einen reichlich verqueren Witz. Mit dem Hessischen Rundfunk hat Quast für HR4 unter dem Titel „Der ganz normale Wahnsinn“ Minidramen eingesprochen; die Texte stammen von Susanne Hasenstab. Auch diese Szenen leben von Dialekt – und sind als Podcasts abrufbar.

In Hessen hätte Michael Quast gerne mehr Aufmerksamkeit für den Dialekt, so, wie ihn etwa der Mitteldeutsche Rundfunk dem Sächsischen angedeihen lasse: Dort werde im Hörfunk Worten nachgeforscht, die im Verschwinden begriffen seien. Quast: „So etwas wünsche ich mir hier auch.“ (Von Holger Vonhof)

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