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Ein Museum in Fulda fasst sich ein Herz – nicht nur für Kinder

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Von: Julian Dorn

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Gäste der Kinder-Akademie in Fulda vor dem „Begehbaren Herz“. Foto: Andreas Reeg.
Gäste der Kinder-Akademie in Fulda vor dem „Begehbaren Herz“. © Andreas Reeg

Die Fuldaer Kinder-Akademie bringt den Nachwuchs spielerisch mit Kunst und Wissenschaft in Berührung – Prunkstück ist das europaweit einzigartige „Begehbare Herz“.

In die rechte Herzkammer klettert das menschliche Blutkörperchen durch die untere Hohlvene, eine enge Röhre. Dann geht es weiter über eine wellige Oberfläche mit Einbuchtungen bis zu einer Metallstange. Mehr oder weniger elegant, aber in jedem Fall schwungvoll saust es hinab in den linken Vorhof. Von dort geht es, immer dem Blutstrom folgend, gebückt durch die linke Herzkammer. Als das fünf Meter hohe und mit 36 Quadratmetern üppig dimensionierte Modell der menschlichen Pumpe durch die Aorta wieder verlassen wird, klopft auch sein faustgroßes Original schneller. So eine Reise durch den menschlichen Körper strengt an – die Pfade des Herzens sind eben verschlungen.

„Und, verirrt?“, fragt Yvonne Petrina lapidar, als sie den Besucher am Ausgang wieder in Empfang nimmt. Die promovierte Archäologin leitet die Kinder-Akademie in Fulda, und das blutrot angemalte Modell ist seit 1994 das Juwel des Museums. Die Dimensionen und Proportionen des künstlichen Herzens entsprechen den anatomischen in einem Verhältnis von 1:60.

Kinder-Akademie in Fulda: Was passiert, wenn das Herz erkrankt

Das imposante Exponat soll vor allem den jungen Besucherinnen und Besuchern zeigen, wie das Pumporgan funktioniert. Sie lernen, was passiert, wenn das Herz einmal krank wird, und wieso es sprichwörtlich „in die Hose rutschen“ kann. Die „Herzdamen“ – so nennt das Team der Kinder-Akademie die Kolleginnen, die durch das naturgetreue und anatomisch exakt gestaltete Modell führen – erklären, wie das Organ aufgebaut ist und warum etwa Zähneputzen es stärkt: Schließlich können Viren und Bakterien schon im jungen Alter Herzklappen- und Herzmuskelentzündungen verursachen.

Das „Begehbare Herz“ von innen. Foto: Andreas Reeg.
Das „Begehbare Herz“ von innen. © Andreas Reeg

Helen Bonzel, die die Kinder-Akademie 1991 gründete, ist die Erfinderin des Modells. Das Herzensprojekt stellte den Ehemann der Mäzenin, den Kardiologen Tassilo Bonzel, und sein Team seinerzeit vor große Herausforderungen: Bonzel übernahm die wissenschaftliche Beratung, und der Ausstellungsgestalter Stefan Haslbeck vom Deutschen Hygiene-Museum in Dresden baute schließlich das „Begehbare Herz“.

Kinder-Akademie in Fulda: Sogar Herzpatienten kommen hierher

Seither lockt es jährlich bis zu 50 000 Besucherinnen und Besucher in die Kinder-Akademie auf das ehemalige Fabrikareal an der Mehlerstraße in der osthessischen Barockstadt. Nicht nur Kinder klettern durch die engen Röhren. „Sogar Herzpatienten und ihre Angehörigen kommen nach Fulda für Vorträge und, um ihr Organ und ihre Krankheit besser zu verstehen“, sagt Petrina. Spätestens nach der Reise durch das riesige Herz liege den meisten ihr Motor des Lebens, der niemals Pause macht, am Herzen, ist Petrina, überzeugt. Die in Oxford promovierte 42-Jährige leitet die Kinder-Akademie seit 2018.

Doch was verbirgt sich eigentlich hinter dem Namen der Einrichtung? Eine Lehranstalt für ehrgeizigen Nachwuchs? Eine Kaderschmiede für junge Genies? Petrina lacht, überlegt kurz und erwidert: „In erster Linie sind wir ein Mitmach-Museum.“ Ziel sei es, Kinder in Berührung mit den Naturwissenschaften, Kunst und Kultur zu bringen. „Hands on“ nennt sich das museumspädagogische Konzept der Einrichtung: durch Anfassen, Anschauen und Ausprobieren komplexe Sachverhalte spielerisch „begreifen, mit der Betonung auf greifen“, wie es Petrina ausdrückt.

Besonders ist die Verknüpfung zwischen einem Museum und einer Akademie mit mehrtägigen Workshops für 5- bis 14-Jährige. Gründerin Bonzel lernte 1978 in Boston das „Children’s Museum“ kennen, war von dem dortigen Prinzip „Learning by doing“ begeistert und brachte die Idee über den Atlantik nach Osthessen.

Kinder-Akademie in Fulda: Ein Museum zum Anfassen

Dass in diesem Museum Anfassen durchaus erlaubt, geradezu erwünscht ist, zeigt sich bei einem Rundgang. Auf 2000 Quadratmetern spielt sich unter dem charakteristischen Zickzack-Dach das pralle Leben ab: Petrina führt vorbei an Flächen für Ausstellungen, an Werkräumen, einer Bibliothek und einem Café. Drei Jungen schauen konzentriert auf eine schwingende Kugel, die gerade einen Holzstab umgeworfen hat. Die Konstruktion nennt sich Foucault’sches Pendel. Der Sturz des Bauklotzes zeigt, dass sich die Erde unter dem immer gleich hin- und herschwingenden Pendel dreht. Léon Foucault bewies mit diesem Experiment 1851 die Rotation der Erde.

„Unser Angebot ergänzt das, was in Kindergarten und Schule vermittelt wird“, sagt Petrina. Die Akademieleiterin lotst durch einen lichtdurchfluteten Raum, vorbei an der „Erfinderwerkstatt“. Dort schrauben, bemalen und verdrahten Grundschulkinder in nicht mehr ganz weißen Kitteln selbstgebaute Holzhäuser, die danach an einen Stromkreis angeschlossen werden. „Am Ende sollen alle Häuser mit Strom versorgt sein und leuchten“, erklärt Petrina.

Kinder-Akademie in Fulda: Besonders beliebt ist die „Sommerakademie“

In der Akademie gibt es noch weitere Workshops für junge Forschende. Besonders gefragt ist die „Sommerakademie“, die jedes Jahr in den großen Ferien stattfindet. Diesmal beschäftigt sie sich unter dem Titel „Summer of Future“ in Workshops mit dem Thema Nachhaltigkeit.

Und nicht alles spielt sich in der Akademie ab: Bei der „Kinderuniversität“ etwa kommt der Nachwuchs mit zahlreichen Berufen in Kontakt: im Hörsaal der Hochschule Fulda mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, im Rathaus mit dem Oberbürgermeister oder auch in der Schlachterei mit der Veterinärin.

Also eine Akademie nur für wissbegierige Kinder, und die Erwachsenen warten im Café im Erdgeschoss? „Keineswegs“, widerspricht Petrina. Auch Ältere kämen zu Kunstausstellungen und Vorträgen. „Ich selbst lerne hier jeden Tag noch etwas dazu“, sagt sie und schmunzelt.

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