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Die Documenta als Ausflugsziel - was Sie wissen müssen

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D ie documenta als Ausflugsziel in den Ferien? Auch für Menschen, die sonst nicht jede Ausstellung von Gegenwartskunst sehen müssen? Ja, das geht. Für Familien? Ja, auch dann.
Die Skateboardrampe in der Documenta-Halle begeistert auch Jugendliche. © Pia Malmus

Die documenta fifteen in Kassel will vielfältige Besuchergruppen ansprechen – trotz der Antisemitismusdebatten.

Die documenta als Ausflugsziel in den Ferien? Auch für Menschen, die sonst nicht jede Ausstellung von Gegenwartskunst sehen müssen? Ja, das geht. Für Familien? Ja, auch dann.

Die documenta fifteen hat dieses Jahr mit einer großen Antisemitismusdebatte begonnen. Sabine Schormann, die Generaldirektorin der documenta fifteen, trat nach dem Antisemitismus-Skandal von ihrer Position zurück. Mit dem neuen Geschäftsführer Alexander Farenholtz soll die Aufarbeitung nun beginnen. Wer in diesem Jahr zur Documenta fährt, kann unter anderem an den Infoständen der Bildungsstätte Anne Frank mehr zum Thema Antisemitismus auf der Weltkunstausstellung erfahren.

Das indonesische Künstlerkollektiv Ruangrupa hat dieses Jahr die künstlerische Leitung der alle fünf Jahre stattfindenden Kasseler Kunstschau inne. Um die Ausstellung allen Besuchergruppen zugänglich zu machen, ist unter anderem ein Begleitheft in leichter Sprache erschienen und ein Raum für Säuglinge und Kleinkinder eingerichtet worden, der an der prominentesten Stelle des Documenta-Parcours, im altehrwürdigen Fridericianum, eingerichtet worden ist.

Eltern mit Babys haben über den Hintereingang direkt Zugang zum liebevoll gestalteten Paradies für die Allerjüngsten – inklusive Sandkiste, Spielsachen und Wickeltische.

Documenta: Cartoons und Lichtkunst

Auswärtige, ortsunkundige Besucherinnen und Besucher dürften auf zwei Wegen zur Documenta gelangen: Mit dem Auto bietet sich der Park-and-ride-Großparkplatz Schwanenwiese am Platz der Deutschen Einheit ein. Ihm kommt eine Art Scharnierfunktion zu – von hier geht es, fußläufig erreichbar sowie mit Straßenbahnen und mit einem extra eingerichteten Shuttlebus, in die Stadtmitte wie zu den Ausstellungsstandorten im Kasseler Osten. Auch bislang wenig beachteten Standorte in dem von alten Industriedenkmalen geprägten Stadtteil Bettenhausen werden dieses Jahr entdeckt.

Bahnfahrenden steigen am IC-Bahnhof Wilhelmshöhe aus und nehmen die Tram (1, 3 und 4 bis Friedrichsplatz) oder fahren bis zum Hauptbahnhof (sogenannter Kulturbahnhof). Von dort sind die ersten Standorte bald erreichbar – beispielsweise die ungewöhnlichen Zeichnungen, die der Rumäne Dan Perjovschi auf dem Vorplatz hinterlassen hat. Er greift das Zeitgeschehen mit Graffitis auf, Strichmännchen, Sprachspielen – geistreich und originell.

„Return to Sender 2022“ heißt dieses Werk von The Nest Collective im Park Karlsaue
„Return to Sender 2022“ heißt dieses Werk von The Nest Collective im Park Karlsaue. © Dieter Schachtschneider

Apropos: Man könnte am Kulturbahnhof auch die große Begleitausstellung der Kasseler Caricatura besuchen, zu der fast 80 Zeichner über 200 Cartoons beigesteuert haben. Allein das üppige Kulturprogramm im Windschatten der Weltkunstschau lohnt den Besuch der Nordhessen-Metropole. Die Museumslandschaft Hessen Kassel und die Kirchen laden zu attraktiven Ausstellungen ein; überall ploppen kleine Galerien auf.

Das documenta-Ticket gilt auch für die Neue Galerie. Es gibt Lichtkunst auf den Weinbergterrassen, vielfältige Kunstinstallationen im Hugenottenhaus, einem der populärsten Standorte der documenta 2012. Aber das Ziel ist ja die aktuelle, die 15. Ausgabe, die fifteen. Also weiter.

Über die Treppenstraße, übrigens die erste Fußgängerzone Deutschlands, erreicht man vom alten Hauptbahnhof geradewegs das „Wohnzimmer“ der documenta, das Ruruhaus. Hier ist die erste Anlaufstelle, erhält man sein Ticket (sollte man es nicht am IC-Bahnhof oder am P&R-Parkplatz erstanden haben) und die unverzichtbaren Lagepläne, hier gibt es Service von der Gepäckaufbewahrung bis zum Café, eine Buchhandlung und regional produzierte Merchandising-Artikel im bunten documenta-Look der ineinander greifenden Hände.

Hier kann man Führungen buchen, die bei der documenta’15 nicht so heißen: Die Kunstvermittler, die neun „Walks & Stories“ auf unterschiedlichen Routen anbieten (Preis jes 13 Euro), heißen Sobat-Sobat. Das ist Indonesisch und der Plural von Freund.

Ein paar Begriffe in Indonesisch können nicht schaden zum Verständnis. Der wichtigste ist Lumbung, nach der Reisscheune, in der überschüssige Ernte gelagert wird. Nach diesem Vorbild will Ruangrupa Modelle des Teilens von Ressourcen vorstellen – Ressourcen verstanden auch als Wissen, Zeit, Energie, Aufmerksamkeit.

Ruangrupa hat 14 „Lumbung-Mitglieder“ und 53 „Lumbung-Künstler und Künstlerinnen“ eingeladen, die diese Praxis und sieben „Lumbung-Werte“ wie Großzügigkeit, Humor und Transparenz verwirklichen. Dan Perjovschi hat sie auf den schwarz gestrichenen Säulen des Fridericianums auf seine Weise interpretiert.

An den 32 Standorten – sie alle an einem Tag zu erkunden, ist ein aussichtsloses Unterfangen – begegnet man in erster Linie den 14 Kollektiven aus Kuba, Kolumbien, Kenia oder Bangladesch. Weil jede Gruppe mit dem eigenen Budget weitere Künstler und Künstlerinnen einladen konnte, kommt nach dem Schneeball-Prinzip die riesige Zahl von 1500 bis 1700 Teilnehmenden zustande.

Documenta: Es lohnt der Besuch am Fluss

Zentraler Ort der documenta: die Säulen des Künstlers Dan Perjovschi vor dem Fridericianum.
Zentraler Ort der Documenta: die Säulen des Künstlers Dan Perjovschi vor dem Fridericianum. © Pia Malmus

Und was muss man unbedingt gesehen haben? Ganz sicher die documenta-Halle, deren Eingang in einen Wellblech-Tunnel verwandelt ist. Die Skateboard-Rampe eines thailändischen Kollektivs begeistert auch Jugendliche. Das Fridericianum, traditionell das Herz der documenta, dagegen ist eher kleinteilig. Außer für die „Rurukids“ – so heißt der Kinderbereich im Erdgeschoss.

Die Orte nahe der Fulda – Ottoneum, Karlsaue, Rondell, Bootsverleih Ahoi mit einem Biergarten – lohnen alle den Besuch. Selbst Kasseler entdecken in diesem Sommer ihren Fluss neu. Das ehemalige Hallenbad Ost gehört dem indonesischen Kollektiv Taring Padi, das mit antisemitischen Motiven auf einem riesigen Wimmelbild die Diskussionen ausgelöst hat. Das „Hübner-Areal“, eine alte Werkshalle, bietet gigantische, faszinierende Installationen – und eine Teezeremonie aus Mali, sowie paar fragwürdige.

Im Obergeschoss gibt’s eine von Künstler und Künstlerinnen eingerichtete Kantine mit chinesischem Buffet Kulinarische Pausen vom Kunst-Gucken sind ja unabdingbar. Zuletzt, zurück am Friedrichsplatz, könnte man zum Beispiel an diversen Bio-Food-Trucks den langen documenta-Tag Revue passieren lassen.

Die documenta’15 bietet im Schatten der Diskussionen noch besondere Kunstwerke aus allen Welten, sowie verschiedene Geschichte zu sehen.

Weitere Informationen

Tickets und weitere Informationen unter documenta-fifteen.de.

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