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Varieté in Friedberg: Theater oder Zirkus – warum nicht beides?

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Von: Jutta Himmighofen-Strack

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Akrobatinnen und Artisten: Alles fliegt, auch im Dunkeln.
Akrobatinnen und Artisten: Alles fliegt - auch im Dunkeln.  © privat

Im Rathauspark in Friedberg fliegt alles durch die Luft: Menschen, Wörter, Bälle, Taschen

Es gibt Fragen, die nicht einfach zu beantworten sind. Grönemeyer fragt bis heute musikalisch immer wieder „wann ist ein Mann ein Mann?“ und die Frage, wann man von einem Artisten oder von einer Akrobatin spricht, ist auch nicht auf den ersten Blick erkennbar.

Umgangssprachlich verstehen wir unter dem englischen Begriff „artist“ Künstler oder Künstlerin jeglicher Couleur. Wenn wir aber das Wort Artist vom lateinischen artista oder französischen artiste ableiten, gehören die Künstlerinnen und Künstler, die im Varieté in Friedberg auftreten, eindeutig zu den darstellenden Künstlerinnen und Künstlern. Egal, ob Akrobatin, Jongleur oder Zaubererin, alle bestechen mit einer hochspezialisierten Kunstfertigkeit und körperlicher Geschicklichkeit, die uns zum Staunen bringen. Eine Eigenschaft, die laut Psychologinnen und Psychologen aus den USA uns sozialer und hilfsbereiter macht. Was kann man mehr von einer Veranstaltung erwarten?

Varieté in Friedberg: Wilde Klänge vom anderen Stern

Das Programm für den Abend im Rathauspark am 20. August hat Dieter Becker vom „Theatro Artistico“ zusammengestellt. Seit mehr als 20 Jahren choreografiert Becker artistische Bühnenshows und machte sich damit in der Branche einen Namen. Er ist nicht nur Programmmacher, sondern auch selbst artistisch auf der Bühne unterwegs. Doch seine große Leidenschaft ist die Choreografie einer gelungenen Varieté-Veranstaltung, einer Mischung aus Theater und Zirkus.

Jonglieren ist die große Leidenschaft von Niels Seidel und Malte Steinmetz. Unter dem Künstlernamen „Spot the Drop“ sind sie weltweit unterwegs. Sie sehen aus und bewegen sich, als ob sie etwas aus der Zeit gefallen wären. Die unbeirrbaren Wiederholungen ihrer Bewegungen, ihr subtiler Humor und die Synchronizität ihrer Choreografien in selten zu bestaunender Perfektion sind beeindruckend. Seidel und Steinmetz werfen ihren Zuschauenden etwas vor: nonverbal, mit reduzierter Mimik, aber mit Bällen, Keulen, Taschen, Koffern oder Klappstühlen.

Ein Akrobat der besonderen Art ist Marcus Jeroch. Er jongliert mit Worten.
Ein Akrobat der besonderen Art ist Marcus Jeroch. Er jongliert mit Worten. © privat

Dass Intelligenz und Kraft kein Widerspruch sein muss, beweisen Marion und Alexander Lenz, die im Nebenberuf als das Akrobatik Duo „FormaFortis“ auftreten. Hauptberuflich arbeitet Dr. Marion Lenz als Fachärztin für physikalische Medizin und Rehabilitation und Prof. Dr. Alexander Lenz hat bis zu seinem Wechsel nach Siegen in diesem Jahr die letzten Jahre im nationalen Institut für Teilchenphysik in Durham gearbeitet. Doch die Leidenschaft zur Akrobatik, mit der sie mittlerweile auch schon ihre zwei Kinder angesteckt haben, hat den ehemaligen Bundesliga-Gewichtheber und die DDR-Meisterin im Kunstturnen nie losgelassen.

Kennengelernt haben sie sich, wie kann es anders sein, im Sportzentrum der Uni München. Bis heute trainieren sie für ihre kraftvollen Halteformationen zwei bis drei Stunden täglich. Gemeinsam heben sie die Schwerkraft auf, deren Mangel normale Paare leider oft zu erdig werden lässt. Wer sich inspirieren lassen möchte, sollte bei ihrer Nummer auf Untermann und Oberfrau achten.

Varieté in Friedberg: Zwischen Himmel und Erde

Sich kopfüber in die Tiefe des Raums zu begeben, sogleich wieder nach oben zu schweben, dort Pirouetten in der Luft zu drehen und das alles ohne Netz, dazu braucht es Vertrauen in die Stärke und das Können des eigenen Körpers. Über all das verfügt Andrea Engler, die zu den bekanntesten Vertikaltuch-Akrobatinnen weltweit gehört. Sie wickelt sich ein, hängt sich aus, schwingt, dreht und fängt sich auf. Scheinbar fliegend und mühelos. Auf der Erde indes bleibt sie bei ihrer zweiten Nummer mit dem Hula-Hoop-Reifen. Wer dieses gerade wieder hippe Sportgerät einmal ausprobiert hat, um die Wirbelsäule zu mobilisieren, weiß: Da braucht es schon einiges an Übung, damit der Reifen nicht bei einer halben Umdrehung schon zu Boden geht. Andrea Engler indes begeistert mit ihrer fetzigen HulaHoop Show, in der sie auch mal drei Ringe gleichzeitig scheinbar mühelos ihre Runden an ihrem Körper drehen lässt.

Untermann und Oberfrau: Duo FormaFortis.
Schwerelos: Andrea Engler ist Vertikaltuch-Akrobatin. © Veranstalter

Was bringt einen Künstler oder eine Künstlerin dazu, ein Instrument zu wählen, das man meist nur in einfacher Ausführung aus einem Kinderzimmer kennt, das schwer zu schreiben und auszusprechen ist und in Europa eher ein bescheidenes Dasein im Instrumenten-Orchester pflegt? Keine Ahnung! Dies müsste man Dirk Scheffel fragen, der sich selbst als der schnellste Xylophonist im gesamten Universum bezeichnet. Fakt ist, er beherrscht die komplette Bandbreite von Rock bis Klassik, von ängstlich schüchtern bis vollkommen durchgeknallt. Ob er tatsächlich 1000 Beats in einer Minute schafft?

Die Führung an diesem Abend übernimmt Marcus Jeroch, der hochgelobte geniale Sprachakrobat aus Hamburg. Varietébegeisterte werden ihn aus dem Tigerpalast in Frankfurt oder aus dem Hansatheater in Hamburg kennen. Er kommt in doppelter Mission: Jongliert mit Worten und mit Bällen und Kisten, verrenkt Sprache und seinen Körper. So gut, dass ein Rezensent im Schwabenland schrieb: Ein Sturm der Worte, bei dem der Duden grün vor Neid wird.

Fast zwei Stunden wird der Rathauspark in Friedberg zur Manege, zum Konzertsaal und zur Theaterbühne. Und wer dann immer noch nicht genug hat, der sollte sich schon jetzt Tickets auch für den nächsten Tag besorgen. Da steht das Varieté für Kinder und Junggebliebene auf dem Programm. (Jutta Himmighofen-Strack)

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