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Zoonosen Wenn die Mieze krank macht

Neben Tollwut und Malaria gibt es rund 200 Krankheiten, die von Tieren übertragen werden. Oft werden die sogenannten Zoonosen aber nicht einmal von Ärzten erkannt.

Vor allem Kinder sind gefährdet, sich mit der Katzenkratzkrankheit zu infizieren. Foto: Getty Images/Flickr RF

Dass durch den Biss eines Hundes die gefährliche Tollwut übertragen werden kann, dass in manchen tropischen Ländern der Stich der Anopheles-Mücke Malaria verursachen kann, dass Zecken uns mit Hirnentzündung und Borreliose infizieren können – das alles ist weithin bekannt. Doch nur die wenigsten Menschen wissen vermutlich, wie groß die Zahl der so genannten Zoonosen (Infektionen, die wechselseitig zwischen Tiere und Menschen übertragen werden) tatsächlich ist – und wie leicht man sie sich zum Teil holen kann.

Derzeit sind mehr als 200 dieser Zoonosen bekannt, damit stellen sie rund zwei Drittel aller Infektionskrankheiten weltweit. Auslöser sind Bakterien und Viren, seltener auch Parasiten, Pilze und Prionen, als Keimträger kommen fast alle Arten von Tieren in Frage: etwa Zecken und Mücken, Mäuse, Fledermäuse und Ratten, Nutztiere wie Schweine, Rinder Geflügel oder Schafe, Wild, Vögel, Fische und Reptilien – aber auch erkrankte Haustiere. So können Katzen Toxoplasmose übertragen (meist harmlos für gesunde Menschen, aber gefährlich für den Fötus im Mutterleib) oder mit den weniger bekannten Bartonellen infiziert sein.

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Nicht nur medizinische Laien, auch Hausärzte erkennen solche weniger geläufigen Zoonosen oft nicht, sagt Professor Volkhard Kempf, Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie und Krankenhaushygiene am Universitätsklinikum Frankfurt. Um Mediziner besser aufzuklären und Möglichkeiten der Prävention und Therapien zu entwickeln, widmet sich das Klinikum 2013 gezielt diesen Erkrankungen. So hat Professor Kempf mit einigen Kollegen das erste Standardwerk zur Diagnostik seltener Zoonosen herausgegeben, und es gab eine Informationsveranstaltung für niedergelassene Ärzte. Außerdem läuft am Institut für Medizinische Mikrobiologie und Krankenhaushygiene ein Projekt zur Diagnostik von Bartonellen, das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert wird.

Häufige Krankheit

Obwohl wenig bekannt, so stellen Infektionen mit „Bartonella henselae“ doch keineswegs ein seltenes Krankheitsbild dar. Etwa sechs bis zehn Prozent der Bevölkerung wiesen Antikörper auf, hatten also bereits Kontakt mit dem Erreger, erklärt Volkhard Kempf. Bartonellen-Infektionen kommen weltweit vor. Sie werden auch „Katzenkratzkrankheit“ genannt, weil sie durch den Biss oder die ausgefahrenen Krallen von Katzen – vor allem junger Kätzchen – übertragen werden; es gebe aber auch Hinweise, dass Hunde und Zecken die Bakterien ebenfalls weitergeben können, sagt der Mediziner. Das Ansteckungsrisiko ist vor allem für Kinder groß, da sie oft in innigem Kontakt mit den Tieren spielen.

Die Symptome treten meist einige Wochen nach der Infektion auf, das Spektrum der Krankheitsbilder reicht von leichteren lokalen bis hin zu schweren systemischen Krankheitsbildern. Oft treten, so Volkhard Kempf „monströse Schwellungen“ der Lymphknoten sowie Neubildungen von Blutgefäßen auf, die dann die Haut übersäen. Kinder leiden zudem oft unter Übelkeit. Das hört sich bedrohlich an, bildet sich aber meist vollständig zurück, bei schwereren Verläufen können Antibiotika gegeben werden.

Für die Forschung interessant ist insbesondere eine Eigenschaft der vor 20 Jahren entdeckten Bartonellen: Sie docken über eine Art „klebrigen Lolli“ mit Kopf, Stiel und Anker an der Zelle an. Laut Professor Kempf ist es das längste Adhäsin (der Fachbegriff für die Struktur, die das Anhaften ermöglicht), die bislang bei Bakterien bekannt ist. Diese Eigenschaft auszuschalten, so als würde man Mehl auf eine klebrige Masse schütteln, könnte ein Ansatz im Kampf gegen diese und andere Bakterien mit ähnlichem Mechanismus sein, sagt Kempf.

Während eine Infektion mit Bartonella henselae meist glimpflich verläuft, sind andere Zoonosen weit gefährlicher – etwa die von Zecken übertragene Frühsommer-Meningoenzephalitis und Lyme-Borreliose, die in Deutschland mit jährlich 60 bis 261 Fällen auf 100 000 Einwohner zu den wichtigsten Infektionskrankheiten zählt. Eine häufige Zoonose ist auch die durch das Bakterium Campylobacter ausgelöste Durchfallerkrankung, die von Tieren aus der Landwirtschaft übertragen wird.

Neue Brutplätze

Insgesamt nimmt die Bedeutung der Zoonosen weltweit zu. Dafür gibt es mehrere Ursachen: So haben in den besonders betroffenen Entwicklungsländern Überbevölkerung und Verelendung in den Slums optimale Bedingungen für die Übertragung von Erregern geschaffen. Verheerende hygienische Verhältnisse locken Ratten in großer Zahl an, streunende Hunde und Katzen leben oft auf engstem Raum mit den Menschen. Großflächige Abholzungen, durch die neue Lebensräume gewonnen werden sollen, lassen die Menschen in tropischen Ländern zudem in Kontakt mit Erregern kommen, die früher im Urwald verborgen waren. Der mit der intensiven landwirtschaftlichen Flächennutzung verbundene Bau von Bewässerungsanlagen, Tümpeln und Stauseen hat zudem neue Brutplätze für Moskitos geschaffen.

Durch Tourismus kommen auch immer mehr Menschen aus unseren Breiten mit exotischen Krankheitserregern in Berührung, insbesondere die zunehmenden „Abenteuerreisen“ sind in dieser Hinsicht riskant. Problematisch für die gesamte Bevölkerung kann es werden, wenn Überträgertiere eingeschleppt werden, die normalerweise in Europa nicht heimisch wären, die durch den Klimawandel aber auf einmal geeignete Lebensbedingungen vorfinden. Ein utopisches Horrorszenario ist das nicht: So haben in Italien Tigermücken eine Epidemie mit Chikungunya-Fieber ausgelöst. Die ursprünglich in Süd- und Südostasien beheimateten Stechmücken breiten sich seit einigen Jahren in Europa aus, auch im Süden Deutschland wurden bereits einzelne Tiere gefangen.

Auch Infektionen mit dem Hantavirus gab es früher in Mitteleuropa nicht. Menschen stecken sich über den Kontakt mit Nagetieren und ihren Ausscheidungen an, eine Erkrankung löst hohes Fieber und grippeähnliche Symptome bis hin zu Nierenversagen aus.

Als große Gefahr bewerten Mediziner zudem unkontrollierte Tiertransporte. Dabei darf man keineswegs nur an den illegalen Import von Exoten denken: Auch mitgebrachte Hunde aus dem Mittelmeerraum bergen ein hohes Risiko. Sie können Überträger des Mittelmeerfleckfiebers oder der Tollwut sein und in ihrem Fell braune Hundezecken beheimaten. Bei jedem noch so treuen Blick einer liebgewonnenen vierbeinigen Urlaubsbekanntschaft ist also Vorsicht angebracht.

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