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Zensuren Die Angst vor guten Noten

Gute Schüler sind nicht das oberste Ziel der Schulen. Warum Lehrer sich beim Zensieren ans Mittelmaß halten müssen und so mittelmäßige Schüler produzieren. Von Bernd Weidenmann

18.08.2008 00:08
BERND WEIDENMANN
Einserschüler können für Lehrer zum Problem werden. Das System verlangt Mittelmaß. Foto: ddp

Kürzlich passierte an einer bayerischen Grundschule Erstaunliches: Die Viertklässler bei Lehrerin Sabine Czerny erhielten so gute Noten, dass sich 91 Prozent für eine weiterführende Schule qualifizierten. Die Parallelklassen konnten nicht mithalten. Die Schulleiterin sah sich aufgefordert, der Sache "nachzugehen".

Wer nun erwartet, dass sie die Erfolgsrezepte von Frau Czerny erfahren wollte, damit das Kollegium davon hätte lernen können, irrt gewaltig. Es ging nicht darum, den Erfolg auszuwerten, sondern ihn zu entwerten. Hatte Frau Czerny den Schülern die Lösungen verraten? Ging bei der Benotung alles mit rechten Dingen zu? Schon an der Vorgängerschule hatte sich Sabine Czerny mit Erfolgen ihrer Klasse den Tadel des Schulrates eingehandelt: "Sie haben sich an das Niveau der Parallelkollegen anzupassen!" Jetzt ist sie gegen ihren Willen und zum Leidwesen der Eltern und Schüler versetzt worden. Im Begründungsschreiben heißt es, sie habe den "Schulfrieden" gestört.

Pech für Sabine Czerny, dass sie nicht in der Erwachsenenbildung tätig ist. Wenn eine Bank ein Seminar für Anlageberater durchführen lässt, erwartet sie, dass am Ende alle das vermittelte Wissen beherrschen. Verfehlt der Kurs die Benchmark, wird die Trainerin in die Verantwortung genommen. In der Erwachsenenbildung ist der Lernerfolg aller die Norm, in der Schule ist es das Mittelmaß.

Symbol für diesen Widersinn ist die Gauß-Verteilung der Noten. Die Häufigkeit vieler natürlicher Merkmale, die sich nach Zufall verteilen, lässt sich als Glockenkurve abbilden. In der Schule wurde das bedenkenlos auf die nicht-natürlichen Noten übertragen. Als normal gelten viele Noten im mittleren Bereich ("befriedigend"), sehr wenige an den Rändern. Zwar votierte die Kultusministerkonferenz 1968 für kriterienbezogene Benotung. An der Praxis der Normalverteilung der Noten hat das aber nichts geändert. Der Sortierauftrag bestimmt die Notenpraxis, nicht der Bildungsauftrag. Der Sortierauftrag verlangt, dass die Noten breit streuen, also auch schlechte Noten sein müssen. Der Bildungsauftrag lautet, dass alle die Lernziele erreichen.

Das Vermischen von Bildungs- und Sortierauftrag bei den Noten ist die folgenschwerste Fehlkonstruktion unseres Schulsystem. Unverständlich, dass unsere Wissensgesellschaft sie toleriert. Noch rätselhafter, dass die Pädagogen sich damit abfinden, denn Pädagogik soll ja gerade Unterschiede beseitigen, Wissen und Können bei allen bewirken. Vermutlich liegt es daran, dass die Normalverteilung der Noten die Lehrer von Verantwortung für den Lernerfolg frei spricht. Nur mäßiger Lernerfolg und schlechte Noten sind im Reich der Normalverteilung keine pädagogischen Niederlagen, sondern eben normal. Und Lehrer lernen, Tests so zu gestalten, dass es genug schlechte Noten gibt. Wäre zielerreichendes Lernen die Norm, gäbe es dazu ein Belohnungssystem für Lehrer, deren Klassen sich viele gute Noten verdienen, wäre es mit dieser (un)pädagogischen Bequemlichkeit vorbei.

Den Frankfurter Professor Udo Rauin überraschte bei seiner Langzeitstudie ("Studierverhalten und Karrieren im Lehrerberuf") vor allem das Ergebnis, "wie hoch im Lehrerstudium der Anteil der weniger zielstrebigen und nach eigener Einschätzung weniger geeigneten Studierenden ist, die sich beruflich etablieren können." Für bequeme Kolleginnen und Kollegen bedeutet eine erfolgsorientierte Pädagogin wie Frau Czerny tatsächlich eine Störung des "Schulfriedens".

Bleibt trotzdem zu hoffen, dass sich die breite Lehrerschaft auf ihre pädagogische Verantwortung besinnt und die unselige Ideologie von der Normalverteilung der Noten als "ungenügend" aus der Schule entfernt.

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