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Wissenschaftsgeschichte Machtgeil, berechnend, korrupt

Forscher waren in der Nazi-Zeit nicht nur harmlose Mitläufer. Die DFG förderte sogar ihre Grausamkeit.

04.11.2010 16:46
Von Jeannette Goddar
Gerhard Rose wurde beim Nürnberger Ärzteprozess zu lebenslanger Haft verurteilt. Foto: Ullstein

Nicht immer war die Malariaforschung, was sie heute ist: der mit legitimen Mitteln geführte Kampf gegen eine tückische Krankheit, an der vor allem in den ärmsten Ländern jedes Jahr 250 Millionen Menschen erkranken. In Deutschland stand die Malariaforschung – und mit ihr die gesamte Tropenmedizin – lange für menschenverachtende Versuche an lebenden Patienten.

Spät hatten deutsche Mediziner begonnen, sich Tropenkrankheiten zu widmen, wohl nicht zuletzt wegen der eher vernachlässigenswerten deutschen Rolle als Kolonialmacht. Dann aber waren Jungmediziner vor allem in der Erforschung von Malaria und der Schlafkrankheit sehr schnell sehr erfolgreich. Und weil Wissenschaft schon immer mit Politik zu tun hatte, wurden sie massiv unterstützt; jeder Erfolg war auch ein Argument dafür, dass Deutschland anders als im Versailler Vertrag vorgesehen doch wieder Kolonien halten dürfe.

Einfach mit Malaria infiziert

Und: Schon in den 20er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts hielt der Menschenversuch – der in den Kolonien im Übrigen schon immer mehr Regel als Ausnahme war – auch in Deutschland Einzug. Unter dem Mantel der angeblich heilsamen „Malariatherapie“ wurden als unheilbar geltende Syphilis-Patienten in Heil- und Pflegeanstalten mit dem Malariaerreger infiziert. Ging es in den 20er-Jahren noch angeblich um Heilung, war dieser Deckmantel in den 30ern nicht mehr nötig.

Im Jahr 1938 ließ sich der im Nürnberger Ärzteprozess später zu lebenslanger Haft verurteilte Berliner Mediziner Gerhard Rose eine „Mückenzuchtanstalt“ mit perversem Konzept einfallen: Weil ein Malariastamm nur am Leben bleibt, wenn die Mücken mit Menschen in Kontakt kommen, wurden sie nicht nur gezüchtet, sondern immer wieder auch auf Kranke losgelassen. Dass der therapeutische Nutzen von Malaria bei Syphilis wie bei anderen Krankheiten auch vernachlässigenswert war, war dem Rest der Welt längst klar.

Finanziert wurde die Anstalt Roses, der zu dieser Zeit das Berliner Robert-Koch-Institut leitete: von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). Die DFG, ohne deren Jahresetat von rund zwei Milliarden Euro deutsche Wissenschaft heute kaum denkbar wäre, förderte auch: Josef Mengeles Zwillingsexperimente in Auschwitz und die „rassehygienische“ Zigeunerforschung Robert Ritters. Sie finanzierte Rüstungsforschung und Germanisierungs-Studien, Vertreibungspläne und Rassebiologie.

Neu ist das alles nicht. Aktuell aber ist, dass die gesammelten Erkenntnisse der vielleicht umfangreichsten Erforschung einer deutschen Wissenschaftsorganisation nun abgeschlossen sind und in Buchform vorliegen. Nach acht Jahren Arbeit in 18 Projekten mit mehr als 30 Forschern aller Fachrichtungen stellten die leitenden Historiker Ulrich Herbert (Uni Freiburg) und Rüdiger vom Bruch (Humboldt-Uni Berlin) das voluminöse Werk „Die deutsche Forschungsgemeinschaft 1920 bis 1970“ vergangene Woche in Berlin vor. Um nicht nur die Verstrickung im Nationalsozialismus, sondern auch die Wege hinein und hinaus darzustellen, beschäftigt sich die Studie Periode für Periode und Fach für Fach mit dem Kerngeschäft der DFG: mit der Ermöglichung von Forschung durch ihre Finanzierung. Dabei wirft die Untersuchung, auch wenn das nicht ihre Kernaufgabe war, ebenso erhellende wie erschütternde Schlaglichter auf die deutsche Professorenschaft.

Die, in ihrer Mehrheit nicht Mitmacher, sondern Macher, waren machtbewusst, kalkulierend und bestechlich bis ins Letzte. Schweigend nahmen sie die Entlassung etwas jedes dritten Kollegen aus rassischen oder politischen Gründen hin; gerne engagierten sie sich für die Stabilisierung eines faschistischen Regimes mit Weltanspruch.

Prinzip: Freiwilligkeit

Zwar installierte das Reichserziehungsministerium nach 1933 die akademische Selbstverwaltung innerhalb der DFG durch politisch ausgewählte „Fachspartenleiter“. Ob dieser Schritt aber überhaupt nötig war, um die Wissenschaft für das Nazi-Regime einzunehmen, darf man nach der Lektüre stark bezweifeln. „Die DFG wurde schon in den 20er-Jahren von Nationalsozialisten gesteuert“, kommentiert Ulrich Herbert die Befunde aus acht Jahren Forschung. „Eine personelle Erneuerung war gar nicht nötig.“

Mit allen „menschenverachtenden, grausamen und oft tödlichen Konsequenzen“ habe sich die DFG „rückhaltlos“ in den Dienst des Unrechtsregimes gestellt, konstatiert selbst der heutige Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft, Matthias Kleiner. Für ihn eine „beklemmende“ Erkenntnis. Die zentrale Frage, ob die DFG „nur“ Werkzeug oder maßgeblicher Akteur unter der Herrschaft der Nazis war, lässt bedauerlicherweise auch die 550 Seiten umfassende Studie unbeantwortet. Die Einschätzung des Historikers Herbert kann allerdings auch hier wenig beruhigen: „Als Lenkerin war die DFG damals schlicht nicht wichtig genug.“

Mit der Selbsterforschung liegt ein bedeutender Teil deutscher Wissenschaftsgeschichte im Nationalsozialismus vor. Aber kommt sie nicht ein bisschen spät? Der Literaturwissenschaftler Wolfgang Frühwald war der Erste, der von der Spitze der DFG den Auftrag zur umfassenden Selbstkritik gab – das war 1995. Es folgte ein erster Anlauf eines einzelnen Forschers, der nicht zufriedenstellen konnte. 2001 folgte der Auftrag an Ulrich Herbert und Rüdiger vom Bruch.

„Die Generation der Töchter und Söhne musste erst in Verantwortung kommen“, sagt Kleiner heute. Wie sehr noch 1945 zunächst alles weiterging wie gehabt, ist dabei ein weiterer äußerst beklemmender Befund der Autoren. In der Wissenschaftsorganisation selbst habe „weniger Entnazifizierung als in der Gesellschaft“ stattgefunden, so Herbert. Durchbrochen wurde das autoritär geführte „Reservat der Ordinarien“ erst in den späten 60er-Jahren.

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