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Wahl des Unifachs Pflichttests für Studienbewerber

„Orientierungshilfe“, „SelfAssessment" oder „borakel“: Viele Hochschulen verlangen von den Abiturienten, sich rechtzeitig über ihre wirklichen Interessen klarzuwerden.

07.10.2011 16:56
Hermann Horstkotte
Maschinenbaustudentin aus Jena. Wohl nicht jede junge Frau würde sich so interessiert mit der Prüfung von Materialspannung mittels?Lichts beschäftigen. Foto: dpa

„Orientierungshilfe“, „SelfAssessment" oder „borakel“: Viele Hochschulen verlangen von den Abiturienten, sich rechtzeitig über ihre wirklichen Interessen klarzuwerden.

Die Vielfalt der neuen Bachelor-Studiengänge können Einzelne nicht mehr überschauen. Bei der Qual der Wahl helfen aber Neigungs- und Eignungstests. Jetzt werden sie an vielen Universitäten sogar zur Pflicht. Zum kommenden Wintersemester müssen sich alle Studienbewerber in Baden-Württemberg vorab einem „Orientierungsverfahren“ über ihre besondere akademischen Vorlieben unterziehen.

Das kann ein Beratungsgespräch in der Hochschule sein oder ein Onlinetest am heimischen Computer. Er kostet keine Gebühr und nur zehn Minuten Zeit. Es geht um spontane Antworten auf Fragen nach mehr oder weniger ausgeprägtem Interesse: für theoretische oder lieber praktische Probleme, für Technik oder Sprachen, für Wissenschaften vom Menschen oder auch seiner Umwelt.

Am Ende gibt es Empfehlungen für Studienfelder, die allerdings ganz unverbindlich bleiben, und das nötige Zertifikat für die anschließende Studienbewerbung. Wer gar eine ganze Stunde für den Selbsttest erübrigt, kann außerdem sein sprachliches und rechnerisches Können und sein räumliches Vorstellungsvermögen genauer überprüfen. Alles nur zur Vergewisserung über den persönlichen Studienwunsch.

Konzentration auf einzelne Studienfelder

Einen ähnlichen Online-Test hat jetzt auch die Technische Hochschule Aachen eingeführt. Auch hier ist er verpflichtend und zugleich für die Studienzulassung unerheblich. Die Aachener „Orientierungshilfe“ konzentriert sich auf einzelne Studienfelder. So wird etwa für den Maschinenbau vor allem „mathematisches und technisches Grundverständnis“ abgefragt.

Der Vater des Projekts ist der Psychologie-Professor Lutz Hornke. Er rät, den Test schon mal in der elften oder zwölften Klasse, noch vor dem Abi auszuprobieren. Hornke hat auch das „SelfAssessment für zukünftige Studierende“ an norddeutschen Universitäten entwickelt. Dieses Angebot wendet sich nach wie vor an Freiwillige. Das ist auch so mit dem „borakel“ der Uni Bochum, das schon mehr als eine Viertelmillion Interessierte befragten.

Einen eigenen „Wegweiser“ zur Selbsterkundung hat ebenfalls die Fachhochschule Münster ins Netz gestellt. An der Berliner Humboldt-Universität ist ein Test für Psychologen entwickelt, aber bislang nicht eingeführt worden. „Da sind noch rechtliche und finanzielle Fragen zu klären“, erläutert Professor Matthias Ziegler. Heiße Frage: Können Studienbewerber für eine zwingende Vorprüfung zur Kasse gebeten werden? Bislang jedenfalls noch nirgends. Einen ganz genauen Überblick über aktuelle Testangebote hat selbst die Hochschulrektorenkonferenz nicht. Das Thema erscheint ihr offenbar nicht so vordringlich.

Hingegen sieht Heinrich Wottawa, Psychologie-Professor in Bochum, bei den Hochschulen einen großen Nachholbedarf an „Beratungstools“ wie etwa seinem „borakel“. Für Azubis und bei der Mitarbeiterauswahl auf dem Arbeitsmarkt, so Wottawa, sind solche Eignungsprüfungen schon seit vierzig Jahren gang und gäbe. Die Bundesagentur für Arbeit und Großfirmen wie die Allianz laden jedermann dazu ein. „Perspektiven-Test für Schüler“ und „Check deine Talente“ lauten die Schlagworte. Mitmachen ist von Vorteil für alle. Denn wer sich vorher orientiert hat, schreibt keine überflüssigen Bewerbungen und erspart damit sich, den Stellenvermittlern und den -anbietern viel Arbeit.

Anders an den Hochschulen. Im Prinzip müssen sie jeden Abiturienten nehmen, drosseln den Zulauf aber mangels Dozentenstellen mit Zulassungsbeschränkungen (NC). Im Wettbewerb untereinander locken sie wie selbstverständlich die besten Studienbewerber in eine scheinbar optimale Arbeitsumgebung.

Bestimmte Tests sollen Abbrecherquoten senken

Vor diesem Hintergrund spricht der Experte Wottawa von drei „Beratungstools“ mit ganz verschiedenen Zielsetzungen. Manche Videos oder Filme sollen einfach nur Spaß fürs Studium wecken. Hier geht es oft eher um die Imagepflege des Hochschulstandorts und weniger um das Fächerangebot. Im Unterschied dazu geben etwa „borakel“ oder die baden-württembergische Internetplattform „was-studiere-ich.de“ Testbeispiele, die Eltern und Studienbewerber inhaltlich ansprechen und die aussichtsreichste Wahl in der Fächerpalette empfehlen.

Andererseits gibt es laut Wottawa auch „Abschreckungstools“. Dazu zählt er namentlich das verpflichtende Aachener „SelfAssessment“ unter der Frage: Bin ich gut genug fürs Lehramt, für Elektrotechnik oder Informatik, Wirtschaftswissenschaften oder ein anderes von insgesamt elf Studienfeldern?

Auf Rückfrage lässt die Hochschule eine Agenturmeldung dahingestellt sein, dass es ihr mit dem Selbsttest vor allem auf die Senkung von Abbrecherquoten ankomme: Bei den Geisteswissenschaften liegt diese derzeit angeblich bei siebzig, in den Naturwissenschaften bei sechzig Prozent der Anfänger. Bei den Ingenieuren bricht immer noch etwa die Hälfte ihr Studium ab.

Bei vielen Professoren, meint der Fachmann Wottawa, komme es eben traditionell auf Selektion unter den fest entschlossenen Bewerbern an und nicht auf die Information noch unschlüssiger Anwärter. Die erscheint in den bundesweit meist zulassungsbeschränkten Bachelor-Studiengängen einfach überflüssig – und zwar auch angesichts doppelter Abiturjahrgänge. Aber man sollte sich bloß nicht entmutigen lassen. Angesichts der Mehrzahl unterschiedlicher Tests sollte der Studieninteressent auch selber mehrere Angebote „testen“ – um aus unterschiedlichen Perspektiven am Ende die passende Studienwahl zu treffen.

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