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Ruhr-Universität Bochum Projekt gegen fehlende Richter auf dem Land

Die Bochumer Ruhr-Universität beugt einem drohenden Personalmangel auf dem Land vor und lockt Jura-Studierende deshalb an die Peripherie, zum Beispiel ins Sauerland.

21.02.2011 18:02
Hermann Horstkotte
Jura-Studenten sollen auf das Land gelockt werden. Foto: dapd

Arnsberg gibt den richtigen Eindruck, was einen im Beruf erwartet.“ Das sagt der Jura-Student Arne Michels. Zusammen mit ein paar Dutzend Bochumer Fachgenossen absolvierte er 2010 in der Hauptstadt des Hochsauerlandes einen sechswöchigen Freiwilligen-Kurs am Landgericht und nachgeordneten Amtsgerichten. Zu Anfang der Semesterferien startete jetzt dritte Jahrgang. Diesmal sind 80 Teilnehmer dabei, überwiegend Frauen.

Zwei oder dreimal in der Woche nehmen die angehenden Juristen an unterschiedlichen Terminen teil, beim Jugendgericht, in Zivilsachen, auch in Strafprozessen. Sie sprechen mit Richtern, Rechts- und Staatsanwälten, aber auch mit Straftätern über die Verfahren. Außerdem kommen Bochumer Professoren mit eigenen Kursen nach Arnsberg. Durch eine Seminararbeit etwa über Brandstiftung können die Studenten einen Zusatzschein erwerben, der später für das Promotionsstudium nötig wird.

Zugleich zählt die Teilnahme als eines von zwei Praktika, die im Studium absolviert werden müssen. „Meist finden die beim Anwalt oder in der Verwaltung statt“, so Michels. „Dass wir die Gerichtspraxis erleben können, ist eine Vergünstigung. Denn Richter haben normalerweise schon mit Referendaren genug zu tun.“ Das Arnsberg-Seminar ist eine Idee des Sprechers am Landgericht, Peter Marchlewski. Er hat auch einen Lehrauftrag an der Ruhr-Uni und wirbt dort um die Studenten. „Bis ins Sauerland ist es nur eine gute Stunde mit öffentlichen Verkehrsmitteln.“

Im Wesentlichen geht es ihm darum, bei den Studenten früh die Aufmerksamkeit für den Arbeitsplatz auf dem Lande zu wecken. Arnsberg selbst ist Verwaltungsmittelpunkt mit 80000 Einwohnern, auch etwas Industrie und viel Wald in der Umgebung.

Bekannte Söhne der Stadt sind etwa der SPD-Politiker Franz Müntefering und der Fernsehunterhalter Günter Wewel („Kein schöner Land“). „Noch sind alle rund 80 Richterstellen bei uns besetzt, zum Teil aber mit Kollegen in der Probezeit“, so Marchlewski. „Aktuell könnten wir vier Stellen auf Lebenszeit vergeben, wenn sich nur jemand darauf bewerben würde.“ Dabei startet das Grundgehalt des Richters mit 3300 Euro im Monat, etwas höher als beim Studienrat im Schuldienst.

Aber jobben nicht schon viele Juristen als Taxifahrer, weil sie keinen Job finden? Vielleicht, so Marchlewski, „aber gewiss nicht solche mit befriedigenden oder besseren Examensabschlüssen.“ Die braucht aber jeder Richter, schafft jedoch höchstens einer von drei Juristen. Doch die Minderheit der Besseren hat ganz andere Berufschancen als auf die eines Landrichters in der Provinz. Großkanzleien zahlen Anfängern bis zu 100000 Euro Jahresgehalt. Auch wenn die Streitigkeiten vor Gericht nicht abnehmen, bieten sich tüchtigen Rechtsexperten zusätzlich vielerlei Erwerbsmöglichkeiten etwa in der außergerichtlichen Schlichtung („Mediation“) oder streitvermeidender Vertragsgestaltung.

Vorteile gegenüber der Großstadt

Für jemanden wie Jura-Studentin Carmen Anders (die ihren wahren Namen hier lieber nicht lesen will) ist Richterin trotzdem der Traumjob. „Er ist ideal, um Beruf und Familie zu vereinbaren. Richter können sich ihre Arbeit ja weitgehend selbst einteilen.“ Im öffentlichen Dienst geht, anders als in Großkanzleien, „etwa wegen Erziehungszeiten karrieremäßig nichts kaputt“, ergänzt Reiner Lindemann vom „Bund der Richter und Staatsanwälte in NRW“ (BdR) trocken.

Und Marchlewski weist auf die handfesten Vorteile hin, die das Land gegenüber der Großstadt zu bieten hat, etwa kostengünstigen Baugrund für das Eigenheim. Auch seien alle Schulformen vertreten. Ein akademischer Arbeitsplatz für den Lebenspartner? Kein Problem: Dank guter Autobahnanschlüsse muss die Anfahrt ins Ruhrgebiet nicht viel mehr als eine halbe Stunde dauern.

Trotzdem: Wer das Hochsauerland oder ähnliche Lagen in der Peripherie nicht näher kennt, fürchtet oft die Provinz und ein potenzielles Leben auf dem Abstellgleis. Jura-Studentin Anders kennt alle diese Vorurteile. Sie ist selbst im Arnsberger Umland aufgewachsen und sagt: „Zwar ist für Jugendliche anderswo vielleicht mehr los. Aber im Beruf könnte ich in dieses Biotop mit seinem eigenen, bedächtigen Lebensrhythmus zurückkehren.“

Die Rechtspflege muss auftragsgemäß flächendeckend gesichert sein. „Noch ist sie an Rhein und Ruhr nicht gefährdet“, sagt Oliver Ricken, Rechtsprofessor an der Uni Bielefeld, „das Arnsberger Modell beugt einem drohenden Personalmangel vor.“ Ricken selbst folgt dem Beispiel jetzt auch in seiner Region. Laut der Standesvertretung BdR fehlen in Nordrhein-Westfalen derzeit rund 600 Richter und mehr als 200 Staatsanwälte. Das sind mehr als zehn Prozent Stellen, die nur durch Mehrarbeit der Amtsinhaber kompensiert werden können.

In den alten Bundesländern wird die Personalfrage mindestens bis Mitte des Jahrzehnts durch eine Pensionierungswelle verschärft. Jetzt scheiden die aus, die mit dem massiven Ausbau des öffentlichen Dienstes in den 70er Jahren in die Justiz gegangen waren. a eröffnen sich rosige Berufsaussichten für den, der mit dem Richtergehalt zufrieden ist und womöglich auch mit einer Verwendung auf dem Lande.

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