Lade Inhalte...

Neue Studiengänge Keine Imame aus der deutschen Universität

Die Islam-Studien bleiben reine Wissenschaft: zwar sind sie gut an andere Disziplinen angebunden, aber um für die Arbeit in der Moschee werden sie nicht anerkannt. Auch an den Schulen gibt es derzeit nur wenige Versuche.

24.11.2011 17:44
Hermann Horstkotte
Imam in einer Moschee in Hamburg-Harburg. Foto: ddp/Marcus Brandt

Was Katholiken und Protestanten recht ist, ist inzwischen auch muslimischen Mitbürgern billig: ein wissenschaftliches Studium ihres Glaubens mit allen akademischen Weihen. Dazu fördert die Mercator-Stiftung, Einrichtung eines Duisburger Großunternehmers, neuerdings sieben Doktoranden an fünf Universitäten: in Hamburg, Paderborn, Münster, Frankfurt am Main und Erlangen. Die Stipendiaten kommen aus Zuwandererfamilien, meist mit türkischem Hintergrund. Mercator bezeichnet sie elitär als „die neuen Gesichter des Islam in Deutschland“.

Im Unterschied zum üblichen Studium für den Kirchendienst sind die muslimischen Doktoranden keine „reinen“ Theologen. Sie haben ausnahmslos einen ersten Abschluss in anderen, ganz traditionellen Fächern wie den Islamwissenschaften, der Orientalistik, Philosophie, Geschichte oder auch Pädagogik. Der gebürtige Remscheider Serdar Kurnaz beispielsweise hat in Frankfurt islamische und jüdisch-christliche Religionswissenschaften studiert und promoviert dort jetzt über islamisches Recht zwischen göttlicher Offenbarung und menschlicher Gesetzgebung. Dabei geht es darum, mit der modernen gesellschaftlichen Entwicklung theologisch Schritt zu halten, zum Beispiel auch durch „feministische“ Lesarten des Koran. „Der sprach ursprünglich nur Männer an“, bemerkt die Doktorandin Nimet Seker, „aber auch immer die Geschlechtergerechtigkeit, wenngleich verklausuliert.“

Trügerische Hoffnungen

Anders als die Lehrenden und Lernenden auf christlicher Seite bilden die Muslime in der Uni keine selbständigen Fachbereiche. Sie sind in andere kulturwissenschaftliche Fakultäten eingebunden. Und das ist gut so, meint Ömer Özsoy, Professor für die schriftlichen Quellen des Islam in Frankfurt: „Um im Konzert der Wissenschaften mitspielen zu können, müssen wir unbedingt die fachlichen Erwartungen von Philologen, Historikern, Literaturtheoretikern in unseren Nachbardisziplinen erfüllen, zumal der traditionellen Islamwissenschaften.“ Den Neuen muss es also zuallererst darum gehen, sich nicht vor Fachkollegen zu blamieren. Eine Orientierung nach außen, als selbstbewusste „neue Gesichter des Islam in Deutschland“, fördert das freilich kaum. Dabei ist Özsoy selber eine international anerkannte Kapazität aus Ankara. An seinem Institut lernen 400 Haupt- und Nebenfächler.

Bekenntnisgebundene „Islamische Studien“ sollen vor allem Religionslehrer für die deutschen Schulen ausbilden. Um die Koranauslegung aus den sprichwörtlichen Hinterhöfen herauszuholen, riefen Bund und Länder im Vorjahr islamische Wissenschaftszentren an zunächst vier Universitäten ins Leben. Laut Bundesbildungsministerin Annette Schavan könnten dort auch Imame für den Moscheedienst einen akademischen Schliff bekommen. Beide Hoffnungen trügen aber. Bislang gibt es nur in der Region Franken und in Niedersachsen amtliche Schulversuche für einen islamischen Religionsunterricht, als „Erweiterungsfach“ für fertige Lehramtskandidaten an Grund- und Hauptschulen. Nordhein-Westfalen, das Bundesland mit den meisten Muslimen, oder auch Hessen sind wegen staatsrechtlicher Bedenken längst nicht so weit. In Berlin und Bremen ist das Schulfach Religion schon aufgrund der Landesverfassung kein Thema.

Schule und Kanzel bleiben zu

Im Übrigen lehnt etwa Theologieprofessor Özsoy eine Imam-Ausbildung an den Universitäten strikt ab. Das sei allein Aufgabe der Moscheevereine und ihrer Verbände, erklärte er auf einem Mercator-Forum, unwidersprochen von Kollegen und Doktoranden. Andernfalls wäre eine Verwicklung der Hochschullehre in konfessionelle und Verbands-Streitigkeiten unvermeidbar. Der stärkste Verband ist hierzulande die „Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion“ (DITIB). An ihren Moscheen in ganz Deutschland arbeiten Hunderte Geistliche, entsandt und entlohnt vom türkischen Staat.

Der Berliner DITIB-Sprecher Ender Cetin hält es für unrealistisch, dass sie durch Absolventen der deutschen „Islam-Studien“ ersetzt werden. Dafür, so sein vordergründiges Argument, fehle den Moscheegemeinden das Geld. Hinter der Bühne geht es um internationale Politik. Das türkische Religionsministerium ist zugleich Ministerium für die Auslandstürken, sein verlängerter Arm in der EU die „Union-Europäisch-Türkischer Demokraten“ mit Hauptsitz Köln. Die Religion mit Seelsorgern aus der alten Heimat ist das wohl stärkste Bindeglied an die „Mutternation“. Wenn aber die Predigerkanzel schon besetzt und die Schultür zu ist, bleibt den muslimischen Theologen mit deutschem Doktorhut nicht mehr und nicht weniger als die viel beschworene „reine Wissenschaft“.

Zur Startseite

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum