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FR-Interview mit Experten für Wissenschaftsrecht „Wir haben die Täuschungen unterschätzt“

Der Promotionsexperte und Jurist Wolfgang Löwer sieht einen Grund auch in der Publikationsflut: Wissenschaftler könnten nicht mehr alles sichten.

17.06.2011 22:04
Uni Bonn

Herr Professor Löwer, Ende Juni erscheint der Jahresbericht 2010 des „Ombudsmann für die Wissenschaft“. 2009 gab es 60 Anfragen an das Schlichtergremium der DFG. Viele bezogen sich auf Probleme in der Doktorandenbetreuung. Erschreckend sei, wie wenig zwischen Betreuern und Nachwuchswissenschaftlern kommuniziert werde, hieß es. Wie fällt das Fazit jetzt aus?

An der Art und Weise der Probleme, die uns auf den Tisch kommen, hat sich nichts geändert. Auch die Zahl der Anfragen ist ungefähr gleich geblieben.

Aktuell überschlagen sich Meldungen über zusammenkopierte Doktorarbeiten. Neuerdings geht es etwa um den FDP-Bundestagsabgeordneten Bijan Djir-Sarai oder den Sozialdemokraten Uwe Brinkmann. Wie stehen Sie zur Plagiatsjagd im Internet?

Die Plagiatsjagd mit dem digitalen Abgleich kann der Wissenschaft nützlich sein. Es ist damit einfacher geworden, Täuschungen zu verfolgen. Bislang sind Plagiats-Fälle nur im Diskurs der „Scientific Community“ aufgefallen. Der typische Fall war: Jemand will einen Gegenstand erforschen, nimmt sich alle Literatur dazu vor und entdeckt bei der Lektüre das Plagiat.

Bislang wurden Plagiate also eher zufällig entdeckt?

Zufällig ist nicht ganz richtig. Sie wurden in dem, was Wissenschaft tut, entdeckt: Dazu gehört Gegenstände erforschen, Quellen überprüfen, Experimente nachstellen.

Die Plagiatsjäger agieren außerhalb des Wissenschaftssystems. Begrüßen oder beunruhigt Sie diese Entwicklung?

Sie beunruhigt mich nicht. Die Ergebnisse müssen aber von der Wissenschaft verifiziert werden. Sie sind nicht eins zu eins übertragbar.

Zweifeln Sie die Arbeit der Plagiatsjäger an?

Nein. Man kann sich darauf verlassen, dass die gemeldeten Arbeiten überprüfungsbedürftig sind. Die Frage ist, welche Reaktion daraus folgen muss.

Was halten Sie von Mutmaßungen, nach denen jede zehnte Promotionsarbeit in Deutschland gravierende Mängel oder gar Plagiate enthält?

Daran zweifele ich. Man muss da aufpassen. Die Plagiatsfrage liegt nicht immer so eindeutig. Ob beispielsweise alles, was im Moment unter Plagiatsverdacht steht, auch ein gravierendes wissenschaftliches Fehlverhalten darstellt, muss erst noch genauer betrachtet werden.

Wie erst jetzt bekannt wurde, soll an der Uni Würzburg ein Medizin-Professor in den Jahren 1998 bis 2005 mehrere Promotionen gegen Bezahlung durchgewunken haben. Warum wird so viel Schindluder mit dem Doktortitel getrieben?

Erstens: Das sind klare Fälle von disziplinarrechtlich relevantem Fehlverhalten. Zweitens: Ein Fälschungsrisiko gibt es auch bei Habilitationsschriften, Diplom-, Master- und Seminararbeiten. Die Häufigkeit und die Dichte, in der Täuschung mittlerweile vorkommt, haben wir vielleicht unterschätzt. Die Häufigkeit erklärt sich auch daraus, dass das Wissenschaftssystem enorm gewachsen ist. Heute leben 90 Prozent aller Wissenschaftler, die je gelebt haben. Als ich Student war, gab es etwa zehn Zeitschriften in Staats- und Verwaltungsrecht. Heute haben wir mindestens 60. Das zu bearbeitende Material übersteigt die Kapazität des einzelnen Wissenschaftlers. Es gibt immer mehr Möglichkeiten, zu publizieren. Proportional gesehen glaube ich nicht, dass Täuschungen zugenommen haben.

Die Berliner Professorin Debora Weber-Wulff behauptet, Plagiate seien in der Wissenschaft alltäglich, würden aber totgeschwiegen. Können Sie das bestätigen?

Nein. Die Fakultäten haben sich immer bereit gezeigt, wenn es sein muss, einen akademischen Grad auch zu entziehen. Was oft vergessen wird: Wenn man jemandem einen Grad entzieht, knickt dessen Karriere. So eine Entscheidung will gut überlegt sein. Das Gute an dem Fall zu Guttenberg übrigens ist, dass er zumindest eine Zeit lang eine erzieherische Wirkung hat. Man erkennt daran, wie tief man fällt.

Was muss die Wissenschaft aus den Plagiatsfällen lernen?

Die geisteswissenschaftlichen Fakultäten müssen sich der Qualität der Arbeiten stärker vergewissern. Generell muss man aber sagen, dass es eine Fülle sehr guter Arbeiten gibt. Wenn man sieht, wie und worüber vor 50 Jahren promoviert wurde, dann fragt man sich heute, ob man eine solche Arbeit als Seminararbeit annehmen würde. Promovieren ist schon anspruchsvoller geworden.

Interview: Michael Billig

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