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Ärzteausbildung Was macht die Verdauung?

In immer mehr Studiengängen simulieren Ausbilder mit ihren Studenten den Ernstfall. Im Studienhospital sollen künftige Ärzte lernen, sich auf Patienten einzustellen – bei der klassischen Visite wie im Umgang mit Dementen.

06.01.2011 22:42
Michael Billig
Wo könnte das Problem liegen? Studenten der Uni Münster üben an einem Krankenhaus-Dummy. Foto: ddp

Es geht ihm nicht gut. Man sieht das sofort. Der Mann im Krankenbett spürt ein Stechen in der Brust. Seine Schmerzen sind ihm regelrecht ins Gesicht geschrieben. Marcella Bauer, die junge Frau im weißen Kittel, nimmt sich einen Stuhl und rückt näher zu ihm heran.

Geduldig hört sie dem Mann zu, erkundigt sich nach seinen Beschwerden und Lebensumständen, stellt Fragen, wie sie Ärzte nun einmal stellen: „Was machen Sie beruflich? Wie geht es mit der Verdauung?“ Er sei Tischler, erzählt ihr der Patient noch, ehe er jäh von einem Hustenanfall unterbrochen wird. Bauer aber bleibt gelassen. Schließlich ist der Mann Schauspieler und die Szene nur inszeniert. Relevant ist sie dennoch: Schließlich soll die vermeintliche Ärztin, die eigentlich Medizinstudentin im vierten Semester ist, wissen, was im Notfall zu tun ist. Wenn eine echte Visite ansteht.

Beide Darsteller nehmen ihre Rollen entsprechend ernst. Für die 24-jährige Marcella Bauer ist die Übung fester Bestandteil ihres Studiums an der Uni Münster. Handlungsort ist das eigens für Lehrzwecke eingerichtete Studienhospital. Vier Kranken- und zwei Intensivzimmer, das grelle Licht im Gang und der beißende Geruch von Desinfektionsmitteln – all das sorgt für eine täuschend echte Kulisse und eine realitätsnahe Lernumgebung.

Insgesamt rund 50 Schauspieler und in manchen Wochen weit mehr als 100 Studierende verwandeln das Studienhospital in einen hektischen Betrieb, wie man ihn wohl auch in einem richtigen Krankenhaus erlebt. Diese Authentizität ist in gewisser Weise das, was die Approbationsordnung seit nunmehr rund acht Jahren von einem Medizinstudium in Deutschland verlangt. So lange schon fordert sie einen höheren praktischen Anteil und eine größere Nähe zum Berufsalltag von Ärzten.

Beziehung zum Patienten

Die bundesweit 35 medizinischen Fakultäten erfüllen diese Anforderungen bislang auf unterschiedlichem Niveau. Tatsächlich gibt es schon vielerorts Angebote, die sich mit dem in Münster vergleichen lassen. Schon am Namen lässt sich ablesen, wie groß die Einrichtungen angelegt sind. Sie heißen entweder Trainingszentrum, vielfach Skills Lab oder einfach nur Lernstudio. Kaum eines ist dabei aber so umfangreich und modern ausgestattet, wie das aus Eigenmitteln, Spenden und Studiengebühren finanzierte Studienhospital.

Die Ausbildungsziele sind überall gleich: Neben dem notwendigen handwerklichem Geschick – angefangen beim Blutabnehmen und Katheterlegen – müssen die angehenden Ärzte ganz neue Fähigkeiten erlernen. Es geht um eine gute Beziehung zum Patienten.

Dessen durchschnittliche Aufenthaltsdauer im Krankenhaus sei rückläufig. Umso wichtiger sei eine gute Kommunikation mit dem behandelnden Arzt, sagt Hendrik Friederichs, der Leiter des Studienhospitals in Münster. „Wir wissen, dass Ärzte den Patienten schon nach ungefähr 20 Sekunden ins Wort fallen“, so der Allgemeinmediziner. „Ein gutes Gespräch mit Patienten aber ist die Grundlage für alle diagnostischen und therapeutischen Aspekte“, sagt auch die Internistin Jana Jünger. Sie leitet an der Uni Heidelberg ein Projekt, das ähnlich wie in Münster den Medizinernachwuchs in Gesprächsführung schult. Auch Jünger versucht, das Einfühlungsvermögen ihrer Studierenden zu verbessern.

Rollenspiel für die Praxis

Zurück zu Marcella Bauer. Während sie sich an die Geschichte ihres Patienten herantastet, hocken fünf andere Studierende in einem Nachbarraum. Es ist ein bisschen wie bei der Kripo. Die Kommilitonen verfolgen das Geschehen durch eine verspiegelte Glasscheibe und hören über Kopfhörer mit.

Bauer weiß, dass sie unter Beobachtung steht. Sie ist ein bisschen nervös. Nach einer Viertelstunde gehen ihr die Fragen aus und sie verabschiedet sich von dem hustenden Patienten. Damit fällt der Vorhang. Zwei Minuten Pause. Dann zeigt sie auf zwei Kommilitonen. Sie sollen sagen, was ihnen an der Anamnese gefallen hat. Auch das Empfinden des Schauspielers, der eine Lungenentzündung simulierte, ist gefragt. Für den Lerneffekt bekommt Marcella Bauer eine Videoaufzeichnung ihres Auftritts mit nach Hause. Geprüft wird die Visite – anders als an anderen medizinischen Fakultäten – nicht.

„Die meisten Studenten wünschen sich klare Anweisungen dafür, was sie den Patienten fragen und wie sie mit ihm reden sollen“, sagt Janina Sensmeier, Psychologin am Studienhospital in Münster. Nur: Den Königsweg gebe es nicht. Da muss sie die Studierenden immer wieder enttäuschen. „Sie müssen lernen, die Perspektive zu wechseln und sollen ihre Fragen aus dem ziehen, was ihnen die Patienten erzählen“, so Sensmeier. Bevor die angehenden Ärzte auf echte Patienten losgelassen werden, sollen sie bestimmte Situationen wenigstens einmal durchgespielt haben. Je höher das Semester desto komplexer sind die Szenarien gestrickt.

Ein heikles Thema steht in Münster im achten Semester auf dem Stundenplan. Die Mediziner sollen mit Angehörigen eines gerade verstorbenen Patienten über eine mögliche Organspende sprechen. Das Schlimmste sei hier, wenn sich Angehörige überrumpelt oder gar gedrängt fühlten, sagt Sensmeier. „Ärzte wiederum sind immer und sofort dafür, Organe zu entnehmen.“ Daher werde trainiert, die Frage nach einer Organspende „ergebnisoffen“ zu stellen.

Es gibt aber auch Kurse, die sich nicht nur an Studierende, sondern auch an bereits praktizierende Ärzte richten. „Wenn Tumor-Diagnosen mitgeteilt werden, ist bei Kollegen oft eine Verunsicherung zu spüren“, berichtet Jana Jünger aus Heidelberg. Mediziner würden ihre Unsicherheit viel zu oft mit Zynismus oder einer distanzierten Haltung gegenüber den Patienten überspielen. „Meist aus Selbstschutz“, wie Jünger anmerkt. „Weil sie es nicht besser gelernt haben.“

Alt sein üben

Besondere Sensibilität ist schließlich auch im Umgang mit älteren Patienten gefragt. Um sich besser in ihre Lage zu versetzen, schlüpfen die jungen Medizin-Studierenden in sogenannte Altersanzüge. Gewichte und Schienen an den Gelenken lassen Kräfte schwinden und schränken die Beweglichkeit ein. Eine Spezialbrille reduziert das Sichtfeld und schwächt Kontraste ab. Ohrstöpsel simulieren Schwerhörigkeit, Handschuhe erschweren Fingerfertigkeiten und bereiten Probleme, wenn Gegenstände ertastet werden sollen. In dieser Montur und mit einem Gehstock ausgerüstet durchlaufen die Studierenden im Studienhospital einen Parcours. Manch einem macht das auch Angst: „Bekommt man im Alter alle diese Einschränkungen?“, fragt eine Studentin etwas erschrocken.

Ungeschickt sieht es aus, wie sie ihre Schuhe aus- und wieder anzieht, Tabletten aus einer Verpackung drückt und mit zittriger Hand eine Kaffeetasse zum Mund führt. Die Übungen sollen die Folgen von typischen Alterserkrankungen wie Arthrose, Diabetes, Osteoporose und Grauer Star spürbar machen. Der Medizinernachwuchs erfährt am eigenen Leib, wie schwer Menschen, die 45 bis 60 Jahre älter sind als er selbst, mit dem Alltag zurechtkommen. Dazu kommen noch Anamnesegespräche mit Simulationspatienten, die so tun, als seien sie schwerhörig oder vergesslich. „Wir wollen den Studenten klarmachen, dass sie den Patienten nicht so schnell den Stempel Demenz aufdrücken sollen“, sagt Hendrik Friederichs. Auch wenn viele tatsächlich darunter litten.

Im Studienhospital ist es nur Spiel. Im wahren Leben, sagt er, werde so gut wie jeder Arzt mit der Erkrankung konfrontiert. „Jeder vierte Patient ab 80 ist betroffen“, so Friederichs. Entsprechend müssten Mediziner auch auf Demenzerkrankungen vorbereitet werden. Das Studienhospital gibt es erst seit drei Jahren. Ob die gewünschten Effekte eintreten, wird sich in der Realität noch beweisen müssen.

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