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Zeugnisse Schulnoten sind häufig ungerecht

Zensuren geben Leistungen oft nicht gerecht wieder. Sie hängen auch von der Schulklasse und der Herkunft ab. Viele Begabungen der Kinder werden nicht erfasst.

24.04.2012 17:35
Von Stephan Lüke
Zeugnisvergabe an der Frankfurter Wöhlerschule. Foto: Andreas Arnold

Zensuren geben Leistungen oft nicht gerecht wieder. Sie hängen auch von der Schulklasse und der Herkunft ab. Viele Begabungen der Kinder werden nicht erfasst.

Wenn Martina auf das Thema Noten angesprochen wird, zuckt sie nur resigniert mit den Schultern. Zu tief hat sich bei der 19-jährigen Bonner Gymnasiastin ein Erlebnis drei Jahre zuvor in der neunten Klasse im Gedächtnis eingeprägt. Als sie zum Halbjahreszeugnis von ihrem Mathematiklehrer erfuhr, dass er ihr „mit viel gutem Willen“ eine Drei minus geben würde, war sie hoch erfreut. Denn auf dem Zeugnis tauchte ein „befriedigend“ auf.

Sechs Monate später drückte der Pädagoge seine Anerkennung für Martinas Entwicklung aus. „Du hast dich toll gesteigert. Fast hätte es zu einer Zwei gereicht. Auf die Drei plus kannst du wirklich stolz sein“, strahlte er. Martinas Freude allerdings hielt sich in Grenzen. Trotz der Steigerung um fast eine Note entdeckte sie auf dem Zeugnis das bereits bekannte „befriedigend“.

Seitdem glaubt die junge Frau nicht mehr an die Aussagekraft von Noten. „So etwas ist total frustrierend“, sagt sie. „Denn alles, was ich getan habe, um mich zu verbessern, schlug sich in der Beurteilung nicht nieder.“ Auch ihre deutlich jüngere Schwester ist enttäuscht. Doch bei der Achtjährigen liegt der Fall völlig anders. Lena besucht das zweite Schuljahr einer Grundschule und fiebert fast sehnsüchtig und voller Spannung ihrem ersten Zeugnis mit Noten entgegen. Dass sie jetzt möglicherweise noch ein Jahr länger warten muss, weil die nordrhein-westfälische Landesregierung es den Grundschulen freistellt, ob sie schon vor dem vierten Schuljahr Zensuren verteilt, findet Lena „einfach blöd“. Ihre Vorfreude auf Ziffern können Erziehungswissenschaftler durchaus verstehen. Kinder und Eltern freuten sich auf diese Form der Beurteilung – solange sie mit guten Noten rechnen könnten.

Geltung nur im Klassenzimmer

Dies sind nur zwei Beispiele unterschiedlicher Auffassung von Noten, die sich schließlich nicht nur auf den Zeugnissen, sondern unter jeder Klassenarbeit, jedem Referat wiederfinden und mündliche Leistungen messbar machen sollen. Der Streit über den Sinn und die Aussagekraft der Ziffern von Eins bis Sechs in deutschen Schulen ist so alt wie sie selbst. Doch die Stimmen von Wissenschaftlern, die sich kritisch mit dem Bewertungssystem auseinandersetzen, mehren sich.

Winfried Kronig, Professor für Heil- und Sonderpädagogik an der Schweizer Universität Freiburg, erinnert zum Beispiel an Dutzende Untersuchungen, die unmissverständlich zeigten, dass Leistungsurteile sehr anfällig für Verzerrungen seien und deshalb an der eigentlichen Leistung vorbei urteilten.

Kronig verschweigt nicht, dass dies auch für alternative Zeugnisformen zutreffen kann. „Die eigentliche Tragik liegt darin, dass die Verzerrungen bei jeglicher Form der Leistungsbeurteilung wirksam werden können. Pädagogische Kosmetik, das Ersetzen von Noten durch Buchstaben oder durch Wörter, bietet keinen wirksamen Schutz.“

Es könne vorkommen, sagt Kronig, dass der leistungsstärkste Schüler einer Klasse zu den schwächsten gehören würde, säße er in einer anderen Klasse. In schlechteren Schulklassen sei es für die einzelne Schülerin, den einzelnen Schüler viel einfacher, zu guten Noten zu kommen und umgekehrt. „Deshalb verliert eine Note ihre Zuverlässigkeit und ihre Gültigkeit, sobald sie das Klassenzimmer verlässt“, so Kronig.

Eine Untersuchung unter 2000 Schülern der sechsten Klasse habe belegt, dass durchschnittliche und leistungsschwächere Schüler in guten Klassen größere Leistungsfortschritte erzielten als in schwächeren Klassen. Aber sie erhielten dafür schlechtere Noten. In schwächeren Klassen dagegen machten diese Schüler geringere Fortschritte, bekämen aber bessere Noten.

Das wirkliche Talent eines Kindes wird nicht erfasst

Kronigs Schweizer Kollege Anton Strittmatter macht auf eine weitere Ungereimtheit im deutschen Schulwesen aufmerksam. „Da werden die Schulen in die Selbstständigkeit entlassen, sollen möglichst individuell fördern und auf die Entwicklung jedes einzelnen Kindes eingehen“ – aber am Ende soll dann doch alles wieder in ein einheitliches Notenschema gepresst werden. „Das passt nicht“, sagte Strittmatter jüngst auf einem Ganztagsschulkongress in Berlin.

Schulnoten ließen auf einen Blick erkennen, ob ein Kind im Fach X bei der Lehrperson Y in der Klasse Z ein eher guter, gerade so genügender oder eher schlechter Schüler sei. „Unbekannt aber bleibt, was das Kind wirklich kann, welche konkreten Teilfähigkeiten es auszeichnen, welche Teilschwächen da noch einer Verbesserung harren“, bedauert Strittmatter. Unbekannt bleibe auch, ob die Note eher streng oder eher großzügig verteilt worden sei, ob dasselbe Kind nicht bei einer anderen Lehrerin, einem anderen Lehrer und in einem anderen Klassenumfeld eine völlig andere Note erhalten hätte.

Die Notenkritiker haben jüngst Argumentationshilfe durch eine Untersuchung im Auftrag der Vodafone-Stiftung erhalten. Der Potsdamer Bildungsforscher Kai Maaz fand darin mit Kollegen aus Tübingen und der Schweiz heraus, dass Schüler aus Elternhäusern einer niedrigeren sozialen Schicht bei gleicher Leistung schlechter benotet werden als Kinder besser gestellter Eltern. Bei weiterführenden Schulempfehlungen zum Ende der Grundschule wirkten sich die subjektiven Einschätzungen der Lehrer besonders nachhaltig für die Bildungskarriere aus. Zu 25,5 Prozent ließ sich der Nachteil der sozial schwächeren Schüler durch die ungleiche Notenvergabe erklären.

Zensuren sind also nicht genügend vergleichbar und auch nicht objektiv. Auch aus diesen Gründen hat sich zum Beispiel die Paul-Schneider-Grundschule in Münster gegen Noten auf Zeugnissen entschieden. Dort wird für jedes Kind in jedem Fach detailliert der Leistungsstand in einem Diagramm festgehalten. Darin kann man leicht ablesen, dass sich ein Schüler etwa beim Lesen deutlich verbessert hat, im Schreiben aber noch Schwächen offenbart. Eine einzige Ziffernnote für Deutsch hätte dagegen einen Durchschnittswert für alle Teildisziplinen ausgedrückt. Die Schulleiterin Sabine Malecki weiß aber auch, dass der Mehraufwand dieser Feedbackkultur für ihr Kollegium enorm hoch ist.

Dass schon bei der Vergabe von Ziffern manch ein Kollege zusätzlichen Aufwand scheue, gesteht ein führender Vertreter des nordrhein-westfälischen Philologenverbandes. Eine schlechte Note müsse ja auch begründet werden, wenn es einen Einspruch dagegen gebe. Und diese Mühe scheuten manche Kollegen und Schulen. Es gebe Fälle, in denen sie lieber beide Augen zudrückten und bessere Noten vergäben, als später Rechenschaft darüber ablegen zu müssen, welche Fördermaßnahmen sie eingeleitet hätten. Dies müssten sie zum Beispiel laut Ausbildungsordnung tun, wenn ein Gymnasium ein Kind an eine andere Schule abgeben wolle. Das bedeute einen höheren Verwaltungsaufwand. „Da werden sich viele fragen, ob sie noch eine Fünf verteilen“, sagt der Vertreter des Philologenverbandes.

Notenattrappen

Generell gäbe es noch keine wirkliche Alternative zu Noten, sagen viele Praktiker. Zu ihnen gehört der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Josef Kraus. Die in undurchdringbarem Fachchinesisch geführte Diskussion über „Rasterzeugnisse“, „Bausteinzeugnisse“, „Berichtszeugnisse“, „Zuwachsorientierte Leistungstests“ oder „relative Notengebung“ könne seiner Meinung nach nicht verbergen, dass all dies oft nur Notenattrappen seien.

„Die vielfach proklamierten Alternativen zu Ziffernnoten sind keine echten Alternativen“, sagte Josef Kraus. „Denn entweder sind es geschönte Verbalgutachten, oder sie sind in einer Sprache gehalten, die Eltern und Schüler postwendend zur Frage veranlassen: Welche Note wäre das denn jetzt?“

Der Streit um den Sinn oder Unsinn von Ziffernnoten wird also weitergehen. Unabhängig davon: In jedem Falle geht es um eine möglichst gerechte Leistungsbewertung. Und die kostet viel Zeit, Mühe und nicht zuletzt pädagogische Erfahrung.

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