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Schulbildung Was soll mein Kind noch lernen?

In Zeiten des Internets, in dem Wissen überall und jederzeit verfügbar ist, wollen Forscher und Politiker gemeinsam einen neuen Bildungskanon finden.

24.03.2012 17:03
Von Torsten Harmsen
Was sollen Schüler heute noch in der Schule lernen, wenn in Zeiten des Internets Wissen überall und jederzeit verfügbar ist? Foto: dpa

Was müssen Schüler heute wissen? Was sollen sie noch in der Schule lernen, wenn in Zeiten des Internets Wissen überall und jederzeit verfügbar ist? Mit diesen Fragen hat sich die Friedrich-Ebert-Stiftung etwas ziemlich Großes aufgeladen. Denn nichts ist chaotischer als das föderale deutsche Bildungswesen. Die Zahl der Lehrpläne wird auf etwa 2000 geschätzt. Was soll davon künftig bundesweit noch gelten?

Antworten darauf versuchen 25 Autoren in einem neuen Band „Bildungskanon heute“ zu geben, den die SPD-nahe Friedrich-Ebert-Stiftung jetzt in Berlin vorgestellt hat. Sie will damit eine bundesweite Debatte anstoßen.

Mehr als eine Definition von Kompetenzen

Die Initiatoren haben keinen elitären Bildungskanon im Sinn, aber durchaus mehr als nur eine Definition von Kompetenzen, wie sie nach Pisa 2000 Standard wurden. Der Züricher Pädagogikprofessor Jürgen Oelkers spricht von Minimalstandards, wie man sie etwa in der Schweiz finde (siehe Kasten).

Offen sollte solch ein gemeinsamer Kanon sein, fordern einige der 25 Autoren des Bandes – damit stets neue Forschungen und Inhalte integriert werden können. Andere wollen, dass Schüler mehr über Soziales, Gesundheit, Recht und Wirtschaft lernen. Doch wer legt das fest? Für jeden neuen Inhalt müsse man sich von einem bisherigen verabschieden, sagt Oelkers.

Worauf kann man verzichten: auf den Otto-Motor, den Satz des Pythagoras, die Röntgenstrahlen, Goethe oder Kant?So konkret wird keiner der Autoren. Dass es ein Grundwissen geben muss, bestreitet niemand. Ebenso einen demokratischen Grundkonsens. Dennoch finden sich in dem Band neben viel sperrig Theoretischem auch interessante praktische Vorschläge.

"Aufgaben aus dem Elfenbeinturm"

Ernst Peter Fischer kritisiert zum Beispiel scharf, wie an der Schule die Naturwissenschaften vermittelt werden. Im Physik-Abi fänden sich „Aufgaben aus dem Elfenbeintum“, die niemand verstehe, schreibt der Wissenschaftshistoriker und Buchautor („Warum Spinat nur Popeye stark macht“). Schüler müssten zum Beispiel Gitterfolien berechnen, die mit 1?000 Einzelspalten pro Millimeter auf die Innenseite der Querwand eines Glastroges geklebt werden.

Die Schule, so Fischer, habe aber nicht die Aufgabe, lauter kleine Ingenieure ausbilden, sondern, „auf sinnlich erfahrbare Themen einzugehen und die Schüler/innen zu ermutigen, weiter eigene Beobachtungen in der Natur zu machen“. Die Phänomene drängten sich den Kindern täglich auf: Warum kühlt Wasser im Sommer den Körper? Warum sieht man nur eine Seite vom Mond? Warum bekommen Männer Bärte? Was ist ein Hurrican?

Am Beispiel des Sonnenuntergangs, so Fischer, könne man interdisziplinär sowohl ein sinnliches Phänomen (Literatur, Kunst) darstellen, als auch den physikalischen Vorgang der Erddrehung vermitteln – samt Entstehung und Folgen des heliozentrischen Weltbilds von Kopernikus.

Mehr Originaldokumente im Unterricht

Fischer schlägt vor, im Unterricht auch mehr Originaldokumente zu verwenden. Er habe zum Beispiel noch keinen Lehrer gefunden, der Einsteins Aufsatz „Die Ursachen der Mäanderbildung der Flussläufe“ aus den 20er-Jahren kenne. Einstein untersuche darin, warum sich Flüsse auf der Erdkugel in Schlangenlinien krümmen, statt der Richtung des größten Gefälles zu folgen. Er beginne den Aufsatz mit einer Erörterung des „Teetassenphänomens“, das jeder selbst beobachten könne.

In dem Buch finden sich auch Anregungen für einen verbindlichen Bildungskanon, zum Beispiel zum Thema „Die Shoa – Judenvernichtung im Dritten Reich“ in der 9. Klasse. Er gibt vor, dass die einzelnen Stufen – von der Ausgrenzung bis zur Vernichtung – über die Methode des biografischen Lernens sichtbar gemacht werden sollen. Dafür werden 18 Bücher vorgeschlagen, aus denen Lehrer auswählen können.

Die größte Herausforderung ist das Internet

Aber passt die reale Welt der Schüler überhaupt noch zur Unterrichtswelt der Schule? Das Internet ist die größte Herausforderung. Die Schule habe „dem Tempo dieses Leitmedienwechsels bisher nicht standhalten können“, sagt Tobias Weißenfels, Student und Autor der Studie „Sprichst du Politik?“. Oelkers entgegnet, dass viele Schulen durchaus Lernstrategien entwickelt hätten, Computer und Internet zu integrieren. Er nennt etwa die Preisträger des Deutschen Schulpreises. Aber das sind wohl Ausnahmen. Vor allem viele Gymnasien glauben, sich nicht entwickeln zu müssen.

Mitglieder der Piratenpartei behaupteten, das man keine Inhalte mehr lernen müsse, sondern nur noch „Metakompetenzen“, sagt Oelkers. Auf die Frage, wo sie denn alles gelernt hätten, was sie zum Umgang mit dem Internet bräuchten – Lesen, Schreiben, Grundwissen zur Orientierung –, gäben sie zu: in der Schule. Nach Meinung der Bildungspolitikerin Ute Erdsiek-Rave lautet die Grundfrage der Schule heute: „Wie werden Kinder von Netzabhängigen zu mündigen Nutzern der Medien?“ Auch dazu machen Autoren des Buches eine Reihe guter Vorschlägen.

Zugleich gibt es Generalkritik. Seit 250 Jahren sei die Bildung das Ideal, aber die Pauk-Schule die Realität, sagt etwa Lisa Rosa, eine Lehrerin, die heute Hamburger Lehrer fortbildet. Das Inhalte-Pauken sieht sie als völlig überholt an in einem „Bildungskanon für die glokale Welt“, also eine Welt, in der das Lokale mit dem Globalen eng verschränkt ist.

Neues Verständnis vom Lernen

Die Frage ist berechtigt: Wozu büffeln Schüler in einer Zeit, in der man Wissen jederzeit und überall abrufen kann, noch für Klassenarbeiten? Wozu lernen sie den Satz des Pythagoras, binomische Formeln, die Flüsse und Gebirge Europas auswendig, um sie am nächsten Tag zu vergessen?

Lisa Rosa fordert ein ganz neues Verständnis von Lernen. Es könne angesichts des rasant gewachsenen Wissens keine verbindliche Liste von Gegenständen der Natur oder Kunst mehr geben, mit denen sich alle beschäftigen sollten. Denn diese Liste schließe vieles andere aus. Lehrer könnten heute Schülern nur helfen, etwas zu finden, zu dem sie eine innere Beziehung ausbilden. Sie nennt es einen „persönlichen Sinn“. Bisher machten Schulen genau das Gegenteil.

Lisa Rosa erwähnt Generationen von Jungen, deren Bedürfnis nach Sachtexten „mit dem Literaturunterricht erschlagen wurde“. Es dürfe künftig nur eine Kompetenzliste geben, die eine breite Auswahl möglich macht. Dies wäre allerdings ein großer Schritt weg von einem allgemeinen Bildungskanon. Und sicher ein Grund, unendlich lange weiter zu streiten.

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