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Nordrhein-Westfalen Bekenntnisschulen bleiben ohne Führung

Die Marien-Schule im sauerländischen Lennestadt ist auf der Suche nach einer Schulleitung. Eltern und Lehrer sind sich bereits einig, doch die Sache hat einen Haken: Die Wunschkandidatin ist evangelisch, die Grundschule aber eine katholische Bekenntnisschule.

27.04.2011 19:34
Von Hermann Horstkotte
In mancher Schule spielt die Konfession eine tragende Rolle. Foto: dapd

Wir wollen einen guten Schulleiter – ob er oder sie katholisch oder evangelisch ist, ist uns egal.“ Sandra Würde, Vorsitzende der Elternvertretung an der Marien-Schule im sauerländischen Lennestadt, hat einen klaren Standpunkt. Eine Wunschkandidatin haben Eltern und Lehrer auch schon gefunden: die kommissarische Leiterin der Schule.

Die Sache hat nur einen Haken: Die Pädagogin ist evangelisch, die voll vom Staat finanzierte Grundschule aber nominell eine katholische Bekenntnisschule. Deshalb beharren die Schulaufsicht bei der Bezirksregierung in Arnsberg und der Erzbischof von Paderborn auf einem katholischen Vorsteher.

Die Marien-Schule ist kein Einzelfall. Mehr als ein Drittel von insgesamt knapp 3200 Grundschulen in Nordrhein-Westfalen ist konfessionell gebunden. Nicht einmal hundert davon sind evangelisch. Die staatlichen Bekenntnisschulen sind neben den überkonfessionellen „Gemeinschaftsgrundschulen“ in der Landesverfassung von 1950 garantiert. Sonst gibt es dergleichen nur noch in Niedersachsen, aufgrund eines Staatsvertrages mit dem Vatikan aus den 60er Jahren.

Grundsätzlich müssen alle Lehrer an der Bekenntnisschule die „richtige“ Religion haben. Andere müssen an Rhein und Ruhr nur dann zusätzlich eingestellt werden, wenn mehr als zwölf bekenntnisfremde Jungen und Mädchen die Schule besuchen und dort ihren eigenen Religionslehrer brauchen. So steht es im Schulgesetz.

Doch die Wirklichkeit sieht anders aus. Mancherorts sind die bekenntnistreuen Lehrer gegenüber andersgläubigen und bekenntnislosen gar in der Minderheit. So schwer ist es offenbar, vor allem katholische Pädagogen an- und aufs Land zu ziehen. Inzwischen gibt es nicht allein im Regierungsbezirk Arnsberg sogar Konrektoren, die den Chef oder die Schulleiterin vollständig vertreten, ohne der gewünschten Religion anzugehören. Auf die freie Leiterstelle in Lennestadt etwa hat sich seit mehr als einem Jahr nicht ein Katholik beworben.

Trotzdem hält der Paderborner Erzbischof Hans-Josef Becker an der Devise fest: lieber gar keine Schulleitung als eine andersgläubige – selbst wenn die Kandidatin nicht als Fremde von außen kommt, sondern als kommissarische Leiterin schon seit Jahren in der Schule heimisch ist. Becker erklärt das Nein zur Protestantin so: „Der Schulleiter ist verantwortlich dafür, dass die Grundsätze des Bekenntnisses im Unterricht umgesetzt werden. Und draußen, etwa bei Ortsfesten, ist er Repräsentant des katholischen Profils.“

Elternsprecherin Würde hält dagegen: „Da wir keinen Schulleiter haben, leidet das Unterrichtsangebot. Bei uns entfällt der Förderunterricht, weil unsere Lehrerinnen etwa die ganze Verwaltungsarbeit unter sich aufteilen müssen.“ Und hinter vorgehaltener Hand ergänzt ein Einheimischer: „Vor Ort sieht’s anders aus als in Paderborn. Wenn der Schulleiter beim Feuerwehrfest den Katholiken herauskehren würde, hätte er verloren.“

Akuter Schülermangel

Fast zwanzig Prozent der Marien-Schüler sind nicht katholisch. Ohne sie käme die Schülerzahl an die kritische Untergrenze. „In den letzten beiden Jahren haben wir zwei von zehn Grundschulen geschlossen, eine dritte wackelt“, sagt Stefan Hundt, der Bürgermeister von Lennestadt.

Wenn es um ihre Existenz geht, akzeptieren die katholischen Bekenntnisschulen offenbar jeden Schüler oder Lehrer. Andernorts, wo der Zulauf groß genug ist, verlangen sie dagegen von allen Kindern, sich zum katholischen Religionsunterricht anzumelden, zum Beispiel in Bad Godesberg. Damit allerdings unterläuft die Kirche die Religionsfreiheit.

Über ihre Konfessionsschulen „generieren und tradieren die Kirchen Werte, auf die der Staat angewiesen ist“, betonte der Bad Godesberger Kirchenobere, Dechant Wolfgang Picken, kürzlich auf dem Deutschen Juristentag. Auch die Schulministerin und bekennende Katholikin Sylvia Löhrmann (Grüne) will keinen Streit über die Konfessionsschulen. „Wir dürfen es in der Schulpolitik nicht zu einem Riss in der Gesellschaft kommen lassen“, so Löhrmann lapidar. Gegen die Bekenntnisschulen vorzugehen, ist für die rot-grüne Landesregierung damit genauso tabu wie für die CDU.

Zeitgemäß aber scheinen diese nicht mehr zu sein. „Wenn es nach dem Mehrheitsbekenntnis meiner Pennäler ginge“, erklärt die Leiterin einer Grundschule in Bonn, „dann wären wir heute eine muslimische Schule.“

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