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Bildungsstudie Land der Bildungsabsteiger

Es bleibt dabei: Auch gut zehn Jahre nach dem Pisa-Schock haben es Kinder aus armen und zugewanderten Familien schwer in Deutschland. Der Chancenspiegel zeigt: „Durchlässigkeit“ gibt es vor allem nach unten.

13.03.2012 17:24
Von Jeannette Goddar
Schulanfänger in Düsseldorf. Foto: dapd

Die Unterschiede zwischen den Bundesländern sind dabei erheblich – so erheblich, dass Grundschüler aus bildungsfernen Familien ihren Altersgenossen aus Akademikerfamilien in manchen Ländern beinahe zwei Jahre hinterherhinken, in anderen „nur“ sechs Monate.

Nachzulesen ist das in dem Chancenspiegel, den das Dortmunder Institut für Schulentwicklungsforschung im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung erarbeitet hat (zu finden unter: www.chancen-spiegel.de). Mit ihm soll künftig regelmäßig überprüft werden, wie es um die Chancengerechtigkeit in den Bundesländern bestellt ist.

Aufgrund von Daten aus Iglu-, Pisa und anderen Studien nimmt der Chancenspiegel Land für Land zentrale Fragen der Verteilung von Chancen unter sozialen Gesichtspunkten in den Blick: Wie werden Kinder mit Behinderung und Lernschwache gefördert? Welche Chancen auf Abitur haben Kinder aus bildungsfernen Schichten? Wie sieht es mit der Leseleistung aus? Welche Schüler schaffen es zu welchen Abschlüssen und auf einen Ausbildungsplatz?

Viele Schulabbrecher

Eines der eklatantesten Ergebnisse macht deutlich, dass sich an der Achillesferse des deutschen Schulsystems bisher kaum etwas geändert hat: Durchlässigkeit gibt es nach wie vor im wesentlichen in eine Richtung: nach unten. So kommen auf jeden Aufsteiger – der es beispielsweise von der Realschule auf das Gymnasium schafft – bundesweit nahezu viereinhalb Absteiger. Zwischen den Ländern bestehen große Unterschiede: Während in Bayern, Baden-Württemberg, Brandenburg, Hamburg und Rheinland-Pfalz die Gefahr des Abstiegs „nur“ zweieinhalb mal so groß ist wie die Chance auf Aufstieg, tragen Berlin, Hessen, Niedersachsen und Sachsen knallrote Laternen: Dort steigen für jeden Aufsteiger elf Schüler ab.

Ausruhen können sich die „durchlässigeren“ Länder auf dem Ergebnis nicht; in anderen Punkten schneiden auch sie schlecht ab: So sind die Chancen von Akademiker-Kindern auf ein Abitur in Baden-Württemberg und Bayern sechsmal höher als die von Arbeiterkindern. In Berlin und Hessen hingegen liegt dieser Unterschied nur beim Zweieinhalbfachen. Hamburg steht dafür neben Berlin, Bayern und Brandenburg in der Schlussgruppe bei der Lesekompetenz von Jugendlichen aus benachteiligten Familien. Gemeinsamer Unterricht von behinderten und nicht-behinderten Kindern ist im Osten immer noch weit weniger verbreitet als im Westen. Auch Schulabbrecher gibt es in allen neuen Ländern außer Thüringen besonders häufig.

Insgesamt gelte, so Jörg Dräger, Bildungsvorstand der Bertelsmann-Stiftung: „Kein Land ist überall Katastrophe, aber auch keins überall gut.“ Alle Länder seien gefordert, aus den „extremen regionalen Unterschieden die Konsequenz zu ziehen, mehr voneinander zu lernen“. Der Dortmunder Schulforscher und Chancenspiegel-Verfasser Wilfried Bos fordert ein radikales Umdenken hin zu „Mindeststandards“ in der Verteilung von Chancen. Schließlich, so Bos, seien die Ergebnisse, „nicht aus Uganda, sondern mitten aus Deutschland.“

Mit einem jahrzehntealten Mythos räumt der Chancenspiegel auch auf: Wo auf Gerechtigkeit gesetzt wird, muss der Exzellenzgedanke nicht zu kurz kommen.

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