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Bildungspolitik „Schulnoten gehören abgeschafft“

"Was bildet ihr uns ein?" fragt eine Gruppe junger Autoren in ihrem Buch und fordert eine Bildungsrevolution in Deutschland. Susanne Czaja, eine Autorin des Buches, über fehlende soziale Durchlässigkeit und veraltete Lernmethoden.

Melden für die Bildungsrevolution. Foto: imago

Eine Gruppe von überwiegend jungen Autoren kritisiert das deutsche Bildungssystem. „Was bildet ihr uns ein?“ fragen sie in ihrem Buch und fordern eine Bildungsrevolution. Zu lange sei an der deutschen Bildung nur herum gedoktert worden – jetzt sei der Moment gekommen, das System grundlegend neu zu ordnen. Ein Gespräch mit der Bildungsforscherin und Co-Autorin des Buches, Susanne Czaja, über fehlende soziale Durchlässigkeit an deutschen Schulen und veraltete Lernmethoden.

Frau Czaja, in Ihrem Buch prangern Sie das deutsche Bildungssystem an, das sozial schwächere Kinder benachteiligen würde. Wo sehen Sie die größten Hürden für diese Kinder?

Die größten Hürden liegen in der frühen Selektion nach der Grundschulzeit. Kinder werden viel zu früh unterschiedlichen Schultypen zugeordnet. Hier werden sozial schwächer Kinder oftmals benachteiligt. Die Pisa-Studien haben gezeigt, dass Grundschüler, deren Eltern das Abitur gemacht haben, eine vier Mal so hohe Chance auf eine Gymnasialempfehlung haben, wie Kinder deren Eltern maximal einen Hauptschulabschluss haben.

Die soziale Abstammung zählt mehr als Leistung?

Unser Schulsystem ist nicht durchlässig und wenn, dann nur nach unten. Wer erst einmal auf einer Hauptschule ist, kann das Gymnasium kaum mehr erreichen. Im Studium wird die soziale Selektion noch deutlicher: 77% der Akademikerkinder nehmen später selbst ein Studium auf. Von 100 Kindern, deren Eltern eine Hauptschule besucht haben, gehen jedoch nur 13 später auf die Universität. Diese vorhersehbaren Bildungswege müssen aufgebrochen werden. Wir kritisieren aber nicht ausschließlich die Schulform, sondern auch die Art und Weise, wie unterrichtet wird.

Was wird im Unterricht falsch gemacht? Zum Beispiel in der Grundschule?

Kinder sind von Natur aus neugierig und motiviert, wenn sie in die Schule kommen. Unterricht, wie er derzeit an vielen Schulen praktiziert wird, zerstört die Motivation und Neugierde eher.

Können Sie das genauer erklären?

Eine Forderung von uns ist es, den Unterrichtsrhythmus zu ändern. Wir unterstützen die Idee der Ganztagsschule, in der Unterricht entzerrt und inhaltlich ausgeweitet werden kann. Für viele Dinge bleibt im heutigen System schlichtweg kein Platz. Gerade praktisches, spielerisches Lernen kommt momentan zu kurz. In Ganztagsschulen kann viel besser auf die individuellen Bedürfnisse der Kinder eingegangen werden, auf schwächere und leistungsstärkere Kinder.

Eine Ihrer Forderungen ist die Abschaffung von Noten. Wie wollen Sie Leistung stattdessen beurteilen?

Wir finden, dass das derzeitige Bewertungssystem von Leistungen, die Notenvergabe, nicht angemessen für Kinder ist. Noten sind nicht aussagekräftig, sie sind viel zu allgemein. Wir fordern eine individuelle Rückmeldung für Kinder, die detailliert auf ihre Stärken und Schwächen eingeht.

Ihre Eltern stammen beide nicht aus Deutschland. Welche Erfahrungen haben Sie mit dem deutschen Bildungssystem gemacht?

Da meine Eltern keine Akademiker sind und Deutsch nicht ihre Muttersprache ist, war der Tag meiner Einschulung nicht nur für mich neu, sondern auch für meine Eltern. Sie waren mit dem deutschen Bildungssystem nicht vertraut – eine Tatsache, die bei vielen Migranten zu wenig beachtet wird. Ich fühlte mich in sofern benachteiligt, dass meine Eltern zwar versucht haben mich so gut es ging zu unterstützen, es aber nicht in der gleichen Art und Weise konnten, wie Eltern, die selbst das Schulsystem durchlaufen haben. Hier muss die Schule eingreifen und nicht nur den Kindern, sondern auch den Eltern helfen.

Was könnte die Schule tun?

Meine Eltern hatten beispielsweise Probleme, die Bildungssprache zu verstehen. Bei Hausaufgaben, um ein einfaches Beispiel zu nennen, saßen wir zusammen und haben überlegt, was „subtrahieren“ bedeuten könnte. Diese „Kleinigkeiten“ begleiteten meine ganze Schulzeit. Nach der Grundschule bekam ich dann eine eingeschränkte Gymnasialempfehlung. Meine Eltern entschieden sich für die Realschule, da sie das Gefühl hatten, mir nicht genügend helfen zu können. Meine Lehrer haben sie damals in der Entscheidung unterstützt. Ich fühlte mich als Versagerin, da ich es nicht aufs Gymnasium geschafft hatte, im Gegensatz zu vielen meiner Freunde. Ein Bildungssystem, das schon so früh Kindern das Gefühl vermittelt, versagt zu haben, kann nicht richtig sein.

Blicken wir ins Ausland. Sie haben sich einen persönlichen Eindruck vom kanadischen Schulsystem machen können und waren beeindruckt. Was wird dort besser gemacht?

In Kanada habe ich mir vor allem angeschaut, wie mit Kindern mit Migrationshintergrund und Kindern mit Förderbedarf umgegangen wird. Die Kanadier haben genauso wie die Deutschen ein föderales Bildungssystem, von daher ist der Vergleich nicht zu weit hergeholt. Das Beeindruckende dort ist, dass Kinder häufig, egal ob hochbegabt oder förderungsbedürftig, nicht nur zusammen lernen, sondern auch voneinander lernen.

In Deutschland ist eine solche Schulform die Ausnahme, in Kanada die Regel?

Das ist von der jeweiligen Provinz abhängig. Aber, die überwiegende Mehrheit der Schüler in Kanada wird tatsächlich nach diesem Muster unterrichtet. Natürlich haben die Kinder nicht immer zusammen Unterricht. Aber es gibt viel mehr gemeinsame Zeit als bei uns. Ich konnte deutlich sehen, dass nicht nur die Förderschüler davon profitieren, sondern alle Schüler. Der Zusammenhalt in den Klassen, die ich besucht habe, war beeindruckend – ebenso wie die gegenseitige Rücksichtnahme. Ich denke, auch in Deutschland würden die Schüler von einem solchen Schulsystem profitieren.

Wirkt sich die kanadische Art des Lernens neben der Entwicklung von Sozialkompetenz auch positiv auf die schulischen Leistungen aus?

Kanada ist eines der wenigen Länder im OECD-Vergleich (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung), das es besonders gut schafft, die Kopplung zwischen Herkunft und Bildungserfolg aufzubrechen. Es kommt dort viel mehr darauf an, was ein Kind persönlich leistet. Den Schulen gelingt es dort auch wesentlich häufiger als bei uns, Förderschüler zu einem Schulabschluss zu bringen. In Deutschland haben 2010 beispielsweise 75 Prozent der Abgänger der Förderschulen diese Schule ohne Hauptschulabschluss verlassen.

Wäre es realistisch in Deutschland ein ähnliches System einzuführen?

Ich denke schon. Wenn man vergleicht, wie viel welches Land für Bildung ausgibt, findet sich Deutschland eher im unteren Bereich wieder. Man müsste aber gar nicht einmal so vielmehr Ressourcen aufwenden, sondern das Geld so verteilen, dass es bei den Kindern ankommt.

Wo sollte mehr Geld hinein fließen?

Besonders die Sprachförderung kommt zu kurz. Hier sollte der Staat mehr Ressourcen einsetzen. Wenn wir uns als Bildungsnation verstehen, dann müssen wir den Schwerpunkt auch mehr auf Bildung legen und dort mehr Geld investieren.

In ihrem Buch sprechen Sie von „Hoffnungstätern“. Was ist damit gemeint?

Über unsere Homepage suchen wir Hoffnungstäter. Jeder der mitmachen will, ist herzlich willkommen. Hoffnungstäter sind eine Art Vorbild. Das Wort ist eine Mischung aus den Worten Hoffnungsträger und Täter. Wir suchen Menschen, die einerseits Hoffnung spenden und andererseits Täter sind, also aktiv werden und uns unterstützen wollen. Jeder kann uns dort seine Meinung über das Bildungssystem kundtun und mitteilen, was er verbessern will.

Das Interview führte Michael Rebmann

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

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