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Bildung Das Märchen von der Jungenkrise

Sind männliche Schüler Bildungsverlierer, weil in Grundschulen vor allem Frauen unterrichten? Forscher bezweifeln diese These

06.03.2012 18:10
Von Jana J. Bach
Auch Jungen können glücklich und erfolgreich in der Schule sein. Foto: imago

Sind männliche Schüler Bildungsverlierer, weil in Grundschulen vor allem Frauen unterrichten? Forscher bezweifeln diese These

Ein Kindergarten in einer deutschen Großstadt: Der kleine Jan hat sich gerade den Kopf beim Toben an einer Holzkiste mit Lego-Bausteinen gestoßen. Alles halb so wild. Denn eine der drei Erzieherinnen kommt sofort herbei, um den Schmerz wegzupusten. Trösten, spielen, singen, vorlesen, beim Essen helfen – gerade die ganz frühe Bildung ist noch immer weiblich geprägt. Männer fehlen in Kindergärten, aber auch in Grundschulen, wo zu mehr als 85 Prozent Frauen unterrichten.

Die weibliche Prägung in den ersten Lebensjahren hat Folgen für die schulische Entwicklung der Geschlechter. Das behaupten jedenfalls Bildungsforscher. Wie Studien der jüngeren Zeit ergaben, haben Mädchen die besseren Noten und Prüfungsergebnisse, schaffen häufiger den Sprung aufs Gymnasium und brechen seltener die Ausbildung ab. An den Hochschulen sind sie mittlerweile in der Überzahl. Mädchen sind auf der Überholspur.

Auf der anderen Seite konstatierten Forscher und Politiker eine Jungenkrise. Wie die Pisa-Studie ergab, liegen 15-jährige Jungen in ihren Leseleistungen ein Jahr hinter ihren Altersgefährtinnen zurück. 60 Prozent der Jungen lesen nie zu ihrem Vergnügen, bei Mädchen sind es nur 29 Prozent. Generell seien Jungen die Bildungsverlierer, lautete der Tenor.

Lehrerinnen schaden nicht

Die Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (CDU), verkündete, ein „Jungen-Referat“ einzurichten, um den aus der weiblich geprägten Pädagogik entstandenen Nachteilen für Jungen entgegenzuwirken. Aktionen, wie etwa im Bergischen Land, machten auf sich aufmerksam, indem sie die Nachbarschaft von Grundschulen mit der Forderung plakatierten: „Mann, werd’ Lehrer!“

Doch was ist wirklich dran an den Thesen? Drei Doktoranden aus Berlin und Mannheim haben sich jüngst die Ergebnisse internationaler Untersuchungen vorgenommen, unter anderem der Iglu-Studie, die in einem Zeitraum von 2003 bis 2005 bundesweit die Lese- und Rechenkompetenz von Schülerinnen und Schülern der vierten bis sechsten Klasse erfasst hatte. Die Forscher kamen zu dem Schluss: Die weibliche Dominanz im Lehrerberuf wirkt nicht auf die Chancen und Leistungen der Jungen.

„Es ließen sich keine nennenswerten Unterschiede feststellen, egal ob die Schüler von männlichen oder weiblichen Lehrern unterrichtet wurden“, sagte Martin Neugebauer vom Zentrum für Europäische Sozialforschung der Universität Mannheim. Mit ihm werteten sein Uni-Kollege Andreas Landmann sowie Marcel Helbig vom Wissenschaftszentrum Berlin (WZB) für Sozialforschung die Studien aus.

Nicht die Jungen haben sich verschlechtert, vielmehr treten die Mädchen selbstbewusster auf, streben häufiger als früher einen Abschluss oder ein Studium an, so lautet ein Ergebnis. Von den 50er- bis 70er-Jahren stellten die Jungen bei den Abiturienten und Studenten noch die Mehrheit. 1981 lag erstmals die Abiturientenquote bei Mädchen höher, ein Vorsprung, der sich stetig vergrößerte. 2007 machten etwa 30 Prozent aller Mädchen ihr Abitur, bei den Jungen waren es nur 21 Prozent.

Aber ist die frühe Bildung nicht doch auch „weiblich geprägt“? Kommen Lehrerinnen besser mit Mädchen zurecht? Auch dies ist eine These in der Bildungsdebatte. Marcel Helbig vom WZB kennt die Einwände, Jungen würden häufiger als „Störenfriede“ auffallen, da sie sich mit den weiblich angehauchten Praktiken im Schulalltag nicht arrangierten. Aber ob Jungen in der Schule fleißig seien oder nicht, hänge von ganz anderen Faktoren ab.

„Untersuchungen haben ergeben, dass Eltern ihre Söhne fast immer als intelligenter einschätzen als ihre Töchter“, sagt Helbig. Eine Folge davon ist, dass die Jungen entsprechend behandelt werden und sich auf ihrem Ruf ausruhen. Im übrigen funktioniere das auch andersherum, so Helbig: Kinder befinden ihre Väter für schlauer als die Mütter und die Großväter für klüger als die Großmütter.

Die Männer hätten den Expertenstatus inne. Das beginne schon, wenn Kinder mit fünf Jahren behaupteten, sie würden gerne Feuerwehrmann oder Krankenschwester werden. „Eine realistische Berufsorientierung ist das natürlich nicht“, sagt Helbig. Mit tatsächlichen Kompetenzen hat es nichts zu tun. Frauen sind auch nicht biologisch auf Pflegeberufe abonniert. Es werden lediglich die traditionellen und immer noch gängigen Männer- und Frauenbilder gespiegelt. „Frauen stehen nach wie vor in der erzieherischen Hauptverantwortung“, sagt Martin Neugebauer.

Dem Grundschulberuf hängt das Image an, etwas für „Weichgespülte“ zu sein. Frauen mit Kindern bietet der Lehrerjob den Vorteil, familiäre und berufliche Interessen miteinander verknüpfen zu können. Dass Männer sich nicht für eine Tätigkeit in der Früherziehung entscheiden, liegt nicht zuletzt an der Bezahlung: Pädagogen an Gymnasien erhalten im Durchschnitt 700 Euro mehr als Grundschullehrer. Und selbst, wenn in einer Familie nicht die klassische Rollenverteilung vorhanden ist, herrscht immer noch Lohnungleichheit in vielen Berufssparten.

Der Sozialpädagoge Kim-Patrick Sabla, Professor an der Universität Vechta, findet es besonders interessant, in welchem Kontext die Debatte um die Jungen „als Bildungsverlierer“ angestoßen wurde. „Der Diskurs ist politisch und ökonomisch motiviert“, sagt er. „Zunächst wurde der Ruf lauter, mehr Männer in Kitas unterzubringen.“ Dazu wurden sogar Modellprojekte gestartet, und zwar mit Langzeitarbeitslosen. Letztlich drehe es sich um stärkere Flexibilität von Arbeitskräften, die mehrfach einsetzbar sein sollen, sagt Sabla.

Für eine Diskussion um Bildungserfolge hält er Studien, die sich auf die Wirkung von Herkunft, sozialem Status und Armut beziehen, für viel entscheidender, als eine Debatte um schulische Feminisierung. Die Krise sei aufgebauscht und emotionalisiert, wie fast immer, wenn es sich um Geschlechterungleichheiten drehe. Die Jungen seien zu unrecht in den Fokus geraten.

Es gibt nur wenige Konstanten in der deutschen Bildungsentwicklung. Eine von ihnen betrifft die Schulerfolge von Kindern aus bildungsfernen Schichten und Migrantenfamilien. Diese sind heute noch genauso unterdurchschnittlich wie vor 50 Jahren. Das ergab die Untersuchung der Sozialforscher um Martin Neugebauer von der Universität Mannheim.

Die Politik habe hier versagt, sagt sein Kollege Marcel Helbig vom WZB. Mindestens seit den 70er-Jahren werde darüber geredet, wie die Bildungsarmut mit der sozialen Herkunft vererbt werde. Aus Resignation habe man nun ein neues Fass aufgemacht, statt hilfreiche Konzepte zu entwickeln. Das Gesicht der Gesellschaft in Deutschland hat sich erschreckend wenig gewandelt. Wenn sich etwas getan habe, dann, dass Frauen gelernt hätten, mit einer Doppelbelastung umzugehen, sagt der Sozialpädagoge Sabla.

Männer fehlen in der Früherziehung

Die Bundeskanzlerin tauge nicht als Aushängeschild für ein gesellschaftlich-fortschrittliches Frauenbild. Sie agiere neben ihrem Amt nicht als Mutter, sei einen typisch männlichen Karriereweg gegangen. Als modern könne man sie allenfalls in Kombination mit ihrem Mann ansehen, der sich bedeckt halte – und ihr den Rücken frei.

Der Tatbestand ist dennoch misslich: Männer fehlen in der Früherziehung. Aber das betrifft nicht nur öffentliche Einrichtungen wie Kita und Grundschule. Sondern es geht vor allem auch um die Familien. Die Zahlen des Statistischen Bundesamtes in Berlin zeigen, dass immer mehr Kinder in Deutschland mit nur einem Elternteil aufwachsen – und zwar in jeder fünften Familie. Neun von zehn Alleinerziehenden sind Frauen.

Eine „vaterlose Gesellschaft“ mag vielleicht keine Auswirkungen auf die Bildung von Kindern haben. Allerdings sind die psychischen Folgen weitgehend unbekannt. Diesbezügliche Studien fehlen bislang. Die generelle Forderung nach mehr männlichen Vorbildern in der Bildung hält Kim-Patrick Sabla dagegen für undifferenziert. Männer sind keine homogene Masse. „Mal wird nach dem starken Mannsbild in der Früherziehung verlangt, mal nach dem sensiblen Zuhörer.“ Viel entscheidender dagegen ist, dass Männer präsent sind, um ein gleichberechtigtes Miteinander vorzuleben – und zwar für Jungen und Mädchen gleichermaßen.

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