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Keas Die Papageien-Guerilla

Verhaltensforscher sind sich einig: Keas gehören zu den intelligentesten Vögeln. Die Kreativität der klugen Bergpapageien kann aber auch unangenehm werden: Durch ihren Forscherdrang sind sie bei neuseeländischen Autobesitzern alles andere als beliebt.

05.01.2011 18:48
Kerstin Viering
Neuseeländische Autofahrer lieben Keas nicht: Die Tiere nehmen alles auseinander, was ihnen unter den Schnabel kommt ? ein teurer Spaß. Foto: Getty Images

Ein kräftiger Ruck und der Scheibenwischer steht in einem Winkel ab, den der Hersteller so ganz sicher nicht vorgesehen hat. Auch das Gummi der Türdichtung hält den zerrenden Schnäbeln nicht lange stand. Was nun? Lässt sich vielleicht auch noch ein Außenspiegel, eine Radkappe oder ein Stück vom Auspuff abmontieren? Wenn Keas sich ein Auto vornehmen, kann es für den Besitzer teuer werden. Die neuseeländischen Bergpapageien sind bekannt für ihre Neugier und berüchtigt für ihren Drang, alles auseinanderzunehmen. Ihr scheinbar unerschöpflicher Einfallsreichtum fasziniert Laien und Verhaltensforscher gleichermaßen. Doch er bringt auch Probleme mit sich – nicht zuletzt für die Tiere selbst.

„Keas gehören sicher zu den intelligentesten Vögeln, die es überhaupt gibt“, sagt Andrew Fidler vom Cawthron Institut im neuseeländischen Nelson. In etlichen verhaltensbiologischen Studien haben sie ihre besonderen Talente schon unter Beweis gestellt. Wissenschaftler der Universität Wien bescheinigen ihnen die Fähigkeit, durch Nachahmung zu lernen. Die Forscher hatten einem Vogel beigebracht, in mehreren Schritten einen raffiniert verschlossen Futtercontainer zu öffnen. Artgenossen, die diesen geflügelten Profi bei der Arbeit beobachteten, bekamen die Kiste anschließend zwar nicht auf Anhieb auf. Sie kamen aber deutlich schneller und besser damit zurecht als Keas ohne entsprechendes Vorbild.

Auch bei etlichen anderen Aufgaben schnitten die Bergpapageien sehr gut ab. „Beim Lösen von Problemen stellen sie sich ähnlich geschickt an wie Primaten“, sagt Andrew Fidler. In einer Hinsicht schienen die Affen allerdings bis vor kurzem die Nase vorn zu haben ? beim Werkzeuggebrauch.

Die Vögel nutzen sogar Werkzeuge

Schimpansen sind dafür bekannt, dass sie mit Stöcken nach Termiten angeln oder mit Steinen harte Nussschalen knacken. Orang-Utans nutzen Blätter als Handschuhe, um stachelige Früchte anzufassen oder als Serviette, um sich nach dem Fressen das Kinn abzuwischen. Und Kapuzineraffen graben mit Steinen nach nahrhaften Wurzeln. Frei lebende Keas dagegen hatte bis vor kurzem noch niemand beim Einsatz von Werkzeugen beobachtet. Diesen Rückstand haben die Vögel nun aber auch aufgeholt.

So richtig glücklich sind Sanjay Thakur und seine Kollegen darüber allerdings nicht. Die Mitarbeiter der neuseeländischen Naturschutzbehörde, dem Department of Conservation (DoC), führen einen schwierigen Kampf gegen eingeschleppte Raubtiere, die viele einheimische Vogelarten an den Rand des Aussterbens gebracht haben. Zu den wichtigsten Waffen der Naturschützer gehören Holzkästen mit einem Ei als Köder und einer Art überdimensionaler Mausefalle im Inneren, mit denen sie Hermeline und andere Marder zur Strecke bringen.

Ausgerechnet diese Fallen haben sich die Keas nun aber für ihre Heimwerker-Experimente ausgesucht. „In den Murchison Mountains im Süden Neuseelands sind einige Vögel auf die Idee gekommen, mit einem langen Stock so lange im Eingang des Kastens herumzustochern, bis die Falle zuschnappt“, sagt Sanjay Thakur kopfschüttelnd. Die Marder können anschließend unbehelligt in die Kiste hinein und wieder heraus marschieren und zwischendurch das Ei verspeisen.

Am Köder scheinen die Keas nämlich kein gesteigertes Interesse zu haben. Was sie mit ihrer Sabotage bezwecken, weiß bisher niemand so genau. „Vielleicht handelt es sich um eine Art Spiel“, vermutet Sanjay Thakur. Dazu könnte auch passen, dass manche Keas seit neuestem gern Steine in die Fallenöffnungen werfen.

Diese Verhaltensweisen sind nur der Höhepunkt eines schon seit Jahren andauernden Ideenwettbewerbs zwischen Papageien und DoC-Mitarbeitern. Sanjay Thakur und seine Kollegen mussten ihre Fallen schon mehrmals umbauen, um Sabotageakte der gefiederten Guerilla zu verhindern. So war die Klappe, durch die der Köder gewechselt wird, früher nur mit einem Nagel befestigt. Den aber zogen die Vögel immer wieder heraus, bis die Naturschützer auf Schrauben umstiegen. Der nächste Kea-Trendsport bestand dann darin, die Fallen umzuwerfen. Dabei wiegen die schweren Holzkästen rund sieben Kilogramm, während die Papageien selbst höchstens ein Kilogramm auf die Waage bringen. „Das ist ungefähr so, als würden wir mal eben ein Auto umkippen“, sagt Sanjay Thakur.

Kaum hatten er und seine Kollegen die Fallen fest im Boden verankert, knipsten die Tiere mit ihren scharfen Schnäbeln den Maschendraht am Eingang auf. Das haben die DoC-Mitarbeiter mit extrafestem Spezialdraht unterbunden ? nur um anschließend zu beobachten, wie die Vögel die scheinbar papageiensicheren Fanggeräte mit Stöcken austricksten.

Nun haben die Naturschützer einen neuen Fallentyp entwickelt, bei dem der Marder erst um eine Ecke laufen muss, bevor er den Schnappmechanismus erreicht. Gegen stochernde Stöcke sollte das helfen. Doch es ist vermutlich nur eine Frage der Zeit, bis die findigen Vögel wieder auf eine neue Sabotage-Idee kommen. „Manchmal würde man sich wirklich ein bisschen mehr Kooperation von ihnen wünschen“, sagt Sanjay Thakur mit einem Seufzen. „Schließlich handeln wir ja auch in ihrem Interesse“.

Risiko Bleivergiftung

Vor lauter Neugier und Forscherdrang scheinen die Papageien ihr Interesse allerdings häufiger aus dem Blick zu verlieren. So haben sie ein fatales Faible für die aus Blei hergestellten Nägel entwickelt, die in Neuseeland noch in den Dächern älterer Berghütten stecken. Mit ihren kräftigen Schnäbeln zerren und knabbern sie so lange daran herum, bis sie das süß schmeckende Schwermetall verspeisen können. „Viele Keas sterben deshalb an Bleivergiftung“, sagt Andrew Fidler. Für ihn wirft das interessante Fragen nach der Evolution der tierischen Neugier auf.

Entwickelt haben die Keas diesen Charakterzug vermutlich als Anpassung an ihren harschen Lebensraum. Wer im neuseeländischen Gebirge das ganze Jahr hindurch genügend Futter finden will, muss eben ständig alles untersuchen und sich auf seinen Einfallsreichtum verlassen. Blei-Nägel und andere Gefahren aber vergrößern das Risiko eines solchen Verhaltens. „Vielleicht sind ja jetzt die etwas vorsichtigeren Keas gegenüber den bedenkenlosen Draufgängern im Vorteil“, vermutet Fidler. Das aber könnte mit der Zeit die Kultur und auch das Erbgut des Papageien-Bestandes verändern. Denn Neugier ist bei Vögeln auch eine Frage der Gene.

Bei Kohlmeisen haben Fidler und seine Kollegen vom Max-Planck-Institut für Ornithologie in Seewiesen das schon vor einigen Jahren nachgewiesen. Sie haben die Tiere mit unbekannten Gegenständen konfrontiert und sind dabei auf unterschiedliche Meisen-Persönlichkeiten gestoßen. So ließen sich manche Vögel von einem Rosaroten Panther aus Plastik neben ihrer Futterschale kaum beeindrucken, während andere vorsichtig Abstand hielten.

„Interessanterweise unterscheiden sich mutigere und ängstlichere Meisen in einem bestimmten Gen namens Drd4“, sagt Andrew Fidler. Dabei handelt es sich um die Bauanleitung für einen Rezeptor, an den im Gehirn der Botenstoff Dopamin andockt. Eine bestimmte Variante des Drd4-Gens scheint die Vögel zum Draufgängertum zu verleiten.

Gemeinsam mit Bruce Robertson von der Otago University im neuseeländischen Dunedin würde Fidler nun gern herausfinden, ob es ähnliche Effekte auch bei Keas gibt. „Wir suchen nach den genetischen Markern der Neugier“, sagt Bruce Robertson. Die könnten durchaus auch fürs Scheibenwischer-Abreißen und Fallen-Sabotieren zuständig sein.

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