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Exotische Einwanderer Die gefährlichen Mücken kommen

Tropenkrankheiten könnten bald auch in Deutschland übertragen werden. Welche exotischen Einwanderer schon da sind, weiß niemand so genau. Forscher bauen deshalb nun eine Datenbank auf.

16.05.2011 21:27
Frauke Haß
Malariamücke

Fernreisenden ist das Risiko wohlbekannt: Wer heute die Tropen ansteuert, wird schon in der Impfberatung gewarnt: 24 Stunden am Tag mit Insektenmittel einreiben! Denn die Malaria-Mücke sticht zwar erst mit Einbruch der Dämmerung. Darum kümmert sich die das Dengue-Fieber übertragende Tigermücke allerdings nur wenig. Sie ist den ganzen Tag aktiv und kann einen von morgens bis abends jederzeit erwischen.

Der 47 Jahre alten Eva (Namen der Betroffenen geändert) ist genau das vor einigen Jahren in Südindien passiert. Die Wissenschaftlerin leitete dort eine Exkursion, als sie und drei Mitreisende von hohem Fieber aufs Bett geworfen wurden. „Zwei Tage lang lag ich mit mehr als 40 Grad Fieber flach. Da ging gar nichts mehr. Am dritten Tag kam dann der ? wie ich später erfuhr ? für Dengue typische Hautausschlag: Rote Flecken über den ganzen Körper verteilt.“

Eva hatte Glück, nach vier Tagen ging es ihr etwas besser, während einer ihrer Schützlinge mit 42 Grad Fieber ins Krankenhaus gebracht werden musste. „Ich musste mich um die Exkursion und die Leute kümmern, also bin ich aufgestanden, aber so richtig fit war ich eigentlich erst wieder nach zwei Wochen“, erinnert sie sich.

So ähnlich hat es auch Sieglinde im Kopf, die sich vor Jahren in Südamerika Dengue-Fieber einfing. „Ich habe mich sehr, sehr schwach gefühlt und weiß sehr genau, warum Dengue auf Spanisch ,die Krankheit der brechenden Knochen‘ heißt. Die Gliederschmerzen waren schlimm.“ Noch Monate später saß ihr die Schwäche in den Knochen, berichtet Sieglinde.

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Dengue-Fieber ist eine von vielen Krankheiten, die näher kommen. Krankheiten, mit denen sich bald nicht mehr nur Globetrotter auseinandersetzen müssen, sondern auch Hans und Franz aus Nordkassel. Denn: Die Mücken kommen. Die globale Erwärmung sorgt dafür, dass sich auch in hiesigen Breiten Mücken heimisch fühlen, die aus den Tropen stammen. Sie könnten künftig auch in Europa Tropenkrankheiten wie Dengue oder Malaria übertragen.

Einer der ersten Vorboten aus dem Süden ist eben die das Dengue- und Chikungunya-Virus übertragende Tigermücke. „Vereinzelt wurde sie bereits im Rheintal beobachtet“, sagt Professor Sven Klimpel vom Senckenberg Deutsches Entomologisches Institut (SDEI) und vom Biodiversitäts- und Klima Forschungszentrum (BiK-F), „aber sie hat es offenbar noch nicht geschafft, sich hier fest anzusiedeln und auch zu vermehren“. Ob ihr das gelingt, und wann, soll nun unter anderem Gegenstand eines Forschungsprojekts sein. Die Wahrscheinlichkeit ist gewachsen: So meldeten die Behörden in Norditalien bereits 2007 Hunderte vor Ort entstandene Chikungunya-Fälle. Jugoslawien berichtet von einzelnen Dengue-Erkrankungen.

Das von der Leibniz-Gemeinschaft finanzierte Großprojekt will die Mücken in Deutschland untersuchen: Forscher des SDEI, des BiK-F und des Bernhard-Nocht-Instituts für Tropenmedizin (BNI) erstellen dazu zunächst mit Hilfe von Kooperationspartnern wie der Kommunalen Aktionsgemeinschaft zur Bekämpfung der Schnakenplage (Kabs) eine Mückenkarte für Deutschland. Jüngster Fund der Forscher ist das Japanische Buschmoskito (Ochlerotatus japonicus).

„Wir wissen zurzeit nicht genau, welche Mücken es in Deutschland überhaupt gibt“, sagt Professor Egbert Tannich vom BNI. „Das aber ist Voraussetzung, um etwaige Einwanderer zu identifizieren.“ Allein könne ein Forschungsinstitut den Aufbau so einer Datenbank nicht bewältigen. „Selbst mit vereinten Kräften wird es drei, vier Jahre dauern, bis man eine einigermaßen flächendeckende Karte hat.“ Zweiter Schwerpunkt des Projekts wird die Frage sein: „Was können diese Mücken? Sind sie in der Lage, bestimmte Viren zu übertragen?“

West-Nil-Virus breitet sich in Nordamerika aus

Das kann laut Tannich nur in einem Hochsicherheitslabor wie es am BNI zur Verfügung steht untersucht werden. Im Experiment sehe das so aus: „Die Mücken saugen mit Viren versetztes Blut aus einer mit einer Membran überspannten Petrischale. Wir untersuchen dann, ob sich die Viren in den Mücken vermehren.“

Denn heimische Mücken können in Folge der Globalisierung mit Viren in Kontakt geraten, die es zuvor in Mittel- und Westeuropa nicht gab und diese übertragen. Beim West-Nil-Virus, das lange nur in Afrika vorkam, besteht dieses Risiko ganz konkret: Durch den weltweiten Warentransport gelangten vor einigen Jahren offenbar infizierte Zugvögel an die Ostküste der USA.

Heimische Mücken, die Vögel und Menschen stechen, übertrugen das Virus auf den Menschen und in wenigen Jahren verbreitete es sich in rasanter Geschwindigkeit in ganz Nordamerika und erreichte binnen weniger Jahre die Westküste der USA ? mit Hunderten Todesfällen und tausenden Infektionen. Eine ähnliche Entwicklung könnte auch uns blühen.

Das West-Nil-Virus hat wegen der potenziell rasanten Verbreitung über sehr weite Strecken durch Zugvögel laut Klimpel ein ausgeprägtes Ausdehnungs-Potenzial. Deshalb wird das Virus, das hämorrhagische Fieberschübe auslösen kann, im Fokus der Untersuchungen stehen.

Nachgewiesen sei das West-Nil-Virus in Deutschland bisher noch nicht, so Klimpel. „Wir gehen aber davon aus, dass es durch Zugvögel nach Deutschland eingeschleppt wird.“ Damit besteht, wie in Nordamerika, auch ein Gefahrenpotenzial für die Menschen hier. Denn das West-Nil-Virus wird von Culex-Mücken übertragen, von denen es in Deutschland acht verschiedene Arten gibt. Allerdings seien in der Bevölkerung bisher noch keine Antikörper festgestellt worden, so Tannich.
Von daher sei es auch möglich, dass die in Deutschland heimischen Mücken als Überträger nicht geeignet sind, „weil“, so Klimpel, „sich das Virus in ihnen nicht vermehren kann“.

Auch Malaria-Parasiten könnten übertragen werden

Im Visier der Forscher sind aber auch andere Arboviren: Das sind durch Stechmücken oder Zecken (sogenannte Vektoren) übertragbare Viren, zu denen auch das West-Nil-, das FSME-, das Chikungunya-, das Sindbis- oder das Tahyna Virus gehören. Die durch sie verursachten Krankheiten nennt man Zoonosen: Sie zirkulieren in der Natur unter wildlebenden Tieren wie Vögeln oder Nagern. Gelegentlich infizieren sich jedoch auch einmal Haus- und Nutztiere des Menschen oder der Mensch selbst. Die Krankheitsbilder reichen von grippeartigen Symptomen bis Hirnhautentzündungen oder hämorrhagischen Fiebern mit tödlichem Ausgang.

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Auskunft soll die Mücken-Datenbank dann auch über sämtliche Zoonosen geben, auf die die Forscher stoßen. Dazu gehören auch Bakterien wie Borellien (Borelliose) oder Parasiten wie Herzwürmer (Dirofilarien) und andere Fadenwürmer (Nematoden), von denen einige auch durch Mücken übertragen werden können. Klimpel ist sich sicher: „Wir werden in Deutschland zunehmend mit Krankheiten konfrontiert, die durch Mücken, also Vektoren, übertragen werden und die wir bisher nur aus den Tropen kannten. Es ist nicht die Frage, ob das passiert, sondern wann. Einige dieser tropischen Viren wie das Sindbis-, das Batai- und das Usutu-Virus wurden bereits von BNI-Mitarbeitern in heimischen Stechmücken nachgewiesen.“

Auch die Malaria könnte in Deutschland übertragen werden. Deren mildere Form, die Malaria tertiana, gab es laut Tannich ohnehin bis in die 50er Jahre in Deutschland. „Darauf konzentrieren wir uns aber nicht“, sagt Klimpel. Und doch sei es interessant, dass die Anopheles plumbeus, die auch die gefährlichere Malaria tropica übertragen kann, sich in Deutschland stark vermehrt hat, betont Tannich. Das liege auch daran, dass der Baumhöhlenbrüter seine Brutgewohnheiten verändert hat und jetzt auch anderen Wasserstellen, etwa in Regentonnen, brütet. „Es denkt doch kein Arzt in Deutschland dran, auf Malaria zu untersuchen, wenn der Patient nicht im Ausland war.“

Ziel des Projekts sei es deshalb unter anderem, ein Frühwarnsystem für Deutschland zu installieren, das zeitig auf sogenannte vektorübertragene Krankheiten aufmerksam macht ? auf Krankheiten also, die durch blutsaugende Insekten wie Mücken oder Zecken von einem Tier auf den Menschen oder von einem Menschen auf einen anderen Menschen übertragen werden können. Wirtstiere können etwa Zugvögel, Nager oder Fledermäuse sein.

Welche Mücken haben Sie schon gesichtet? Reden sie mit in den Kommentaren:

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