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Biodiversität Das stille Sterben

Der Schutz der Artenvielfalt kommt nicht voran, 2011 sind unzählige Tier- und Pflanzenarten von der Erde verschwunden. Die Menschen haben ihnen den Lebensraum geraubt. Selbst grüne Technologie kann Tieren gefährlich werden.

Das Przewalski-Pferd, ein mongolisches Wildpferd, war vom Aussterben bedroht.

Der kleine Gesell zeigt sich selten öffentlich – und doch zog er im ablaufenden Jahr viel Wut und Spott auf sich: der Osmoderma eremita, im Deutschen Juchtenkäfer genannt.

Der vier Zentimeter große Baumhöhlen-Bewohner führte 2011 eindrucksvoll vor, wie schnell das vermeintliche Wohlfühlthema Naturschutz polarisiert, sobald es wirtschaftlichen Interessen einer Region oder eines Konzerns in die Quere kommt.

Als der Verwaltungsgerichtshof Baden-Württemberg jüngst trotz zustimmenden Volksentscheids die Bauarbeiten am Bahnhofsprojekt Stuttgart 21 erneut auf Eis legte weil nicht geprüft worden war, ob der bedrohte Käfer gefährdet ist, schimpften viele Stuttgart-21-Befürworter wütend über „Naturschutz-Irrsinn“.

Tier- und Pflanzenbestand schrumpft weiter

Doch so alt die Debatte um Zusatzkosten durch Umweltschutz ist, so irreführend ist die Zuspitzung auf einen vermeintlich unwichtigen Käfer. Denn zerstört werden nicht Insektenfamilien, sondern deren Lebensraum – in dem jeweils Hunderte anderer Tiere und Pflanzen leben.

Dessen ungerührt ging im angeblich ergrünten Deutschland auch 2011 die Zerstörung der Wälder, Auen und des Grünlandes weiter: Trotz schrumpfender Bevölkerung wuchs die Siedlungs- und Verkehrsfläche zuletzt um mehr als 100 Hektar am Tag.

Entsprechend fern bleibt das EU-Ziel, den Tier- und Pflanzenbestand wieder auf die Größe von 1975 zu erhöhen. Zurzeit ist er auf knapp 70 Prozent des damaligen Wertes geschrumpft. Dennoch scheiterte kurz vor der Weihnachtspause ein Antrag der Grünen im Bundestag, den Flächenverbrauch von 2020 an auf 30 Hektar am Tag zu begrenzen.

13 Millionen Hektar Wald zerstört

Im Rest der Welt läuft es nicht besser: Kurzfristige Wirtschaftsinteressen stechen den langfristigen Erhalt der Natur fast überall aus.

2011 gingen laut WWF weltweit rund 13 Millionen Hektar Wald verloren – 36 Fußballfelder pro Minute. Damit sei das Tempo der Abholzung zwar leicht gesunken, dennoch gefährde der Waldverlust den Fortbestand von 80 Prozent der Säugetier- und Vogelarten und sei die größte Bedrohung der Artenvielfalt.

Allein in Brasilien, einem der waldreichsten Länder der Erde, hat sich die Abholzung des Regenwaldes innerhalb eines Jahres versechsfacht. Selbst wenn der Mensch schnell gegensteuern würde, droht er bis 2020 weitere 55,5 Millionen Hektar Wald zu zerstören.

Der Schaden läge nicht nur in der Tier- und Pflanzenwelt und träfe nicht nur die Menschen vor Ort, sondern die Folge wäre auch ein beschleunigter Klimawandel: Zurzeit entsteht ein Fünftel aller CO2-Emissionen – mehr als durch den gesamten globalen Verkehr –, weil abgeholzte Wälder das Gas nicht mehr binden.

Der Bau von Groß-Staudämmen boomt

Ähnlich ignorant gehen wir mit den Meeren um: Allein in Europa sind laut EU 88 Prozent der Fischgründe überfischt, also ausgeplündert. Trotzdem, so klagt etwa Greenpeace, fördert die EU weiter die Überkapazität ihrer Fischereiflotte und ihre zerstörerischen Methoden.

Und auch den Süßwasser-Arten setzen wir zu: Obwohl Wissenschaftler die Umweltgefahren meist viel höher einschätzen als den ökonomischen Nutzen, boomt der Bau von Groß-Staudämmen mit mehr als 15 Metern Höhe. Schon rund 50.000 gab es 2011 weltweit, 1700 weitere sind geplant – vor allem in Afrika, Asien und Südamerika.

Die Folge (neben Problemen für angrenzende Dörfer): Durch blockierte Flussarme sind etliche Fischarten vom Aussterben bedroht, durch austrocknende Feuchtgebiete unzählige Tier- und Pflanzenarten.

Typisch deutsche Vögel vorm Aussterben

Das Problem bestehe auch in Deutschland, wenn viele neue Wasserkraftanlagen entstehen, warnt Magnus Wessel, Artenschutz-Experte des Naturschutzbundes Deutschland. „Die Energiewende, die wir als Umweltschützer natürlich prinzipiell begrüßen, ist eine große Herausforderung für den Naturschutz“, sagt er.

So dürfe trotz des Bedarfs an Stromtrassen, Wasser- und Windkraftanlagen kein Raubbau an Wiesen und Weiden betrieben werden.

2011 sei die unbebaute Grünlandfläche auf den Tiefststand von 4,78 Millionen Hektar gefallen (2003: 5,02 Mio.). So viele der sensiblen Auen seien verkleinert, trockengelegt und bebaut worden, dass einst typisch deutsche Vögel wie die Uferschnepfe oder das Braunkehlchen hierzulande inzwischen akut vom Aussterben bedroht sind.

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