Lade Inhalte...

Wissenschaft Was das Huhn groß und dick macht

Über viele Merkmale entscheidet nicht ein einzelner Abschnitt im Genom, sondern ein ganzes Netzwerk von Genen.

28.08.2017 13:16
Hennen
Zwei Hennen, unterschiedliche Eigenschaften: Die eine (unten) hat ein hohes Gewicht, die andere ist eher ein Magermäuschen. Foto: Paul B.Siegel

Schnell heranwachsende Hühner mit viel Fleisch auf den Rippen oder hohen Legeraten sind schon lange ein Ziel von Geflügelzüchtern. Wie schnell sich solche Merkmale verändern lassen, zeigt ein seit 60 Jahren laufendes Experiment in den USA. Forscher haben nun die genetischen Grundlagen analysiert, die aus einem normalen Huhn ein besonders schweres oder besonders leichtes werden lassen. Das Haushuhn ist die Zuchtform eines Wildhuhns aus Südostasien, des Bankivahuhns. Der durchschnittliche tägliche Weltbestand wird auf rund 20 Milliarden Tiere geschätzt, Tendenz steigend. Die Zahl jährlich geschlachteter Hühner ist wesentlich größer, weil die Tiere oft schon nach wenigen Wochen verwertet werden. Weltweit gibt es Hunderte Rassen, die für die Produktion von Eiern und Fleisch allerdings kaum eine Rolle spielen. Die in der industriellen Landwirtschaft verwendeten sogenannten Hybridzuchten werden von Konzernen vermarktet.

Für die Studie wurden Haushühner der Rasse White Plymouth Rock genutzt, von denen in einem seit 1957 laufenden Experiment zunächst zwei Zuchtlinien geschaffen wurden: Eine wurde von Generation zu Generation auf möglichst hohes, die andere auf möglichst niedriges Gewicht selektiert. Nach 40 Generationen wurden beide Linien dann wieder gekreuzt. Das mittlere Körpergewicht 56 Tage nach dem Schlüpfen lag zu diesem Zeitpunkt bei der Möglichst-Groß-Linie bei 1412 Gramm, bei der Möglichst-Klein-Linie bei nur 170 Gramm – also etwa einem Achtel.

Die Forscher um Örjan Carlborg von der Universität Uppsala (Schweden) verglichen genetische Daten aus der 15. Generation dieser Kreuzung zwischen Klein und Groß und mit denen einer ursprünglicheren Generation. Sie konzentrierten sich dabei auf neun sogenannte Quantitative Trait Loci (QTL, Regionen eines quantitativen Merkmals). Solche Chromosomenabschnitte beeinflussen die Ausprägung eines quantitativen Merkmals des betreffenden Lebewesens – in diesem Fall Gewicht und Größe.

Die Wissenschaftler fanden 20 Abschnitte im Erbgut, die für mehr als 60 Prozent der hinzugekommenen genetischen Varianz verantwortlich waren. Die Veränderungen bei Größe und Gewicht gehen demnach auf die zahlreichen verschiedenen Veränderungen im Genom zurück, die jeweils einen kleinen Effekt haben. „Die Ergebnisse zeigen, dass Langzeit-Selektion selbst in einer Population mit begrenzter genetischer Vielfalt viele Gene betreffen und von vielen genetischen Mechanismen beeinflusst sein kann“, erklären die Forscher im Fachjournal „Molecular Biology and Evolution“.

Verdeutlicht werde zudem, dass eine kleine und vom Äußerlichen her sehr ähnliche Population sehr viele genetische Varianten tragen kann, die sich normalerweise nicht bemerkbar machen. Forscher waren nach dem Start des Experiments vor 60 Jahren überrascht und fasziniert davon, wie rasch sich das Gewicht der beiden Zuchtlinien in unterschiedliche Richtung entwickelte.
Die genetische Änderungsrate lag weit höher als für evolutionäre Prozesse allgemein angenommen, wie Forscher im Fachmagazin „Biology Letters“ berichteten. Die Änderungsrate im sogenannten mitochondrialen Genom soll demnach nicht mehr als etwa zwei Prozent pro eine Million Jahren betragen. Bei diesem Tempo hätte es in 50 Jahren keine solche Mutation geben sollen – bei den Hühnern wurden aber gleich zwei gefunden. (Annett Stein, dpa)

Zur Startseite

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum