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Wissenschaft Stimme der Vernunft in ungewissen Zeiten

„Bahnbrechende historische Arbeit zu Ideen und Praktiken von Rationalität“: Die Fake-News-Forscherin Lorraine Daston erhält den israelischen Dan-David-Preis.

Lorraine Daston
Lorraine Daston leitet das Berliner Max-Planck-Institut. Foto: Sascha Zahlauer/MPIWG

Lorraine Daston ist womöglich der einzige Mensch, der sich darüber freut, dass man in Berlin noch Kriegsspuren findet. Einschusslöcher zum Beispiel, die die Rote Armee hinterlassen hat, oder Kasernen aus der Zeit der amerikanischen Besatzung. Für eine Historikerin, sagt sie, sei es ein hohes Gut, wenn Geschichte sichtbar sei, nachweisbar. Damit niemand die Wahrheit verzerren kann.

Daston ist Direktorin am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte in Berlin und beschäftigt sich mit Fragen, die gerade sehr viele Menschen in der ganzen Welt bewegen: Was ist objektiv, was subjektiv, wie entstehen Fake News, und warum lassen sich Menschen oft eher vom Bauchgefühl leiten als von der Wahrheit? Die 66-jährige Forscherin hat eins der größten Probleme unserer Zeit erkannt, lange bevor Donald Trump in den USA an die Macht kam. Dafür wird sie jetzt mit dem israelischen Dan-David-Preis, einem der wichtigsten Wissenschaftspreise, ausgezeichnet.

In der Begründung der Jury heißt es, Daston werde für ihre „bahnbrechende historische Arbeit zu Ideen und Praktiken von Rationalität“ gewürdigt, mit der sie gezeigt habe, wie sich vermeintlich universelle Begriffe wie „Fakt“ oder „Beweis“ seit dem 17. Jahrhundert entwickelt haben. Am 6. Mai findet die Preisverleihung in Tel Aviv statt. Das Preisgeld beträgt eine Million Dollar.

Lorraine Daston wurde in East Lansing, Michigan geboren, promovierte in Harvard, unterrichtete in Princeton und Göttingen, bevor sie mit Anfang 40 nach Berlin zog und erst mal mit eher unwissenschaftlichen Problemen kämpfen musste.

Sie war Forscherin, aber auch Mutter; es war fast unmöglich, einen Ganztags-Kitaplatz für ihre Tochter zu finden. Außerdem machten ihr Kollegen ein schlechtes Gewissen: Warum arbeitest du? Dein Mann verdient doch genug!

Sie entgegnete, dass ihr noch nicht aufgefallen sei, dass deutsche Kinder besser erzogen seien, nur weil ihre Mütter nicht arbeiten. Ein Satz, der auch aus einer ihrer Arbeiten stammen könnte. Lorraine Daston lässt sich nicht von Gefühlen und schlechtem Gewissen leiten, sondern von Tatsachen und Argumenten. Sie ist eine zielstrebige, viel beschäftigte Frau, auch heute noch, da ihre Tochter erwachsen ist und sie längst die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen hat. Wenn es einem gelingt, Daston in ihrem Büro in Zehlendorf zu treffen, fällt auf, wie unaufgeregt sie über gesellschaftliche Phänomene spricht, wie klar sie unterscheidet zwischen Wahrnehmung und Wahrheit. Eine Stimme der Vernunft in ungewissen Zeiten.

Heute wird sie oft nach Verschwörungstheorien gefragt, die sich im Internet verbreiten, nach Fake News. Sie sagt dann, dass es Desinformation schon früher gegeben habe, nach der Verbreitung des Buchdrucks zum Beispiel, dass jede Medienrevolution eine Periode der Anarchie und des Experimentierens mit sich bringe. Und dass sich die Wogen früher oder später wieder glätten würden.

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