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Wirtschaftsnobelpreis Preis für Realismus

Mit Bill Nordhaus und Paul Romer zeichnet das Nobel-Komitee zwei Ökonomen aus, die sich mit Umwelt und Technik beschäftigen.

Wirtschafts-Nobelpreis
Die goldene Medaille, die mit dem Wirtschafts-Nobelpreis vergeben wird. Foto: dpa

Wirtschaftswissenschaftlern wird immer wieder vorgeworfen, ihre Modelle seien realitätsfern und deshalb weitgehend unbrauchbar, um akute Probleme zu lösen. Dieses Jahr werden zwei Ökonomen mit dem Alfred-Nobel-Gedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaften geehrt, die in die Welt passen. Wie so häufig sind es US-Amerikaner: Paul Romer und Bill Nordhaus. Ihre Wahl begründete die königlich-schwedische Wissenschaftsakademie damit, dass beide Aufschlussreiches über das Verhältnis von wirtschaftlichen Entwicklungen und Natur auf der einen sowie technischem Fortschritt auf der anderen Seite entwickelt hätten.

Der 77-jährige Nordhaus ist einer der Pioniere der Erforschung der wirtschaftlichen Folgen des Klimawandels. Seine ersten Analysen erschienen in den 1970er-Jahren. Sie gehören zu den wesentlichen Beiträgen, die dazu geführt haben, dass die Begrenzung der Erderwärmung auf zwei Grad zu einem Ziel erklärt wurde, das weltweit verfolgt wird. Dass der Weltklimarat IPCC am Montag stärkere Anstrengungen gegen die Erderwärmung gefordert hat, hängt letztlich auch mit den Forschungen von Nordhaus zusammen. Er gehörte einst zum Wissenschaftsbeirat von US-Präsident Jimmy Carter. Später entwickelte er DICE – ein Programm, das globales Wirtschaftswachstum in Abhängigkeit zu Umweltbelastungen und Klimawandel berechnet. Das Konzept wird kontinuierlich weiterentwickelt. Nordhaus hat zentrale Erkenntnisse seiner Forschungen in dem 2013 erschienen Buch „Climate Casino“ zusammengefasst, das in den USA viel beachtet wurde, auch weil es komplexe Zusammenhänge für Laien verständlich darstellt.

Eine von Nordhaus’ Thesen besagt, dass Klimawandel aufgrund des technischen Fortschritts womöglich beherrschbar ist. Allerdings gebe es dabei eine große Unbekannte: die Natur, die wegen ihrer Komplexität alle wissenschaftlichen Vorhersagen zunichte machen könne. Deshalb macht Nordhaus sich für verstärkte Anstrengungen zum Klimaschutz stark. Wobei er marktwirtschaftliche Mechanismen bevorzugt. So sieht er in einer CO2-Steuer ein effizientes Instrument, um Unternehmen dazu zu bringen, sich klimafreundlich zu verhalten.

Mitpreisträger Romer, der auch Chef-Ökonom der Weltbank war, hat erheblich dazu beigetragen, dass Tabus und Denkgewohnheiten in seiner Zunft überwunden wurden. Er hat unter anderem Mathematik studiert und gehört vielleicht gerade deshalb zu den Kritikern der Mathematikgläubigkeit in den Wirtschaftswissenschaften – also jenen Forschern, die glauben, dass ökonomische Prozesse in Formeln gegossen werden können. Dass die Formeln dann im Zweifelsfall extrem komplex ausfallen, gehört zu dem, was laut Romer oft dazu missbraucht wird, um ideologische Positionen zu verschleiern.

Der 62-Jährige gehört aber vor allem zu den Wegbereitern der endogenen Wachstumstheorie: Er hat die Wechselwirkungen von technischem Fortschritt und Marktwirtschaft untersucht. Einiges davon ist uns längst geläufig: Dass Innovationen für Firmen teuer sind und nicht unbedingt mit höherem Gewinn belohnt werden, denn Nachahmer sind oft schnell zur Stelle. Mit diesen Modellen lässt sich unter anderen die Entwicklung der Internetökonomie, der Elektromobilität oder der Smartphones erklären.

Gleichwohl hat Romer auch Weltfremdes vorgeschlagen: sogenannte Charter Cities als Mittel der Entwicklungshilfe. Arme Länder sollen Teile ihrer Territorien an die Regierungen reicher Industriestaaten abgeben, die dort dann Handel und Wandel entwickeln, um als Brückenköpfe für ökonomischen Fortschritt zu dienen. Vorbild ist für Romer die frühere britische Kolonie Hongkong. Dieses Konzept wurde nicht nur als extrem teuer, sondern auch als neoimperialistisch kritisiert.

Die Auszeichnung für die Ökonomen wird oft als „Bastard der Nobelpreise“ bezeichnet. Alfred Nobel hatte ihn nicht vorgesehen, auch wegen einer ausgeprägten Abneigung gegen die Ökonomen-Zunft. Der Preis wurde erst 1968 von der schwedischen Reichsbank gestiftet. Kritisiert wird auch, dass sehr häufig US-Amerikaner geehrt werden.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Nobelpreis

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