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Wirkung von Farben Geheimnisvolles Rot

Es steht für Begehren, löst mitunter unterwürfiges Verhalten aus, und auch der Weihnachtsmann setzt auf Rot. Vertreter verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen versuchen deshalb, die Wirkung der geheimnisvollen Farbe zu enträtseln.

30.07.2011 16:42
Margit Mertens
Das Kostüm des Weihnachtsmanns ist ????heute weltweit bekannt. Foto: Michael Schick

Es steht für Begehren, löst mitunter unterwürfiges Verhalten aus, und auch der Weihnachtsmann setzt auf Rot. Vertreter verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen versuchen deshalb, die Wirkung der geheimnisvollen Farbe zu enträtseln.

Marthe, die Heldin in Noëlle Châtelets Roman „Die Klatschmohnfrau“, betrachtet ihr Schlafzimmer: „Kann man sich etwas Jämmerlicheres vorstellen als diese einheitlichen, verblichenen Beigetöne der Vorhänge und der Tagesdecke?“ Bei der Einrichtung dürften ihr Witwendasein und ihre Einsamkeit eine Rolle gespielt haben. An diesem Morgen ruft das verblichene Beige, oder anders gesagt, das Fehlen jeder Farbe, bei Marthe richtig Übelkeit hervor. Sie will für ihr Schlafzimmer eine richtige Farbe mit Rot oder Violett darin, wie das Hemd des „Mannes mit den tausend Halstüchern“. Sie wählt einen perlmuttglänzenden Stoff aus, der mit leuchtenden roten Blumen übersät ist, die wie Girlanden oder Sträuße von Kussmündern angeordnet sind.

„Das ist bestimmt Klatschmohn, zumindest eine Art Klatschmohn“, vermutet Felix, „der Mann mit den tausend Halstüchern“, beim ersten Besuch in Marthes Schlafzimmer. Im gedämpften Licht des Klatschmohns lassen sich ihre nackten alten Körper leichter vergessen, findet sie.

Klatschmohn, sagt man, sei die Blume des Begehrens. Marthes Lieblingsfarbe. Die verbotene Farbe. Fünfzig Jahre sind mit einem Schlag aufgehoben. Fünfzig Jahre einer Mauer aus grauem Sand. Im Sommer vor ihrer Verlobung mit Edmond trug Marthe fast jeden Tag ihre klatschmohnfarbene Bluse, bevor diese Bluse erbarmungslos aus ihrer Garderobe verbannt worden war. Edmond, der Farblose, der eintönige Edmond.

Felix schickt ihr seine alte Schallplatte mit Aufnahmen aus dem „Barbier von Sevilla“ in Erinnerung an ihren ersten gemeinsamen Opernbesuch, ein Abend „im Zeichen des Rots.“ Karmesinrotes Plüsch der Sessel, schwere Purpurfalten der Vorhänge, das orange Kleid Rosinas, das hitzige Blut des Grafen Almaviva und schließlich Figaro, der entfesselte Feuergeist, der Brandstifter, der die Herzen entflammt. Mit der Schallplatte schickt der „Mann mit den tausend Halstüchern“ ihr einen Brief. Marthe hat ihren ersten Liebesbrief erhalten. Sie ist siebzig Jahre alt. Auch viele Wissenschaftler haben schon versucht, der Bedeutung der Farbe Rot auf den Grund zu gehen. Psychologen, Evolutionsbiologen, Gehirnforscher, Wirtschafts- und Sportpsychologen kommen dabei zu den unterschiedlichsten Ergebnissen. Die Autorin der „Klatschmohnfrau“ lehrt Kommunikationswissenschaft in Paris und spielt in ihren Romanen und Erzählungen gerne mit Farben. Mit dem Rot lässt sie Liebe, Leidenschaft, Lust und Begehren in das bis dato eintönige Leben der verliebten Marthe zurückkehren.

Rot als Warnfarbe

Im Widerspruch zur „Farbe der Liebe“ steht das Ergebnis einer im Juni veröffentlichten Studie von Hirnforschern und Anthropologen des Dartmouth College: Rot mache vorsichtig und unterwürfig. Auch das ist eine Wirkung von Rot: Nahezu weltweit bedeute Rot Stopp, Gefahr, Hitze, meint Studienleiter Jerald Kralik. In seinen Versuchen mit männlichen Rhesusaffen wollte er klären, ob das zufällig, kulturell überliefert oder evolutionär bedingt ist. „Die Ähnlichkeit unserer Ergebnisse mit denen bei Menschen legt nahe, dass durch Rot ausgelöstes Vermeidungsverhalten und Unterwürfigkeit eine vererbte Anlage ist“, erläutert Kralik.

In den Versuchen näherten sich jeweils ein Mann und eine Frau den Affen, die wie der Mensch rote, grüne und blaue Farbe unterscheiden können. Sie legten einen Apfelschnitz auf den Boden und entfernten sich zwei Schritte. In der Regel rannten die Affen sofort zum Apfelstück, stibitzten es, rannten weg und aßen es auf. Dabei war das Geschlecht der Menschen egal und ebenfalls, ob sie ein grünes oder blaues T-Shirt trugen. Nur wenn eine Person in Rot gekleidet war, ließen die Affen das Obst unberührt. Die Forscher glauben, dass diese Abneigung eine evolutionäre Anpassung ist. „Wir – die Primaten und dann die Menschen – sind sehr optisch und sozial orientiert“, erklärt Kralik. „In beiden Bereichen ist Farbe sehr wichtig: Sagt sie uns doch, welche Früchte essbar sind, oder hilft uns, die Gefühle anderer anhand ihrer Hautrötung einzuschätzen.“ Ein rötliches Gesicht des Gegenübers deute auf starke Erregung hin und mache vorsichtig, erklärt der Studienleiter. Farben hätten vermutlich einen tieferen und weiter reichenden Einfluss auf uns, als wir annehmen.

Nicht umsonst gilt Rot auch dem Menschen als Warnfarbe beispielsweise beim Stoppschild, der Verkehrsampel oder Absperrungen. Rot macht wachsam und konzentriert, konnte die Wirtschaftspsychologin Juliet Zhu in einer Studie an der Universität von British Columbia im kanadischen Vancouver nachweisen.

Dafür mussten die Probanden am Computer verschiedene Hirnleistungstests wie Wortfindung, Gedächtnis, Produktbewertung, Korrekturlesen oder kreative Problemlösung absolvieren. Der Bildschirmhintergrund war entweder rot, blau oder weiß. Die Forscherin wollte herausfinden, ob die Bildschirmfarbe das Testergebnis verändert. Es zeigte sich, dass die Farbe Blau sowohl die einzelne Kreativitätsleistung steigert als auch zu mehr kreativen Lösungen führt. Rot hingegen schärft die Wachsamkeit für Details, macht vorsichtig und hilft so, Fehler zu vermeiden.

„Die Farbe Rot macht uns aufmerksam, lässt uns Gefahr wittern und bereitet uns auf Kampf oder Flucht beziehungsweise Vermeidungsverhalten vor“, erklärt der Ulmer Hirnforscher Manfred Spitzer. Wenn „die rote Lampe angeht“, vermeiden wir das Risiko. Blau sei der Himmel und das Meer. Diese Farbe stehe eher für Aufgeschlossenheit, Ruhe und Frieden. „Sind Ruhe und Frieden im Gehirn aktiv, dann sollte sich ein entsprechender Neuromodulationszustand einstellen, der weites Assoziieren und damit Kreativität fördert.“ Ganz anders verhält es sich bei Gefahr, die wir zu vermeiden suchen. „Um dies effektiv zu tun, müssen wir genau sein, uns auf das Wichtige beschränken und alles Unnötige ausblenden“, erläutert Spitzer.

Die Wirkung von Rot als Signalfarbe bei Gefahr bestätigen Experimente, die der Psychologe Andrew Elliot von der Universität Rochester im April veröffentlichte: Rot macht schnell und stark – zumindest kurzfristig. In verschiedenen Experimenten ließ Elliot seine Probanden eine Metallklammer oder einen Griff herunterdrücken. Unter dem Einfluss von Rot, im Gegensatz zu blau und grau, stiegen sowohl die Kraft des Zugriffs als auch die Reaktionsgeschwindigkeit deutlich an.

In früheren Versuchen konnte Elliot gemeinsam mit dem Psychologen Markus Maier von der Universität München bereits zeigen, dass selbst eine kurze Wahrnehmung von Rot durch die Assoziation mit drohenden Fehlern eine Vermeidungshaltung auslöst und dadurch die Leistung beispielsweise bei Intelligenztests steigert. „Diese Wirkung scheint statt zu finden, ohne dass die Teilnehmer sich ihrer bewusst werden“, sagt Elliot. „Diese Ergebnisse sollten zur Vorsicht mahnen im Umgang mit Rot bei Leistungstests.“

Auch Kralik rät bei der Durchführung von Wettbewerben, sei es bei akademischen Examen oder im Sport, auf Farben zu verzichten, „um Leute nicht unfair zu beeinflussen.“ Denn ebenfalls im April veröffentlichte Elliot Analysen sportlicher Wettkämpfe. Danach gewinnen Einzelkämpfer oder Teams in Rot häufiger als in anderen Farben. Das habe wechselseitige Wirkung, erklärt Elliot: „Wer rot trägt, empfindet die eigene relative Dominanz und Gefährlichkeit als höher.“

Rot beeinflusst Urteilsvermögen von Schiedsrichtern

Obendrein beeinflusst Rot das Urteilsvermögen von Schiedsrichtern, konnte Bernd Strauß, Sportpsychologe an der Universität Münster, belegen. Er zeigte 42 erfahrenen Taekwondo-Kampfrichtern zwei Videos dieser koreanischen Sportart mit jeweils elf Kampfsequenzen. Der eine Kämpfer trug einen roten, der andere einen blauen Brustschutz. Im zweiten identischen Film waren lediglich die Farben des Brustschutzes digital vertauscht worden. Das Ergebnis: Die Kampfrichter bewerteten die Leistungen der Sportler in Rot jeweils besser. Sie erhielten im Schnitt 13 Punkte mehr als die Blauen – aber nur bei ähnlich starken Gegnern. Keinen Einfluss zeigte die Trikotfarbe bei der Beurteilung von Sportlern mit unterschiedlichem Niveau. “Es handelt sich um einen unbewussten und von den Schiedsrichtern natürlich nicht gewollten Effekt. Wir können eben unsere Wahrnehmung nicht so einfach überlisten“, sagt Strauß.

Dennoch tut Marthe recht, der Farbe Rot in ihrem Leben viel Platz einzuräumen, da ihre Situation ja eindeutig ist: Sie ist verliebt und wird geliebt. Denn Rot warnt nicht nur, sondern symbolisiert ebenso Liebe und Leidenschaft, wenn Marthes Blut in Wallung gerät und Felix Blick sie erröten lässt.

Und Rot erhöht die Anziehungskraft auf das andere Geschlecht, wie Elliot zeigen konnte. Dabei präsentierte er Frauen wie Männern Fotos des jeweils anderen Geschlechts in wechselnden Farbkombinationen. Waren Kleidung, Hintergrund oder auch nur ein Rahmen rot eingefärbt, wurden sowohl Männer als auch Frauen vom anderen Geschlecht als attraktiver beurteilt.

Beispielsweise auf die Frage: „Wenn Sie eine Verabredung mit dieser Frau und 100 Dollar im Portemonnaie hätten, wie viel wären Sie bereit auszugeben“, zeigten sich die Herren unter dem Einfluss von Rot deutlich spendabler. Auch die Frauen hielten Männer in Rot für sexuell attraktiver und besser situiert. Bei Geschlechtsgenossen oder der Einschätzung von Freundlichkeit, Intelligenz oder Charaktereigenschaften hatte Rot hingegen keinen Einfluss.

Elliot sieht die Attraktivität von Rot in biologischen Wurzeln. Bei vielen Primaten färben sich die weiblichen Genitalien in der fruchtbaren Phase rot. „Auch bei vielen nicht-menschlichen Arten signalisiert Rot den Status des Männchens und zieht Weibchen an – selbst wenn die Farbe künstlich aufgetragen wird“, erklärt Elliot. „Farbe hat nicht nur ästhetischen Wert sondern vermittelt Bedeutung.“

Rot als „Farbe der Liebe“ ist also mehr als ein Mythos. „Es ist nicht egal, mit welchen Farben wir uns umgeben“, betont Hirnforscher Spitzer. „Sie färben ab – auf uns und auf unser Denken.“ Also kauft sich Marthe ein neues Kleid mit roten Motiven auf cremefarbenem Grund. Und der „Mann mit den tausend Halstüchern“ trägt oft den granatfarbenen Schal mit Kaschmirmuster – Marthes Lieblingstuch.

Schon Johann Wolfgang von Goethe schrieb 1810 in seiner Farbenlehre, Rot rufe „einen Eindruck sowohl von Ernst und Würde als von Huld und Anmut“ hervor.

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