Lade Inhalte...

Wasserknappheit Wasser zweimal nutzen

Der Erde droht ein verheerender Wassermangel, warnen die Vereinten Nationen. Wissenschaftler arbeiten an Lösungen, Wasser sparsamer zu nutzen.

Auch in unseren Breiten droht Trinkwasserknappheit. Foto: Monika Müller

Die Sonne brannte vom Himmel, kaum ein Wölkchen, jeden Tag, und das über Wochen hinweg: Der Sommer 2015 war heiß und trocken – viele Deutsche werden sich angesichts des häufigen Regens in den vergangenen Monaten schmerzlich daran erinnern. Doch die lange Trockenheit brachte auch Probleme mit sich: Weil es über Wochen nicht regnete, mussten Grünanlagen und Gärten stärker als sonst gewässert werden, die Menschen schwitzten viel und duschten häufiger. Im Ballungsraum Rhein-Main etwa war der Wasserverbrauch im Sommer 2015 der höchste seit mehr als zehn Jahren – und die Grenze der Leistungsfähigkeit erreicht.

Zu besorgniserregenden Engpässen kam es in Deutschland zwar noch nicht – vor allem im Hinblick auf den Klimawandel und künftig zu erwartende ausgeprägte Hitzeperioden rechnen Experten jedoch damit, dass auch im Laufe der kommenden Jahrzehnte in unseren Breiten das Wasser zumindest phasenweise knapp werden könnte. Auch das Erschließen immer neuer Baugebiete und die damit einhergehende Versiegelung von Flächen tragen dazu bei, denn dadurch kann immer weniger Regen in den Boden sickern und das Grundwasser auffüllen. Diese Entwicklung könnte künftig zu „Spannungen und Konflikten“ bei der Verteilung der Wasserressourcen führen, sagt Martina Winker, Spezialistin für Wasserinfrastruktur beim ISOE-Institut für sozial-ökologische Forschung. Die Stadt Frankfurt etwa bekommt ihr Trinkwasser zu mehr als 80 Prozent aus dem Vogelsberg, dem Kinzigtal und dem hessischen Ried. Wenn die Metropole im Sommer immer mehr Wasser anfordert, drohen Probleme, sagt die Wissenschaftlerin.

Gemeinsam mit Kollegen des ISOE sucht sie nach Wegen, wie man mit den vorhandenen Ressourcen sinnvoller umgehen und Trinkwasser sparen kann – ohne dass die Menschen das im Alltag unangenehm zu spüren bekommen, sich einschränken, mit der Handhabung herumquälen oder auch teuer für die Investition bezahlen müssten. „In solchen Fällen würde ein neues nachhaltiges System keine Akzeptanz finden“, sagt Martina Winker.

Der Grundgedanke besteht darin, „nicht für alles Trinkwasser zu verwenden“, erklärt die Wissenschaftlerin. Zur Zeit ist aber genau das der Fall: Das frische Wasser in der Toilette, in Dusche und Badewanne, das kühle Nass aus dem Gartenschlauch – alles Trinkwasser, obwohl für diese Zwecke auch eine etwas geringere Qualität durchaus ausreichend wäre. Ansatzpunkte für Veränderungen bieten sich im Haus selbst, aber auch in der Wasserinfrastruktur eines Gebietes – etwa, wenn neu gebaut wird oder bestehende Anlagen zu sanieren sind.

Grauwasser wieder zu „Betriebswasser“ aufbereiten

Die Idee ist es, Wasser quasi zweimal zu nutzen und das sogenannte Grauwasser nicht – wie bislang üblich – einfach durch die Leitungen wegfließen zu lassen, sondern so recyceln, dass es im Haushalt wieder verwendet werden kann. Unter Grauwasser versteht man leicht verschmutztes Brauchwasser, das beim Baden, Duschen und Händewaschen anfällt; auch das Abwasser aus Waschmaschinen ist bedingt geeignet. Nicht infrage kommen das mit Fäkalien belastete Abwasser aus der Toilette und das Küchenabwasser, das ebenfalls viele Keime sowie Lebensmittelreste und Fette enthält.

Sinnvollerweise könnte man das Grauwasser wieder zu „Betriebswasser“ aufbereiten, das sich überall dort verwenden ließe, wo Trinkwasserqualität nicht unbedingt nötig wäre, sagt Martina Winker – also etwa beim Putzen, zum Gießen von Pflanzen in Zimmern und Garten, in der Toilettenspülung oder auch zum Wäschewaschen. Die Qualität dieses Betriebswassers sollte der entsprechen, die laut EU-Richtlinien für Badegewässer vorgeschrieben ist, erklärt die Frankfurter Wissenschaftlerin.

Um das zu erreichen, sind zwei Voraussetzungen nötig: Es muss ein zusätzliches, unabhängiges Leitungsnetz geschaffen werden, um das abfließende Grauwasser zu trennen. Und natürlich muss dieses Wasser dann auch noch aufbereitet werden, damit es wieder im Haushalt zu benutzen ist. Dafür wird das Wasser in einer Art Mini-Klärwerk zunächst von gröberen Schmutzpartikeln wie etwa Haaren gereinigt, danach kommen Mikroorganismen zum Einsatz, um organische Stoffe (beispielsweise Rückstände von Reinigungs- und Pflegeprodukten oder Hautschüppchen) abzubauen, mit UV-Strahlung wird das Wasser schließlich noch einmal desinfiziert. Und das häusliche Abwasser ließe sich noch auf eine weitere Art sinnvoll verwenden, sagt Martina Winker: indem man aus ihm Wärme zurückgewinnt, die bislang ungenutzt verloren ging. „Auf diese Weise lässt sich viel Energie sparen.“

Ferne Zukunftsmusik sind solche Überlegungen nicht: So zielt das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderte Projekt netWORKS 3 des Instituts für sozial-ökologische Forschung darauf, Wassersparkonzepte nicht nur zu entwickeln, sondern zumindest in Teilen auch konkret zu realisieren. Zu diesem Zweck arbeiten die ISOE-Wissenschaftler mit anderen Forschungseinrichtungen und vor allem auch mit Partnern aus der Praxis zusammen: mit der Stadtentwässerung in Hamburg – in der Hansestadt entsteht unter anderem ein neues Quartier mit besonderem Entwässerungskonzept – und der Wohnungsbaugesellschaft ABG Frankfurt Holding sowie der ABGnova GmbH. In einem 2014 begonnen Neubauprojekt im Frankfurter Stadtteil Bockenheim etwa setzt das Unternehmen um, was die ISOE-Forscher auf dem Papier erarbeitet haben: So ist in der Salvador-Allende-Straße ein Passivhaus mit 66 Wohnungen und einer Kindertagesstätte entstanden, wo in beiden Bereichen sowohl aus dem Grau- als auch aus stärker verschmutztem Toiletten- und Küchenwasser Wärme gewonnen wird. In der Kindertagesstätte wird außerdem Grauwasser recycelt und, wenn auch nicht in vollständigem Umfang als Betriebswasser, so aber doch als Toilettenwasser wiederverwendet; in den Wohnungen allerdings gibt es diese Möglichkeit nicht.

Das Projekt der Frankfurter Wohnungsbaugesellschaft bietet zwei Vorteile, um Wassersparkonzepte umzusetzen: Es handelt sich um einen Neubau und nur um einen einzelnen Block, nicht um ein größeres Areal. „Im Bestand und bei größeren Gebieten ist die Installierung ungleich aufwendiger“, sagt Martina Winker. So müssten in einem bestehenden Gebäude zusätzliche Leitungen für das Grauwasser geschaffen – und in einem ganzen Quartier oder gar Stadtteil etwa ein komplett neues Leitungssystem angelegt werden. Die Ideen der Wissenschaftler zielen denn auch eher darauf, Stück für Stück realisiert zu werden.

Grundsätzlich brauche es dafür aber eine Änderung bisheriger Vorgehensweisen – nicht allein, wenn es um einzelne Immobilien gehe, sondern bei der Stadtplanung insgesamt, sagt Thomas Jahn, Sprecher der Institutsleitung. Die Planung werde komplexer, bestätigt Martina Winker: „Zusätzliche Akteure“ müssten künftig mit am Tisch sitzen und von vornherein die Wasserinfrastruktur unter den Aspekten Wasserrecycling und Energiegewinnung in den Blick genommen werden.

Wie sich solche Konzepte auch großflächig anwenden lassen, das wollen die Wissenschaftler des ISOE anhand von konkreten Gebieten herausfinden: Für geplante Neubaugebiete in der südlichen Rödelheimer Landstraße und in der Bürostadt Niederrad in Frankfurt erarbeiten sie Konzeptstudien. Beide erscheinen im Vergleich zu einem weiteren Projektstandort wie winzige Kleckse auf der Landkarte: In der nordchinesischen Hafenstadt Quingdao ist in kürzester Zeit ein Stadtteil für 12 000 Menschen entstanden. Gemeinsam mit anderen Forschungseinrichtungen, darunter die Technische Universität Darmstadt und die Fachhochschule Köln, sollen die ISOE-Wissenschaftler dort neue Strukturen der Ver- und Entsorgung mit geteilten Abwasserströmen für die verschiedenen Verschmutzungsgrade und einer Wiederaufbereitung von Grauwasser erproben. Denn in den schnell wachsenden Städten Asiens, Afrikas oder Südamerikas ist Wasserknappheit kein Problem der Zukunft mehr, sondern längst aktuell.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum