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Waldbrände in Kanada Schuld ist nicht nur das Wetter

Noch immer tobt eine heftige Debatte um die Schuldfrage bezüglich der Waldbrände in Kanada. Klar ist: Sie gehen auch auf das Konto des Klimawandels.

18.05.2016 18:36
Verena Kern
Ein gigantischer Feuerball türmt sich im Wald hinter dem Highway 63, 16 Kilometer von Fort McMurray entfernt. Foto: REUTERS

Am Abend des 3. Mai, als klar ist, dass die Stadt Fort McMurray nicht zu halten ist, gibt Darby Allen dem Sender CBC News ein Interview. „Heute war der schlimmste Tag meines Berufslebens“, sagt der Chef der örtlichen Feuerwehr unter Tränen. „Wir stehen alle unter Schock.“ Während Allen spricht, lodern am Stadtrand riesige Flammen, Rauchwolken türmen sich auf, der Himmel ist glühend rot. „Es ist ein schlimmes, schreckliches Feuer“, sagt Allen mit brüchiger Stimme. „Das hier wird noch lange dauern.“

Kurz zuvor hatte es noch so ausgesehen, als seien die Waldbrände, die Anfang Mai südwestlich von Fort McMurray in der kanadischen Teersand-Provinz Alberta ausgebrochen waren, bereits unter Kontrolle. An die 1000 Feuerwehrleute waren im Einsatz, dazu Löschflugzeuge und Helikopter. Doch dann drehte der Wind und trieb das Feuer auf die Stadt zu. Die von den Bränden erfasste Fläche verdoppelte sich über Nacht. Eine Woche später brannten schon 2000 Quadratkilometer. Das ist die doppelte Fläche von Berlin und Potsdam zusammen. Inzwischen ist Fort McMurray eine Geisterstadt. Alle 90 000 Einwohner wurden evakuiert. Wann sie zurückkehren können, ist ungewiss. Die Stadt ist noch nicht sicher, obwohl das Feuer nach Osten weitergezogen ist, Richtung Nachbarprovinz Saskatchewan.

Die Stromversorgung in Fort McMurray ist zusammengebrochen, das Wasser untrinkbar. „Es gibt noch schwelende Glutnester“, erklärt Albertas Regierungschefin Rachel Notley. „Der Brandeinsatz geht weiter.“ Die Zahl der komplett zerstörten Gebäude beziffert sie auf 2400. Das ist jedes zehnte Haus. Notley lässt Journalisten mit einem Bus durch die Stadt fahren, damit sie sich ein Bild machen können von den Verwüstungen. Unzählige Fotos und Videos stehen jetzt im Internet. Man sieht Häuser, die bis auf die Grundmauern niedergebrannt sind, verkohlte kahle Bäume, die wie Gerippe am Straßenrand stehen, ausgebrannte Autowracks, und schwarzes Gras in den Vorgärten. Albertas Regierung schätzt die Brände noch immer als „extrem“ ein und hat Fahrverbote auf den Highways erlassen. Die Versicherungsschäden sollen bei mindestens sieben Milliarden US-Dollar liegen.

Was aber hat dieses „Inferno“ ausgelöst? Darüber tobt eine heftige Debatte. Viele Berichte stellen einen Zusammenhang mit dem Klimawandel her. Die New York Times verweist darauf, dass die Temperaturen auf der Nordhalbkugel schneller steigen als im globalen Durchschnitt und dadurch auch die Gefahr von Bränden in den Wäldern des Nordens wächst. Zudem gebe es Hinweise, dass durch den Klimawandel die Zahl der Blitze zunimmt, die oft der Auslöser von Waldbränden sind. Die Nachrichtenagentur Associated Press titelt: „Es ist nicht nur Alberta. Die zunehmende Hitze führt überall zu mehr Bränden“.

Der Spiegel dagegen spricht von einer „Mär“. Es gebe keine „Klimawandel-Brände“. Anders als Forscher behaupten, sei nicht die Erderwärmung für die Katastrophe von Kanada verantwortlich. Hauptschuldiger sei vielmehr ein Tiefdruckgebiet, das für die Frühlingszeit ungewöhnlich weit nördlich lag, heißt es in dem Artikel. Hinzu sei starker Wind gekommen, der die Flammen vor sich her trieb, sowie ein besonders milder Winter. „Der Schnee war früh getaut, die Vegetation lag karg und trocken.“

Ist es wirklich nur das Wetter? Tatsächlich erlebte Alberta Anfang Mai eine Hitzewelle. Die Temperaturen kletterten auf über 30 Grad, 20 Grad mehr als zu dieser Zeit üblich. Inzwischen hat es sich wieder etwas abgekühlt. Aus diesem Grund breitet sich das Feuer mittlerweile nicht mehr ganz so schnell aus.

Richtig ist auch, dass schon der Winter überdurchschnittlich mild und trocken war. Durch die fehlende Feuchtigkeit werden Wälder und Buschland anfälliger für Feuer. Sind erst einmal Brände ausgebrochen, können sie sich extrem schnell ausbreiten und enorm hohe Temperaturen entwickeln. Darby Allens Feuerwehrleute kamen gegen das Feuer nicht mehr an.

Allerdings behauptet kein Klimawissenschaftler, dass die Erderwärmung direkt für den Ausbruch von Waldbränden verantwortlich ist. Die Forscher sprechen von Langzeittrends und wachsenden Risiken. Steigende Temperaturen machen es wahrscheinlicher, dass Brände entstehen und dass sie größere Verwüstungen anrichten.

„Es ist normal, dass es in borealen Wäldern zu Bränden kommt“, sagt Mike Flannigan von der Universität Alberta gegenüber der Frankfurter Rundschau. (Der Begriff boreal bezeichnet die Vegetationszone auf der nördlichen Erdhalbkugel.) „Doch ihre Häufigkeit und Intensität wird zunehmen, je mehr sich die Erde erwärmt.“

Flannigan ist Waldbrandexperte. Seit vielen Jahren beobachtet der Physiker und Meteorologe die wachsende Anfälligkeit der borealen Wälder für große und verheerende Brände. „Man kann nicht ein einzelnes Ereignis dem Klimawandel zuschreiben“, sagt er. „Aber was in Fort McMurray passiert, passt zu dem, was wir über die Folgen der Erderwärmung wissen.“

Vereinfacht gesagt: Der Klimawandel führt zu mehr Hitze und mehr Trockenheit. Das schafft die Voraussetzung, dass mehr Brände entstehen können. Das zu wissen und sich darauf einzustellen ist wichtig, wenn man Katastrophen wie die von Fort McMurray künftig verhindern – oder wenigstens eindämmen – will.

Verena Kern ist Journalistin beim Online/Magazin klimaretter.info, mit dem die Frankfurter Rundschau in einer Kooperation die Berichterstattung zu den Themen Klima und Umwelt intensiviert.

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