Lade Inhalte...

Wahlverhalten Parteien sind Kopfsache

Das Wahlverhalten lässt sich auf Faktoren wie Sozialisation, Bildung, Religion und Einkommen zurückführen. Doch auch in der Hirnstruktur unterscheiden sich Links- und Rechtswähler, meinen US-Psychologen.

13.04.2012 17:09
Adrian Lobe
Eine Probandin bei der Hirnstrommessung. Foto: dpa

Das Wahlverhalten lässt sich auf Faktoren wie Sozialisation, Bildung, Religion und Einkommen zurückführen. Doch auch in der Hirnstruktur unterscheiden sich Links- und Rechtswähler, meinen US-Psychologen.

Der französische Präsidentschaftswahlkampf spitzt sich zu. Die Anhänger des konservativen Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy und des sozialistischen Präsidentschaftskandidaten François Hollande wetzen die rhetorischen Klingen. Beide Lager stehen sich unversöhnlich gegenüber. Französische Medien schreiben immer wieder vom „clivage gauche-droite“, einem ideologischen Graben, der Linke und Rechte trennt. Worauf gründet diese ideologische Spaltung? Politikwissenschaftler führen das Wahlverhalten auf Faktoren wie Sozialisation, Bildung, Religion und Einkommen zurück. US-amerikanische Psychologen bringen nun eine biologische Ursache ins Spiel: Sie behaupten, dass die Gehirnstrukturen von Wählern der links orientierten Parteien und der Konservativen differieren. Was man wählt, ist also gewissermaßen Vorprägung – und nicht Ausfluss der soziokulturellen Entwicklung.

Die Forschungsgruppe der University of Nebraska in Lincoln fand heraus, dass in den USA Konservative eher auf negative Stimuli anspringen als Liberale, wohingegen letztere eher auf positive Reize reagieren (Philosophical Transactions of the Royal Society B).

Die Wissenschaftler führten bereits 2008 eine ähnlich gelagerte Studie durch, in der nachgewiesen wurde, dass Links- und Rechtswähler unterschiedlich ausgeprägte Hirnregionen aufweisen. Demnach hätten Konservative einen kleineren präfrontalen Kortex – die Hirnregion, in der Entscheidungen getroffen werden –, während die Amygdala, das Zentrum für Angst und Emotionen, größer sei als bei Liberalen. Daraus schlossen die Forscher, dass Konservative empfänglicher für Stimmungen und weniger entscheidungsfreudig als progressiv gestimmte Liberale sind.

Mit Fotos konfrontiert

Die aktuelle Studie baut auf den bisherigen Befunden auf. Die Probanden bestanden erneut aus zwei Kohorten: Die eine setze sich aus Liberalen zusammen, was in den USA dem kontinentaleuropäischen Begriff der Linken entspricht. Die andere Gruppe rekrutierte sich aus dem konservativen Wählermilieu.

Die Versuchsteilnehmer wurden mit verschiedenen Fotos konfrontiert. Während die Bilderreihe vor ihren Augen ablief, wurden die Elektronenströme im Gehirn, die Hauttemperatur sowie die Augenbewegungen gemessen.

Resultat: Rechte Wähler reagierten schreckhaft, während sich linke Wähler weniger aus der Fassung bringen lassen. „Die Untersuchung belegt, dass sich biologische Faktoren im politischen Temperament niederschlagen“, resümiert Studienleiter Mike Dodd.

Aus dem Ergebnis leiten die Psychologen ein grundsätzliches Verhaltensmuster im öffentlichen Diskurs ab. „Wenn zwei Protagonisten in eine politische Auseinandersetzung treten, gibt es eine Tendenz erregt oder frustriert zu werden, aufgrund der Tatsache, dass der Widerpart das logisch vorgetragene Argument nicht teilt“, sagt Dodd. Was nicht heißt, dass Konservative per se erratischer sind oder unnachgiebiger als Liberale. Die Rezeption beider Gruppen variiert jedoch erheblich. „Liberale und Konservative reagieren auf dieselben Stimuli unterschiedlich, sowohl in physiologischer als auch psychologischer Sicht.“

Dodd relativiert sogleich die Ergebnisse. „Wir glauben nicht, dass es einen biologischen Determinismus gibt. Andere Faktoren wie Erfahrungen, Umwelt und Kultur tragen zu dem Wahlverhalten bei.“ Es sei aber wichtig zu sehen, wie das Gehirn mit den anderen Variablen interagiert. Die Beschaffenheit der Hirnzentren hat maßgeblichen Einfluss darauf, wie wir Informationen verarbeiten und sich Präferenzen herausbilden. Etwas salopp ausgedrückt, ist unser Gehirn wie eine Gussform, in der sich die politischen Ansichten formieren.

Europas Mitte

Fraglich ist aber, ob die Ergebnisse auf Europa übertragen werden können. Schließlich wurden die Studien in den USA durchgeführt, wo offenkundig eine andere politische Kultur vorherrscht. Der Kanadier Dodd glaubt jedoch, dass die Studien bei jedem Individuum unabhängig vom kulturellen Hintergrund durchgeführt werden könnten. „Aufmerksamkeit und Hauttemperatur lassen sich grundsätzlich bei jedem messen, also bin ich der Meinung, dass die Ergebnisse verallgemeinerbar sind“, so Dodd.

Gleichwohl: Die Klassifizierung zwischen Links und Rechts bleibt grobkörnig. Offen ist, wie sich Wähler der Mitte verhalten.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen