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Vornamen Was der Vorname für unser Leben bedeutet

Das Schicksal hat einen Namen. Und zwar unseren Vornamen. Erziehungswissenschaftler Peter Struck über die Wechselwirkung von Vorname und Persönlichkeit.

Newborn babies collage
Klang schafft Nähe: Kinder, deren Namen mit „Ma“ beginnen, haben häufig eine sehr enge Bindung zur Mutter. Foto: iStockphoto

Da kommt nicht mal das Thema Fußball ran: Nichts wird in Zeitungen mehr gelesen als Berichte über Vornamen; wahrscheinlich weil fast jeder Mensch einen hat. Allerdings heißt mein Fußpfleger, der aus Ägypten kommt, bloß Khalil, einen Vornamen hat er nicht, oder einen Nachnamen, wie man will.

Erwiesen ist auch, dass 85 Prozent aller Eltern zufrieden sind mit den Vornamen ihrer Kinder. Die 15 Prozent, die nicht zufrieden sind, konnten sich bei der Namensgebung für ihr Kind nicht gegenüber dem Partner durchsetzen.

Vornamen unterliegen modischen Schwankungen

Kinder bekommen einen Vornamen, sie können ihn nicht wählen. Deshalb geben viele Eltern ihren Kinder zwei oder gar drei Vornamen, damit sie späterhin wählen können. Mein Sohn heißt David Julian, David kam von seiner Mutter, Julian von mir; mit sechs Jahren entschied er, fortan David genannt werden zu wollen.

Jedes Jahr stellt die Gesellschaft für deutsche Sprache eine Liste der beliebtesten Vornamen des vorausgehenden Jahres zusammen. Zur Zeit gibt es etwa 2000 Vornamen in Deutschland, aber in den Rankings der Medien tauchen zumeist lediglich die 20 häufigsten auf. 1994 standen bei den Mädchen noch ganz oben Julia, Lisa, Katharina, Anna, Anne, Maria und Laura, 2017 waren es Marie, Mari, Sophie, Emilia und Emma.

Bei den Jungen waren es 1994 Alexander, Daniel, Maximilian, Christian, Lukas und Tobias, 2017 Maximilian, Alexander, Paul, Elias und Ben. Mittlerweile wird dabei auch zwischen den alten und neuen Bundesländern differenziert. Im Osten stehen bei den Mädchen ganz oben Marie, Sophie, Charlotte und Emma, bei den Jungen Paul, Oskar, Carl, Karl und Emil. Bei den Mädchen ist Maria ein Dauerbrenner, bei den Jungen Christian, während beispielsweise Namen wie Sabine, Bärbel, Egon und Peter „out“ sind. Ebenfalls nicht mehr angesagt sind Dieter, Heiner, Heinrich, Stephan, Steffi und Thomas sowie Achim, Joachim, Reiner und Rainer.

Die vorherrschende Namensgebung unterliegt modischen Schwankungen; eine Phase dauert dabei je etwa zehn Jahre: Nach dem Zweiten Weltkrieg hatten wir zunächst in den 50er Jahren – bedingt durch die erste große Reisewelle – italienische Namen wie Marina, Ramona, Pietro oder Mario, dann kam eine französische Phase in den 60er Jahren mit René, Louis und Nadine, in den 70er Jahren folgte eine Welle mit skandinavischen und friesischen Namen wie Ole, Sven, Nils, Hauke, Enno und Astrid, in den 80er Jahren kamen dann angloamerikanische Vornamen wie Kevin, Frederic, Patrick und Pamela, in den 90er Jahren biblische Namen wie Sarah, Noah, David oder Daniel, und danach bis jetzt begann eine Renaissance alter deutscher Namen wie Paul, Friedrich, Karl, Klara oder Sophie.

Nichts hört ein Kind häufiger als seinen Rufnamen; mit seiner Klangfarbe verbinden die Eltern eine Botschaft, eher kalt wie bei Paul oder Karl oder eher warm wie bei Viola, Mario und Milan. Diese Klangfarbe spiegelt sich nach Jahren im Gesicht des Kindes wider, weil mit der Namenswahl durch die Eltern auch eine bestimmte Einstellung, ein Programm in die Zukunft des Kindes hinein signalisiert wird: Das Kind soll niedlich oder gefühlsbetont oder aber durchsetzungsstark und karrieregestählt oder eben mit Vornamen der Groß- oder Urgroßeltern der Familientradition verpflichtet werden.

Bei häufigen Namen können daher erfahrene Grundschullehrkräfte schließlich am Gesicht erkennen, ob das Kind vor ihnen Dennis oder Mark heißt. Bei über 17-Jährigen geht das jedoch nicht mehr so einfach, weil das Leben dann auch andere Spuren ins Gesicht gegraben hat.

In den letzten Jahren habe ich bei etwa 20.000 Elfjährigen in Deutschland, Österreich und in der Schweiz zu ermitteln versucht, wie sie selbst zu ihrem Vornamen stehen. Eltern wissen offenbar nicht, dass fast 31 Prozent aller Fünftklässler ihren Vornamen nicht sonderlich mögen, obwohl sie in der Regel dennoch irgendwie damit klar kommen!

Lukas ist so etwas wie die Höchststrafe

Aber eigentlich hätten sie lieber einen anderen. Bevorzugt werden von ihnen Vornamen mit den Vokalen „a, „i und „o und den Konsonanten „m, „l, „v und „w, mehrheitlich abgelehnt werden Namen mit einem „u in der Mitte und mit einem „k oder einem scharfen „s. Lukas ist also so etwas wie Höchststrafe. Guckt man sich Bücher oder Listen mit Vornamen an, wie man sie in Standesämtern erhält, fällt auf, dass besonders viele mit einem „M beginnen und dann mit einem „a weitergeführt werden: Martin, Maximilian, Malte, Manuel, Maarten, Mark, Marek, Milan, Matthias, Marvin, Maria, Martina oder Marina; und es fällt im Laufe der Entwicklung dann auf, dass Kinder, deren Vorname mit „Ma“ beginnt, oft eine sehr enge Bindung zu ihrer Mutter haben.

Wenn Eltern im Nachhinein spüren, dass der von ihnen gewählte Name nicht so gut zu ihrem Kind oder nicht zu der gerade durchlebten Altersphase passt, versuchen sie oft, ihn im Klang angenehmer zu machen, indem sie ein „i (Klausi), ein „le“ (Peterle, Heinerle) oder ein „chen“ (Mäxchen), anhängen. Für die Widerspiegelung der emotionalen Botschaft in den Gesichtszügen ist also nicht so entscheidend, welcher Vorname in der Geburtsurkunde steht, sondern wie das Kind durchweg gerufen wird. Eltern können dann auch variieren; hat das Kind etwas Böses getan, wird es Maximilian gerufen, hat es hingegen Gutes vollbracht, Maxi oder Mäxchen.

Schwebt Eltern eher eine asketisch-soldatische oder besonders elitäre Lebenskarriere vor, greifen sie gern zu Namen wie Katharina, Elisabeth, Wilhelm, Alexander, Ludwig, Johann, Maximilian, Maria-Theresia oder Friedrich. Sehen Eltern hingegen ihr Kind in seiner schutzbedürftigen Kleinheit, dann neigen sie zu Namen mit Wohlklang und hängen noch ein „i dran; dann wird aus Sebastian Basti, aus Manfred Manni, aus Christian sowie Christoph und Krysztoph Krischi, aus Ulrich Uli, aus Ulrike Ulla oder Ulli, aus Oliver Olli, aus Katharina Kati oder Nina und aus Alexander Sascha oder Saschi.

Namen mit dunklem Klang wie Gudrun, Guntram, Randolf, Rudolf, Kurt, Brunhilde, Ruth oder Knut werden von Elfjährigen so gut wie immer abgelehnt, bei anderen assoziieren sie eher Missliches wie bei Adolf, Elvis oder Boris. So klagte ein 14-jähriges Mädchen namens Sieglinde, dass man bei diesem Namen „doch direkt die alte Germanin mit dicken Muskeln und stämmigen Oberschenkeln“ sehe, wenn man nicht gleich an die Kartoffelsorte denke.

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