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Viren Waffen gegen die Vogelgrippe

Virologen aus aller Welt wollen nach einjähriger Pause ihre Arbeit mit H5N1-Viren, den Vogelgrippeviren, fortsetzen. Doch es gibt auch Warnungen davor.

25.01.2013 15:51
Anke Brodmerkel
Blick durchs Mikroskop: Vogelgrippeviren (goldbraun), die auf Nierenzellen (grün) im Labor vermehrt wurden. Foto: Reuters

Virologen aus aller Welt wollen nach einjähriger Pause ihre Arbeit mit H5N1-Viren, den Vogelgrippeviren, fortsetzen. Doch es gibt auch Warnungen davor.

Sechzig Tage sollte ihre Arbeit ruhen. Ein Jahr ist daraus geworden. Doch nun ist die Geduld der Wissenschaftler zu Ende. Sie wollen ihre umstrittenen Experimente mit genmanipulierten Vogelgrippeviren wieder aufnehmen. Der Nutzen ihrer Forschung sei inzwischen ausführlich erklärt worden, schreibt das Team um den niederländischen Virologen Ron Fouchier vom Erasmus Medical Center in Rotterdam in den Zeitschriften Science und Nature. Zudem seien Maßnahmen, um Risiken zu minimieren, jetzt detailliert beschrieben.

Auch zwei deutsche Forscher haben den Artikel mitverfasst: der Marburger Virologe Hans-Dieter Klenk und Thomas Mettenleiter, der Präsident des Friedrich-Loeffler-Instituts für Tiergesundheit auf der Ostseeinsel Riems. Die vierzig Verfasser, unter ihnen die renommiertesten Virologen weltweit, sind sich einig: Will man eines Tages gegen eine mögliche Pandemie mit H5N1-Viren gewappnet sein, muss deren Erforschung jetzt weitergehen.

Angst vor Terroristen

Auf einer Konferenz in Malta hatte Ron Fouchier im Herbst 2011 erstmals erzählt, dass er und sein Team Vogelgrippeviren erschaffen hätten, die nicht nur per Spritze, also mit Unterstützung von außen, von einem Säugetier auf das andere übertragbar seien. Stattdessen hätten sich die im Labor erzeugten Erreger bei Frettchen auch auf dem Luftweg verbreitet. Das von vielen Experten schon lange befürchtete Killervirus schien damit geboren zu sein.

Frettchen gelten als wichtigstes Tiermodell, um Grippekrankheiten des Menschen zu erforschen. Für den sind Infektionen mit Vogelgrippeviren sehr gefährlich. Nur knapp die Hälfte der Erkrankten hat bislang überlebt. Dass die Viren noch kein Massensterben hervorgerufen haben, liegt nur daran, dass die in der Natur vorkommenden Erreger es bisher nicht schafften, sich von Mensch zu Mensch zu verbreiten.

Der Aufschrei, den Fouchier damals erzeugte, war laut. Eigentlich hatte der Forscher seine Experimente in der US-Zeitschrift Science veröffentlichen wollen. Zeitgleich plante das britische Konkurrenzblatt Nature, eine ähnliche Studie eines anderen Teams zu publizieren: Yoshihiro Kawaoka und seine Kollegen von der University of Wisconsin in Madison hatten Gene des Erregers der Schweinegrippe in das Erbgut von H5N1-Viren eingeschleust. Daraufhin konnten sich letztere ebenfalls über die Luft von Frettchen zu Frettchen ausbreiten.

Zwar stellte sich bald heraus, dass die vermeintlichen Killerviren bei den Tieren meist nur milde Symptome hervorriefen. Trotzdem meldete sich das NSABB (National Science Advisory Board for Biosecurity) zu Wort. Das US-Beratergremium, das sich nach den Anthrax-Anschlägen formiert hatte, legte den Chefredaktionen von Science und Nature nahe, die Arbeiten von Fouchier und Kawaoka nicht im Detail zu veröffentlichen. Die Experten fürchteten, dass Terroristen die Erreger nachbauen könnten.

Die Zeitschriften fügten sich. Und die Forscher selbst versprachen im Januar 2012, ihre Arbeit sechzig Tage lang zu unterbrechen. In dieser Zeit wolle man der Öffentlichkeit den Nutzen der Experimente erläutern und Maßnahmen vorschlagen, um Risiken zu reduzieren. Viele Menschen fürchteten nämlich auch, die Viren könnten gestohlen werden oder versehentlich in die Natur gelangen.

Eine öffentliche Diskussion, ob solche Experimente erlaubt sein sollten, schien notwendig geworden zu sein. Sechzig Tage reichten dafür nicht aus. Zwar wurden die Arbeiten der Forscher auf Drängen der WHO im Sommer dann doch in voller Länge veröffentlicht. Die Studien hätten gezeigt, dass das Risiko einer Pandemie durch genveränderte Viren sehr groß sei, lautete eines der Hauptargumente der WHO. Auch außerhalb der Labore könnten sich die Viren schnell verändern. Um darauf vorbereitet zu sein, müsse die Forschung weitergehen. Das Moratorium aber blieb zunächst unangetastet.

Nun also ist es aufgehoben. Die deutsche Gesellschaft für Virologie (GfV) begrüßt das Ende der Forschungspause. Man sei „noch immer weit davon entfernt, das pandemische Potential dieser Viren in seiner Komplexität zu verstehen“, heißt es in einer Stellungnahme. „Die GfV ist der Überzeugung, dass der wissenschaftliche Erkenntnisgewinn und der gesellschaftliche Nutzen solcher Untersuchungen das Gefahrenrisiko bei Einhaltung entsprechender Sicherheitsvorkehrungen überwiegen“, schreiben die Autoren um den GfV-Präsidenten Thomas Mertens vom Universitätsklinikum Ulm.

Eine große Debatte wäre nötig

Allerdings fordert die Fachgesellschaft international verbindliche Richtlinien. Bislang gibt es diese nicht. Zwar hat die WHO bereits im Sommer Empfehlungen für den Umgang mit genveränderten H5N1-Viren herausgegeben. Von einer einheitlichen Regelung sind die Länder aber weit entfernt.

In den Niederlanden beispielsweise war man mit den Vorkehrungen in Fouchiers Labor, die dem Sicherheitslevel 3+ entsprechen, zufrieden. Auch in Deutschland dürften Forscher in solchen Laboratorien mit den Erregern arbeiten. Kanada hingegen hat beschlossen, die Forschung mit genveränderten Vogelgrippeviren in Hochsicherheitslabore der Stufe 4 zu verbannen. Die USA wiederum konnten sich auf einheitliche Standards bislang nicht einigen – weswegen die Forschung dort weiterhin ruht. Auch Kawaoka wird seine Experimente, die durch die US-Gesundheitsbehörden finanziert sind, zunächst nicht wieder aufnehmen.

Was das einjährige Moratorium überhaupt gebracht hat, beurteilen Experten hierzulande unterschiedlich. „Ich denke, es war sinnvoll“, sagt Klaus Osterrieder, der Direktor des Instituts für Virologie der Freien Universität Berlin. „Unter Wissenschaftlern hat der bis heute einmalige Schritt eine breite und fruchtbare Diskussion in Gang gesetzt.“ Nun könne man die Risiken des Forschungszweiges klar benennen, habe aber auch ausreichend Maßnahmen parat, um sie zu minimieren. In Deutschland etwa begutachtet die Zentrale Kommission für die Biologische Sicherheit (ZKBS) jede geplante Arbeit mit genveränderten Organismen und gibt Sicherheitsmaßnahmen eindeutig vor.

Auch Stephan Becker, der am Institut für Virologie der Philipps-Universität Marburg eines der zwei deutschen Hochsicherheitslabore der Stufe 4 betreibt, ist der Ansicht, dass die Forschungspause nützlich war. Dennoch hätte Becker sich gewünscht, dass das Moratorium eine breitere öffentliche Diskussion in Gang gesetzt hätte. „Es geht ja um viel mehr als nur um ein paar Vogelgrippeviren“, sagt er. „Was wir brauchen, ist eine grundsätzliche Entscheidung, inwieweit wir bereit sind, Risiken der Wissenschaft zu tragen.“ Für Becker ist eines gewiss: „Das größte Risiko besteht darin, die Augen vor möglichen Gefahren zu verschließen.“ Etwa die einer Pandemie mit tödlichen Viren.

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