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VBE-Chef Ludwig Eckinger Der Bildungsaufsteiger

Er mischt sich gerne ein, er ist mal leise und auch mal laut: Ludwig Eckinger. Nach 16 Jahren als Chef der zweitgrößten Bildungsgewerkschaft Deutschlands legt er sein Amt nieder. Von Katja Irle

25.05.2009 00:05
KATJA IRLE
Für Eckinger muss die Arbeit eines Grundschullehrers genauso viel wert sein, wie die eines Gymnasiallehrers. Foto: vbe

In Paris besetzen Studenten die Universität Sorbonne. In Berlin gehen Studenten gegen den Vietnamkrieg auf die Straße. In Bonn beschließt der Bundestag die Notstandsgesetze. Und in Regensburg? Dort erlebt der altehrwürdige Domplatz seine allererste Demonstration. Studenten der Pädagogischen Hochschule protestieren gegen Raumnot und mangelnde Mitbestimmung. Ganz vorne steht Ludwig Eckinger. Er hatte die Demo, ganz pflichtbewusst, vorher genehmigen lassen.

Nein, ein Radikaler ist er nicht. Aber einer, der sich gern einmischt, mal leise, mal lauter. Das hat er als Lehrer in der Schule getan, als Dozent an der Hochschule - und 16 Jahre lang als Chef der zweitgrößten Bildungsgewerkschaft Deutschlands, des Lehrerverbands Bildung und Erziehung (VBE).

Vielleicht hat er das Einmischen auch deshalb zur Maxime erhoben, weil in seinem Lebenslauf ebenfalls kräftig mitgemischt wurde - nicht zu seinem Nachteil. "Der spätere Bischof von Passau war schuld daran, dass ich aufs Gymnasium ging", sagt Ludwig Eckinger. Damals war der Bischof noch Pfarrer einer kleinen Gemeinde in Niederbayern und als solcher überzeugte er Ludwigs Großmutter vom Talent des Enkels. Die Oma war arm, aber gläubig. Also ging Ludwig aufs Gymnasium.

Es ist die Geschichte eines klassischen Bildungsaufstiegs in den 60er Jahren der Republik, damals handelte es sich noch um Einzelfälle, aber meistens erfolgreiche. In den folgenden Jahrzehnten machten es viele Arbeiterkinder wie Ludwig Eckinger. Das Gymnasium schien nicht mehr unerreichbar, eine akademische Ausbildung war keine Anmaßung mehr.

Sein Thema: die Hauptschule

Als Ludwig Eckinger nach seiner Assistentenzeit an der Universität Ende der 70er Jahre selbst an einer Hauptschule in Bayern unterrichtete, spürte er die Veränderungen. Viele Eltern drängten bereits damals darauf, dass ihr Kind mindestens einen Realschul-, noch besser einen Gymnasialabschluss machte. Im Rückblick sagt Eckinger: "Der Niedergang der Hauptschule hatte damals schon begonnen." Gleichwohl hießen die Bildungsverlierer von damals noch nicht Abdul oder Mehmet - zumindest nicht in der noch heilen bayerischen Unterrichtswelt. "Die besten Schüler waren türkische Jungen", erinnert sich Eckinger.

Heute findet er es "unerträglich", dass der Anteil der Migrantenkinder an Sonderschulen stetig steigt. Als VBE-Vorsitzender machte er sich mit anderen dafür stark, dass mehr Lehrer aus Migrantenfamilien in den Schulen unterrichten. Doch bisher sind die Projekte in den Bundesländern noch weit davon entfernt, zu einer Erfolgsgeschichte zu werden.

Zu wenig Fortschritt sieht Eckinger auch an anderer Stelle. So werde die Lehrerbildung als "Wiege der Profession" an den Universitäten nach wie vor diskriminiert. Und wenn er schon beim Bilanzieren ist, gibt es auch noch einen kleinen Seitenhieb auf die eigene Zunft, deren Positionen er als Gewerkschaftschef jahrzehntelang vertreten hat. "Es fehlt ein gemeinsames Berufsverständnis", sagt Eckinger und meint damit unter anderem die Kluft, die sich zwischen den Lehrern verschiedener Schularten auftut. "Die Arbeit eines Grundschullehrers muss genauso viel wert sein wie die eines Gymnasiallehrers", wettert Eckinger.

Das kann er (anders als Vertreter der GEW) getrost tun, weil im VBE hauptsächlich Grund-, Haupt- und Sonderschulpädagogen organisiert sind. Aber auch ein paar Gymnasiale. Deshalb hat er sich den folgenden Spruch lieber bis zum offiziellen Ausscheiden als VBE-Vorsitzender aufgehoben: "Die besten Gymnasiallehrer sind doch die, die mit einer Grundschullehrerin verheiratet sind", sagt Eckinger und lacht: "Von ihr bekommen sie die pädagogischen Impulse."

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