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Urlaub Zwischen Bali und Borkum

Immer mehr Deutsche fliegen in den Urlaub - und nutzen so die klimaschädlichste Art des Reisens.

13.07.2016 13:57
Susanne Götze und Susanne Schwarz
Ab in den Urlaub: Passagiere stehen vor Abfertigungsschaltern auf dem Düsseldorfer Flughafen Schlange. Foto: picture alliance / dpa

Endlich Urlaub! Die Rollkoffer sind gepackt. Hektisch geht es raus aus der Stadt, zum Flughafen. Anstehen. Schweißperlen – ist der Koffer doch zu groß? Anstehen. Handgepäck auspacken, Gürtel ab, Schuhe aus, Jacke aus. Alles wieder einpacken, alles wieder anziehen. Anstehen. Kaugummi kauen gegen Druck auf den Ohren, Übelkeit zurückhalten bei den ersten Luftlöchern. Am Anfang der Erholung steht der Stress. Dennoch: Fernreisen sind im Kommen. Das hat die Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen (FUR) herausgefunden, die die Bundesbürger seit 1970 zu ihren Reiseplänen befragt. Zwar fahren die Deutschen immer noch am liebsten mit dem Auto in den Urlaub (45 Prozent). Allerdings holen die Flugreisen auf – und knackten erstmals die 40 Prozent Marke. Spanien und die Balearen sind noch Urlaubsziel Nummer eins, doch Asien und die USA holen auf.

Für das Klima bedeutet die Entwicklung nichts Gutes. Flugzeuge sind und bleiben die klimaschädlichsten Verkehrsmittel. Die Airlines brüsten sich indes mit Effizienzgewinnen: Die Flugzeuge würden doch immer besser. Stimmt: Ein Passagier eines deutschen Flugzeugs hat 2011 laut dem Bundesverband der Deutschen Luftverkehrswirtschaft (BDL) durchschnittlich 3,92 Liter Kerosin auf 100 Kilometer verbraucht. Das ist rund ein Prozent weniger als 2010 und sogar 37 Prozent weniger als noch 1991.

Weltweit verbessere der Luftverkehr, lässt der BDL wissen, seit Jahren seine Energieeffizienz und habe „dadurch seit 1990 den Ausstoß von 4,5 Milliarden Tonnen CO2-Emissionen verhindern“ können. Was der BDL allerdings verschweigt: Dadurch, dass immer mehr geflogen wird, werden die Effizienzfortschritte bei den einzelnen Maschinen wieder aufgezehrt.

Aber auch der heutige Beitrag eines Flugzeugs zum menschengemachten Klimawandel ist noch mehr als beachtlich. Laut Umweltbundesamt stößt ein Flugzeug pro Person und Kilometer durchschnittlich 211 Gramm Kohlendioxid aus, deutlich mehr als ein Pkw mit 142 Gramm. Besonders klimafreundlich sind die Eisenbahn und der Reisebus im Fernverkehr mit 41 und 32 Gramm pro Kopf und Kilometer – bei Urlaubreisenden sind die beiden Verkehrsmittel allerdings weniger beliebt (fünf und sieben Prozent).

Es kommt nicht nur darauf an, wie viel Treibhausgas in die Atmosphäre geblasen wird, sondern auch auf den Ort des Geschehens. Und der ist bei Flugzeugen denkbar ungünstig: In hohen Luftschichten, in denen speziell auf Langstrecken geflogen wird, ist die Treibhauswirkung rund dreimal stärker als am Boden. Die von Flugzeugen erzeugten Kondensstreifen und Schleierwolken verstärken das Aufheizen der Atmosphäre zusätzlich, weil sie die Rückstrahlung der Wärme vom Erdboden in den Weltraum vermindern. Der Gesamtanteil des Flugverkehrs an der globalen Erwärmung beträgt laut dem Verkehrsclub Deutschland etwa fünf Prozent.

Das Umweltbundesamt fordert deshalb, die starke steuerliche Bevorzugung des Fliegens zu beenden: Eine Kerosinsteuer oder eine Klimaabgabe könne eine „wünschenswerte Lenkungswirkung entfalten“, heißt es bei der Behörde. Die Flugbranche argumentiert, dass sie seit 2012 Teil des europäischen Emissionshandels sei. Allerdings betrifft das zurzeit ausschließlich innereuropäische Flüge, die Emissionen von Fernreisen sind weiterhin nicht erfasst. Zudem entfaltet der Emissionshandel kaum Wirkung, zu schwach sind seine Regeln.

Nicht zu fliegen muss nicht unbedingt einen Verzicht bedeuten, argumentieren Reiseexperten wie Petra Thomas vom Forum Anders Reisen. „Es gibt Untersuchungen dazu, was ein Reisender sucht, wenn er seinen Urlaub bucht: Erholung, Entspannung, Wohlbefinden oder auch Freiheit sind wichtige Urlaubsmotive“, erläutert Thomas. „Oftmals bedenken wir nicht, wie stressig es ist, erst einmal zehn Stunden mit dem Flugzeug anzureisen und dann in einer anderen Zeitzone und einem anderen Klima anzukommen.“ Dieses Jahr buchte laut Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen nur ein Drittel der Deutschen die schönsten Tage im Jahr innerhalb von Deutschland.

Wenn es wirklich mal weiter weg gehen soll, bleibt noch die sogenannte CO2-Kompensation. Das bedeutet: die Menge an ausgestoßenem Kohlendioxid an anderer Stelle einsparen. Es gibt ein Sammelsurium an kommerziellen und gemeinnützigen Organisationen, die diese Aufgabe für Reisende übernehmen. Sie berechnen den CO2-Ausstoß der Reise und den Betrag, mit dem man die gleiche Menge CO2 durch Klimaschutzvorhaben einsparen kann, sammeln das Geld ein und stecken es in die entsprechenden Projekte.

Man muss aber genau hingucken, denn nur wenige Anbieter sind seriös. Gerade bei Waldprojekten ist es schwierig, eine langfristige Wirkung zu garantieren. Man zahlt für den Aufbau eines Waldes, der Kohlendioxid bindet – aber wer garantiert, dass die Bäume nicht in 20 Jahren gefällt werden, während das CO2 durch den Flug viermal so lange in der Atmosphäre wirkt?

Noch komplizierter wird es bei Projekten, die bestehenden Wald schützen sollen. Die Idee: Gerade in Entwicklungsländern wird gesunder Wald häufig gerodet, um Äcker anzulegen oder das Holz zu verkaufen. Um das aus Gründen des Klimaschutzes zu verhindern, soll den Menschen eine andere Einnahmequelle ermöglicht werden. Allerdings müsste dann nachgewiesen werden, dass der lobenswerte Bau einer Schule nun wirklich dafür gesorgt hat, dass eine bestimmte Waldfläche stehen geblieben ist. Sicherer fährt man mit Projekten, die dezentrale erneuerbare Energien in armen Ländern unterstützen und dabei mit Organisationen vor Ort zusammenarbeiten.

Und weiterhin gilt: Besser als kompensieren ist natürlich, das CO2 erst gar nicht auszustoßen. Deshalb führt etwa der Kompensations-Anbieter Atmosfair derzeit Weiterbildungen für Mitarbeiter von Reisebüros durch. Es geht darum, klimafreundliche Reiseangebote besser zu verstehen und zu verkaufen – zum Beispiel mit dem Versprechen, dass eine Reise im Zug mit Sicherheit keinen Angstschweiß wegen möglichem Übergepäck, Ohrenschmerzen oder Jetlag auslösen wird.

Susanne Götze und Susanne Schwarz sind Journalistinnen beim Online-Magazin klimaretter.info, mit dem die Frankfurter Rundschau in einer Kooperation die Berichterstattung zu den Themen Klima und Umwelt intensiviert.

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