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Unterrichtsfilm für Neuntklässler Stasi "cool untergejubelt"

Jugendliche offenbaren erschreckende Wissenslücken über die DDR und die Stasi. Daran soll ein neuer Film in den Schulen etwas ändern. Von Torsten Harmsen

12.01.2010 00:01
Torsten Harmsen
Jugendliche offenbaren erschreckende Wissenslücken über die DDR und die Stasi. Foto: dpa

Was bedeutet MfS? "Irgendwas mit Mathe" - "Irgendwas mit Versicherung" - "Ich glaube, Stasi" - "So weit ich weiß, war die Stasi für Hitler." So lauten Antworten heutiger Jugendlicher, wenn sie nach dem Kürzel für das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) der DDR gefragt werden. Zu sehen ist die kleine Umfrage zu Beginn des ersten Films über die Stasi, der direkt für den Schulunterricht gedreht wurde. "Ein Volk unter Verdacht - die Staatssicherheit der DDR" richtet sich an Schüler von der 9. Klasse an.

"Wir wünschen uns, dass der Film nicht nur am Gymnasium, sondern an möglichst vielen Schulen gezeigt wird", sagte Marianne Birthler, die Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen (BStU), bei der Präsentation in Berlin. Die Behörde reagiert mit diesem Film auch auf jüngere Studien, denen zufolge die kritische Auseinandersetzung mit der DDR-Zeit im Unterricht vieler Schulen kaum eine Rolle spiele.

Viele Lehrer im Osten seien unsicher, sagte Birthler. Manche hätten Angst, mit den Eltern der Schüler Ärger zu bekommen, wenn sie Urteile fällten. Mit dem Film hätten sie jetzt "etwas in der Hand". Zusammen mit dem Begleitmaterial ließe sich etwa eine Doppelstunde gestalten, so Birthler.

Der Film von Franziska Schlotterer (Regie und Drehbuch) versucht auf jugendgemäße Art einen "komprimierten Einstieg" zu geben. Die junge Fernseh-Reporterin Malin Büttner begibt sich auf die Suche nach Hinterlassenschaften der Stasi. Begleitet wird sie von dem Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk, der in der Birthler-Behörde ein Forschungsprojekt leitet. Sie besuchen die Stasi-Zentrale in der Normannenstraße, Mielkes Arbeitsräume, Haftanstalten in Berlin-Hohenschönhausen und Potsdam sowie Orte, an denen Akten lagern.

Die Anschaulichkeit ist ein großes Plus des Films. Nicht nur, dass man die Zellen, Verhörräume, eine Abhörwanze, eine Tasche oder gar einen BH mit eingebauter Kamera sieht. Beeindruckend sind neben gut ausgewählten historischen Szenen vor allem die Erzählungen der Zeitzeugen - unter ihnen die ehemalige Bürgerrechtlerin Ulrike Poppe, der einstige Punks Bernd Stracke und Dörte Bender, die als junge Christin in Haft kam. Sie machen anschaulich, dass die Stasi schon gegen Menschen vorging, die einfach nur kritisch waren oder bloß anders leben wollten.

Anschaulich dargestellt

Der Film ordnet mit wenigen Worten die Rolle der Staatssicherheit ein, die als "Schild und Schwert der Partei" die absolute Herrschaft der nicht demokratisch gewählten SED sichern sollte - als Geheimdienst und Geheimpolizei zur Kontrolle der eigenen Bevölkerung.

Die Entwicklung der Stasi wird mit beeindruckenden Bildern nachgezeichnet: von der offenen, brutalen Verfolgung politischer Gegner in den 50er Jahren, über verdecktere Formen seit Anfang der 70er Jahre bis zum Sturm der Bürgerbewegung auf die Stasi-Zentralen Anfang 1990. Offen bleibt die Frage in dem 40-Minuten-Film, warum es die SED und die DDR überhaupt gab.

Ein Glücksfall für den Film ist Kowalczuk, der einprägsam informiert; etwa, dass die Stasi im Lauf der DDR-Geschichte rund 600000 Informelle Mitarbeiter hatte. Deren Motive werden differenziert dargestellt. Sie reichen von ideologischer Überzeugung, über das Streben nach Geld und Karriere bis zur Erpressung durch die Stasi.

Der Film gibt einen gelungenen ersten Überblick. Er setzt an Vorstellungs- und Gefühlswelten Jugendlicher an. Andererseits agiert die Reporterin Malin Büttner so, als sei sie für die "Sendung mit der Maus" unterwegs. So lautet ihr Fazit über die Stasi: "Es ist mal klar, so was darf echt nie wieder passieren."

Carlotta, Gymnasiastin der zehnten Klasse, die im Auftrag einer Redaktion fast als einzige Jugendliche bei der Präsentation des Films dabei war, urteilt dann auch: "In meiner Klasse wäre der Film nicht gut angekommen. Man merkt sofort, dass hier versucht wird, uns ein Thema möglichst cool unterzujubeln." Das löse vor allem bei älteren Schülern Abwehrreflexe aus. Der Film sei eher für Schüler der sechsten oder siebten Klasse geeignet. Auch hätte sie sich gewünscht, dass ein paar Täter zu Wort kommen.

Was die Reaktionen der Jugendlichen betrifft, sind die Filmemacher dennoch zuversichtlich. Zumindest biete der Film viele Anknüpfungspunkte für Diskussionen. In 40 Minuten könne man viele Fragen ja auch nur anreißen. "Es gäbe noch unheimlich viel mehr zu sagen", betont Birthler. Der Film soll nun über die Kultusministerien in die Schulen gebracht werden.

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