23. Februar 201713°C Frankfurt a. M.
Lade Inhalte...

Universität Göttingen Uni trennt sich von Antisemitismusforscher

Die Uni Göttingen will sich von renommiertem Antisemitismusforscher trennen. Der Fachschaftsrat und die Studenten sind empört und fordern in einer Petition den Vertrag zu verlängern.

Die Idylle trügt: An der Uni Göttingen ist ein heftiger Streit über die Professur von Samuel Salzborn entbrannt. Foto: Frank Stefan Kimmel

Seit dem Jahr 2012 ist Samuel Salzborn Professor am Institut für Politikwissenschaft der Universität Göttingen. Nun hat das Unipräsidium entschieden, seinen Vertrag nicht über das Sommersemester 2017 hinaus zu verlängern und die Professur neu auszuschreiben. Das sorgt für Verwunderung, nicht nur an der Uni Göttingen, einige sind gar empört. Schließlich hatte der Stiftungsrat der Uni Salzborn erst vor fünf Monaten einen Preis für seine Vermittlung von Forschungsergebnissen in der Öffentlichkeit verliehen. Salzborn gilt als gefragter Experte für Rechtsextremismus und Antisemitismus in der Medienlandschaft.

Außerdem hatte sich der Fakultätsrat der Sozialwissenschaften an der Uni Göttingen einstimmig für einen Verbleib Salzborns ausgesprochen. Der Fachschaftsrat, die studentische Vertretung an der Fakultät, ist empört und fordert in einem offenen Brief an das Präsidium, den Vertrag zu verlängern. Mittlerweile haben mehr als 350 Personen und zahlreiche Institutionen, etwa das Jüdische Forum in Berlin sowie die Amadeu Antonio Stiftung, diese Forderung unterzeichnet. Auch die erfolgreiche Hip-Hop-Gruppe Antilopen Gang unterstützt die Forderung.

In dem offenen Brief heißt es, Salzborn sei die „tragende Säule“ im Bachelor Sozialwissenschaften und bei den Studierenden „sehr beliebt“. Zudem sei er „einer der profiliertesten Vertreter der Antisemitismusforschung im deutschsprachigen Raum“ und ein „renommierter Wissenschaftler“ in der Rechtsextremismusforschung. Seinen Vertrag nicht zu verlängern hält der Fachschaftsrat mit Verweis auf Pegida, die AfD und den NSU für ein „verheerendes politisches Signal“.

Wieso muss Salzborn gehen? Romas Bielke, Pressesprecher der Uni Göttingen, will sich nicht zu der Personalentscheidung äußern. Samuel Salzborn selbst bestätigt lediglich, dass sein Vertrag nicht verlängert werden solle. Er dürfe sich nicht dazu äußern, teilt er mit. Der Fachschaftsrat geht von einer politischen Motivation aus: Die Sozialwissenschaften sollen an der Uni systematisch geschwächt werden. Nach FR-Informationen soll der Grund jedoch ein anderer sein. Aus universitätsinternen Kreisen heißt es, Salzborns Vertrag sei nicht verlängert worden, weil er aus Sicht des Präsidiums zu wenig Drittmittel einwerbe. Wenn das allerdings der tatsächliche Grund ist, betrachtet das Präsidium Salzborns Einsatz für die Dokumentationsstelle zur wissenschaftlichen Analyse und Bewertung von Demokratiefeindlichkeit und politisch motivierter Gewalt offenbar nicht als Drittmitteleinwerbung.

Dass es eine solche Dokumentationsstelle geben soll, ist im Koalitionsvertrag der niedersächsichen Landesregierung festgehalten. Dort soll Grundlagenforschung betrieben werden, um etwa Einschätzungen zum Rechtsextremismus zu erleichtern. Uni-sprecher Bielke bestätigt, Salzborn sei „maßgeblich“ an der Erarbeitung des Konzepts der Stelle beteiligt gewesen. Es gebe derzeit Gespräche mit dem Land über die Einrichtung der Stelle an der Uni Göttingen.

„Die Tür nach Göttingen ist durch Samuel Salzborn geöffnet worden“, sagt Marco Brunotte (SPD), Vorsitzender des Ausschusses für den Verfassungsschutz im niedersächsischen Landtag. Er sei maßgeblich für das Konzept verantwortlich, bestätigt auch er. Geld zum Aufbau der Dokumentationsstelle hätte es schon im vergangenen Jahr gegeben. Auch in diesem Jahr stünde eine Million Euro im Haushalt bereit, so Brunotte. Wann die Dokumentationsstelle die Arbeit aufnimmt und wer sie nun leiten soll, ist unklar. Nach FR-Informationen sucht das Uni-Präsidium einen Leiter. So soll es etwa Gespräche mit dem Göttinger Institut für Demokratieforschung geben, geleitet von Franz Walter. Auf Nachfrage heißt es dort, man wolle sich dazu nicht äußern.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Kontakt
  • Wir über uns
  • Impressum