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Uni Frankfurt Feuerprobe vor Gericht

Reine Übungssache: Jurastudenten verhandeln in Frankfurt einen fiktiven Betrugsfall. Sie lernen dabei, dass vor Gericht nicht nur Paragrafen zählen.

Wirtschaftsstrafrechtlicher Moot Court am Landgericht
Das Frankfurter Landgericht als perfekte Kulisse: Studierende in den Rollen der Verteidiger und Ankläger. Foto: Monika Müller

Seit Monaten haben sich die Studierenden der Rechtswissenschaften gewissenhaft auf diesen Tag vorbereitet, sie haben im Eigenstudium Fachbücher gewälzt und sich von Juristen bei kniffligen Fragen beraten lassen. Es ist zwar nur eine fiktive Gerichtsverhandlung, die Christoph Krehl, Richter am Bundesgerichtshof in Karlsruhe und Honorarprofessor an der Frankfurter Goethe-Universität, am Frankfurter Landgericht eröffnet, dennoch sind die Staatsanwälte und Verteidiger aufgeregt – für sie ist der Moot Court eine Premiere. Zum ersten Mal in ihrer akademischen Ausbildung sind sie in diese Rollen geschlüpft und durchlaufen dabei ein komplettes wirtschaftsstrafrechtliches Ermittlungsverfahren, von der Zeugenvernehmung bis zum Abschlussplädoyer. Die Kulisse ist perfekt gewählt, ebenso überzeugend wirken die schwarzen Roben – und sogar die Presse ist anwesend. 

Für Juristen ist der Schritt von der Universität in die Praxis mit einer steilen Lernkurve verbunden. Denn außer den Paragrafen zählt vor Gericht auch die strategische Handlungskompetenz sowie das rhetorische Auftreten. Und in der Praxis geht es trotz des Aktenstudiums am Ende doch immer um Menschen. 

„Durch einen cleveren Beweisantrag kann ein Fall schon mal mit einem Freispruch oder einer Verurteilung enden. Das hatten wir alles schon“, sagt Matthias Jahn vom Lehrstuhl für Strafrecht und Rechtstheorie in Frankfurt, einer der Mitinitiatoren des Moot Courts 2014. Um seine Studenten auf die Probe zu stellen, hat er noch eine Überraschung parat: Eine weitere Zeugin soll aussagen.

Für den 22-jährigen Finn Schmidt ist der Moot Court „eine tolle Sache“. Er hat das universitäre Auswahlverfahren für die beliebte Veranstaltung erfolgreich bestanden und ist nun als Wahlverteidiger gefordert. Seinem Mandanten wird gewerbsmäßiger Anzeigenbetrug vorgeworfen, „es drohen mindestens fünf Jahre Gefängnis“. Er habe einen guten Einblick in die Anwaltstätigkeit bekommen. „Neben Belastbarkeit muss man im Denken und Handeln flexibel sein“, sagt er. „Gegenüber meinem Mandanten bin ich ehrlich, und ich versuche optimistisch zu sein, schließlich gilt die Unschuldsvermutung.“ Während des Semesters gab es „nie Stillstand“, der beste Lerneffekt sei aber, dass man auch mal einen Fehler machen könne. 

Ellen Bieker und Berivan Kacmaz, beide 25 Jahre alt, haben bereits ihr Staatsexamen bestanden, dem eine sechsmonatige intensive Lernphase sowie ein einjähriger Vorbereitungskurs vorangegangen ist. An diesem Tag haben sie allerdings einen Sprung in der Karriereleiter gemacht und repräsentieren die Staatsanwaltschaft. „Wir müssen ein faires Verfahren sicherstellen. Dazu gehört etwa, dass der Angeklagte Anspruch auf rechtliches Gehör hat.“

Aber auch Fehler bei der Beweisaufnahme können dazu führen, dass letztlich die Beweise im Gerichtsverfahren nicht verwertbar sind. „Das ist tricky, wir wollen die Wahrheit erforschen und müssen dabei in jedem Fall die Rechte des Angeklagten wahren“, sagt Berivan Kacmaz, die ihren Schwerpunkt im Studium auf „Law and Finance“ gelegt hat. Bis sie einen eigenen bedeutsamen Fall vor Gericht verhandeln wird, vergehen aber mindestens noch zwei Jahre: Das Referendariat liegt noch vor ihr. „Viel neues Wissen habe ich aber jetzt schon erworben“, berichtet die Studentin.

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