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Umweltexperte Ernst Ulrich von Weizsäcker „Chancen zur Umkehr gibt es immer“

Der Umweltexperte, Physiker und Biologe Ernst Ulrich von Weizsäcker wird 75 Jahre alt.

Politiker und Umweltschützer plädieren für mehr Klimaschutz
Noch kann der Junge die Abendsonne genießen, während Dampf aus Schornsteinen quillt. Foto: ZB

Herr von Weizsäcker, Sie haben vor 25 Jahren vorausgesagt: Das 21. Jahrhundert wird das „Jahrhundert der Umwelt“ sein. Wie steht es damit?
Tja, da hab ich mich getäuscht. Die frivole, anthropozentrische Ökonomie, der aus Amerika kommende Glaube, der Markt werde alles richten, hat fast alle Gedanken an die Umwelt und die Nachwelt erdrückt. Die Menschheit wacht wohl erst auf, wenn es wirklich brennt. Dann sind natürlich auch die ökonomischen Kosten viel, viel höher!

Das „Jahrhundert der Ökonomie“, das 20. nämlich, werde nur „eine Episode“ sein, schrieben Sie damals in ihrem Buch „Erdpolitik“. Derzeit scheint die Ökonomie indes wie entfesselt, statt die ökologischen Grenzen zu akzeptieren ...
Ja, genau. Die Kurzfristigkeit, die Sofortbefriedigung, siegen über die Langfristigkeit. Das Twittern und Facebooken ist ja der Inbegriff der Verherrlichung des „Sofort“. Aber eine Episode wird diese frivole Party am Ende natürlich bleiben. Hoffen wir, dass sie nicht durch einen großen ökologischen Knall beendet wird, sondern durch Einsicht.

Der CO2-Ausstoß wächst weiter, die Artenvielfalt schwindet, der Raubbau an Urwäldern geht weiter, Agrarböden werden übernutzt. Sehen Sie noch Chancen, die Trends umzukehren?
Chancen gibt es immer. Wenn, unter anderem aus diesen Gründen, 50 Millionen Menschen auf der Flucht sind, kann uns das nicht mehr kalt lassen. Im Übrigen gibt es tolle Chancen, Ökonomie und Ökologie doch noch zusammenzubringen.

Nämlich?
Ich rede gern vom „Faktor fünf“: fünfmal soviel Wohlstand aus einer Kilowattstunde rausholen. Dass das geht, ist längst belegt. Schon braucht man viel weniger Energie und kann Atomenergie und Braunkohle stilllegen!

Braucht es nicht ein radikal verändertes Wirtschaftssystem? Mit anderen Worten: Ist die kapitalistische Marktwirtschaft noch zu retten?
Radikal in der Zielsetzung ja, aber keine plötzlichen Brüche. Ich schlage ja vor, Energie jährlich um so viel teurer zu machen, wie im Vorjahr die Effizienz ihrer Nutzung zugenommen hat. Das ist übrigens ein viel langsamerer Preispfad als das, was uns die EEG-Umlage seit 2009 beschert hat! Ich bin mit Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel der Meinung, dass sie jetzt gedämpft werden muss. Aber wenn man so ein „Pingpong“ zwischen Effizienz und Preis einleitet, wie ich es vorschlage, dann weiß jeder Investor, dass Effizienz immer rentabler wird. Der Prozess beschleunigt sich also selbst. Und damit für arme Haushalte und für die der internationalen Konferenz ausgesetzte Industrie nichts einbricht, macht man da Sonderregelungen. Das ist alles im Rahmen von Marktwirtschaft machbar und dennoch „revolutionär“.

Braucht die bessere Technik solche Eingriffe überhaupt? Wenn Solarenergie billiger wird als fossile Energie, wie es bald der Fall sei könnte, gewinnt sie doch automatisch auf dem Markt.
Ja, aber damit es soweit kommen konnte, brauchten wir erst einmal das deutsche Gesetz für den Vorrang Erneuerbarer Energien (EEG). Das war ein heftiger Eingriff. Im Übrigen ist Effizienz doch noch besser als Solarenergie. Das Passivhaus, in dem meine Familie lebt, hat beides. Und man wohnt wirklich sehr komfortabel darin.

Setzen Sie noch auf die internationale Politik? Der UN-Erdgipfel in Rio 1992 galt nach dem Ende des Ost-West-Konflikts als neuer Aufbruch in eine Welt, die Umweltgrenzen akzeptiert und die Entwicklung der armen Staaten ermöglicht. Danach fast nur noch Flops: Kyoto gescheitert, der Nachfolgegipfel in Kopenhagen geplatzt, „Rio 2“ ohne Ergebnis.
Solange jeder denkt, er verliert, wenn er beim Klimaschutz vorangeht, ist das Verhandeln Frustration pur. Ich behaupte aber, dass Länder, die mit dem genannten „Pingpong“ vorangehen, dabei reicher und wettbewerbsfähiger werden. Dann kommt da richtig Schwung rein. Auch für die weltweite Durchsetzung von Laptops brauchte man keine frustrierenden Harmonisierungskonferenzen. Sie waren und sind einfach effizienter als die Geräte, mit denen man sich vorher abmühte.

Kann Politik überhaupt noch etwas ausrichten? Wir hatten mal eine „Klimakanzlerin“, aber die hat abgedankt.
Auch in Deutschland glaubt eine Mehrheit, Klimaschutz sei schrecklich teuer. Und Regierungschefs in Demokratien repräsentieren meistens Mehrheitsgefühle.

Der CO2-Ausstoß steigt im Energiewendeland Deutschland. Was läuft da schief?
Die Mechanik, die die Braunkohle gegen Gaskraftwerke gewinnen lässt, ist pervers, aber nicht in zwei Sätzen zu erläutern. Sie muss natürlich überwunden werden.

Energiewende-Minister Gabriel, ein Parteifreund von Ihnen, scheint eher die Interessen der Stromkonzerne im Blick zu haben als die des Klimas. Oder was halten Sie vom „EEG 2.0“, das er geplant hat?
Richtig ist, dass wir die Industrie im Lande behalten müssen. Die Stromkonzerne haben zu spät an neue Geschäftsmodelle gedacht. Aber sie absaufen zu lassen, ist auch keine Lösung; jeder Kämmerer einer Ruhrgebietskommune hat mit den Dividenden des RWE kalkuliert. Das EEG 2.0 ist ein Kompromiss. Mir sind darin die Anreize für Effizienz und die Honorierung der Bürger-Energiegenossenschaften zu schwach, und die „Eigenstrom-Besteuerung“ ist schwer vermittelbar. Aber die Grundlinie der Kostendämpfung war ein klares Wählermandat.

Was halten Sie von der Idee der „Großen Transformation“. Steht der Menschheit eine solche grundlegende Veränderung bevor – wie beim Übergang zum Ackerbau oder zur Industriegesellschaft?
Kann schon sein. Aber man muss sich auch bei einer großen Transformation kleine Schritte einfallen lassen, die den Übergang zur Freude statt zum Jammer machen.

Sehen Sie Anzeichen dafür, dass ein solcher Umbruch zu einem neuen Wohlstandmodell beginnt? In der jungen Generation ist der Autobesitz weniger wichtig, es gibt den Trend zum Nutzen statt Besitzen.
Absolut. Die Gedanken zu gemeinsamer Nutzung, zu mehr Wartung und weniger Wegwerfen, sind modern. Erstmals wurde ein solches Konzept bereits in den 1980er Jahren von dem Schweizer Politik- und Wirtschaftsberater Walter Stahel formuliert. Es braucht eben viel Zeit, bis sich so etwas durchsetzt.

In „Erdpolitik“ haben Sie ein „klares Nein zur „Ökodiktatur“ gesagt. Jetzt, ein Vierteljahrhundert später, die Frage: Sehen Sie die Gefahr, dass ein solches Regime doch kommen wird?
Die Gefahr ist leider größer geworden. Grund ist die eingangs genannten Frivolität unseres Wirtschaftens. Sie zu überwinden, brauchen wir Finanzmarktregulierung, Aufklärung, Langfristdenken – und Zuversicht.

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