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Umwelt Warum Insekten sterben

Die Ursachen für das Insektensterben sind komplex und nicht alleine bei der Landwirtschaft zu suchen.

Falter
Der Apollofalter ist extrem selten geworden. Foto: Senckenberg

Einst, vor langer Zeit, sorgten die Menschen dafür, dass sich Insekten in Europa ausbreiten konnten und ihre Vielfalt stark zunahm. Als unsere Vorfahren sesshaft wurden, veränderten sie die Natur rund um ihre Siedlungen und schufen dadurch neue Lebensräume für Tiere. Denn anders als man annehmen könnte, sind in unseren Breiten nicht die urwüchsigen, von menschlichem Einfluss möglichst wenig berührten Ökosysteme die artenreichsten Gegenden, sondern die Kulturlandschaften, sagt Thomas Schmitt, Direktor des Senckenberg Deutschen Entomologischen Instituts im brandenburgischen Müncheberg und Professor für Entomologie an der Universität Halle-Wittenberg. Im alleinigen Schaffen von Naturschutzgebieten sieht der Wissenschaftler nicht die Patentlösung, um den dramatischen Rückgang bei den Insekten und anderen gefährdeten Tierarten aufzuhalten.

In Deutschland sind knapp 3500 Insektenarten heimisch. Das klingt zunächst sehr viel, ist jedoch weitaus weniger als noch vor hundert Jahren – und ihre Zahl nimmt weiter dramatisch ab, sagt Thomas Schmitt. Ein Sterben, das nicht nur die Klasse der Insekten (sie ist die artenreichste weltweit) betrifft, sondern weitreichende Folgen für andere Spezies, darunter auch die Menschen, hat: Denn Insekten übernehmen wichtige Funktionen im Ökosystem, indem sie zum Beispiel anderen Tieren als Nahrung dienen, Pflanzen bestäuben oder helfen, den Boden zu remineralisieren.

Die im vergangenen Jahr publizierte „Krefelder-Studie“ konstatierte bei der Insektenbiomasse in Deutschland für den Zeitraum zwischen 1989 und 2016 einen durchschnittlichen Rückgang von 76 Prozent. Zu den stark betroffenen Familien gehören die der Schmetterlinge. Allein von den 189 heimischen Tagfalterarten stehen 99 Arten auf der Roten Liste, fünf davon sind bereits ausgestorben und zwölf weitere Arten vom Aussterben bedroht. 

All diesen Tieren gehen in Deutschland zunehmend die geeigneten Lebensräume verloren. Bei der Frage nach den Ursachen dafür dürfte vielen Menschen in erster Linie die Landwirtschaft einfallen. Das ist nicht falsch, greift als undifferenzierte Aussage aber zu kurz. Zunächst tat die Nutzung der Natur dem Artenreichtum eher gut und schadete ihm auch Jahrtausende lang nicht, sagt Thomas Schmitt – bis im 20. Jahrhundert Monokulturen auf riesigen Flächen, gewaltige motorisierte Gerätschaften und hochgiftige Schädlingsbekämpfungsmittel Einzug hielten. Die „Errungenschaften“ des modernen Agrarwesens zerstörten den Lebensraum vieler Tiere, den von Insekten ebenso wie den der Feldhamster und zahlreicher Feldvögel. Und die Pestizide töteten nicht nur Schädlinge, sondern auch nützliche Insekten, erläutert Thomas Schmitt. 

Und doch sei die intensive Landwirtschaft, wie sie heute großflächig betrieben wird, nicht allein verantwortlich für das Insektensterben, sagt der Biologe. Weitere Hauptgründe sieht er in der Luftverschmutzung und dem Klimawandel. Abgase von Dieselmotoren (freilich auch aus Fahrzeugen und Geräten, die von Bauern eingesetzt werden), aus der Industrie und Privathaushalten sorgten für eine Belastung der Luft mit schädlichen Stickstoffverbindungen. Regne es dann, so gelangten sie mit dem Niederschlag in den Boden, auf den sie als Dünger wirkten, erläutert der Biologe: „Selbst Magerrasen in Naturschutzgebieten wächst dann so hoch, als wäre er voll gedüngt worden.“ Dieser Effekt werde durch den Klimawandel noch verstärkt, da auf Dauer mit mehr Niederschlag zu rechnen sei; auch wenn man sich das nach diesem trockenen Sommer zurzeit kaum vorstellen kann. 

Diese unnatürliche Düngung des Bodens wiederum bedeute für viele Insekten ein „Debakel“, sagt der Senckenberg-Wissenschaftler – vor allem für die „Spezialisten“, die auf bestimmte Bedingungen angewiesen seien, während es die „Generalisten“, die sich vielen verschiedenen Lebensräumen anpassen können, leichter hätten. Der von der Luftverschmutzung bescherte Dünger lasse Gräser und andere Pflanzen unnatürlich hoch sprießen. Wo sonst Lücken wären, käme kein Sonnenlicht und kein Tierchen mehr durch, kleinwüchsige Kräuter als wichtige Nahrung seien für die Insekten kaum noch zu erreichen. Außerdem lasse der feuchte, nährstoffreiche Boden Raupen krank werden. „Sie verpilzen oder erleiden Virusinfektionen“, sagt Thomas Schmitt. Auch die in unseren Breiten häufig gewordenen schneelosen, schmuddeligen Winter mit starken Temperaturschwankungen machten vielen Arten zu schaffen. „Da haben wir mal fünf Grad, mal minus 15 und keinen Schnee als schützende Schicht über dem Boden.“ 

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