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Ultraschall für Schwangere Der durchleuchtete Embryo

Die Frage, ob das Kind im Bauch gesund ist, stellen sich alle Eltern. Ärzte finden immer präzisere Antworten. Doch zu welchem Preis?

30.05.2012 07:53
Von Anke Brodmerkel
Aufnahme aus einem 3D-Film über die Embryonalentwicklung des Corpus-Museuma im niederländischen Oegstgeest Foto: dapd/Fred Ernst

Junge oder Mädchen? Werdende Eltern wünschen sich seit jeher, dass ihr Kind unversehrt zur Welt kommt. Doch war eine Frau früher schlicht guter Hoffnung, kann sie heute eine Menge dafür tun, dass ihr Wunsch sich auch erfüllt.

So soll ab Sommer allen Frauen ein Ultraschall angeboten werden, bei dem ein Gynäkologe einzelne Organe des Fötus näher betrachtet. Fehlbildungen sollen so frühzeitig erkannt und, wenn möglich, schon im Mutterleib behandelt werden. Und noch in diesem Quartal will die Firma LifeCodexx aus Konstanz einen Test auf den Markt bringen, der anhand des mütterlichen Blutes herausfindet, ob der Embryo ein Down-Syndrom aufweist. Bislang war dies nur durch eine Untersuchung der Plazenta oder des Fruchtwassers möglich – beide Verfahren sind für das Ungeborene riskant.

Derzeit haben in Deutschland alle Schwangeren Anspruch auf drei Ultraschall-Untersuchungen (siehe Kasten). „Die Anforderungen, die an das Screening gestellt werden, stammen aber aus den frühen 80er-Jahren“, sagt Ulrich Gembruch, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Pränatal- und Geburtsmedizin. Die Entdeckungsraten für Fehlbildungen seien daher zunehmend hinter die anderer europäischer Länder zurückgefallen, kritisiert der Bonner Mediziner.

Der Gemeinsame Bundesausschuss, der den Leistungskatalog der Krankenkassen festlegt, hat darauf reagiert. In Kürze kann jede Frau zwischen der 19. und 22. Schwangerschaftswoche eine „systematische Untersuchung der fetalen Morphologie“ in Anspruch nehmen.

Jeder Gynäkologe, der eine entsprechende Weiterbildung absolviert hat, soll dann per Ultraschall Antwort auf folgende Fragen geben: Sind Kopf und Rücken normal geformt? Ist das Kleinhirn sichtbar? Wo sitzt das Herz und wie groß ist es? Schlägt es rhythmisch? Sind die vier Kammern zu sehen? Ist die Bauchwand geschlossen? Sind der Magen und die Blase zu erkennen?

Ein Schritt in die richtige Richtung

Für Ulrich Gembruch ist der erweiterte Ultraschall ein Schritt in die richtige Richtung. „Allerdings entsprechen die Anforderungen an den Umfang der Untersuchung und an die Qualifikation der Ärzte nicht den Kriterien einer detaillierten Organdiagnostik“, ergänzt er. Eine solche Untersuchung können Eltern derzeit nur dann in Anspruch nehmen, wenn der normale Ultraschall Auffälligkeiten zutage führt – oder wenn die Eltern bereit sind, die rund 300 Euro teure Untersuchung selbst zu bezahlen. „In vielen anderen Ländern ist die detaillierte Organdiagnostik, bei der auch die vom Herzen abgehenden Gefäße und die Nieren untersucht werden, längst Standard“, sagt Gembruch.

Die Vorteile des jetzt beschlossenen Screenings liegen für den Mediziner dennoch auf der Hand. „Bei vielen Fehlbildungen geht es für das Kind nach der Geburt um Leben oder Tod“, sagt er. „Wird eine Auffälligkeit rechtzeitig erkannt, kann die Mutter zur Entbindung ein spezielles Zentrum aufsuchen, wo sich die Kinderärzte direkt nach der Geburt um das Kind kümmern.“ Manche Fehlbildungen ließen sich sogar im Mutterleib behandeln – etwa eine Zwerchfellhernie, bei der sich der Darm durch eine Lücke im Zwerchfell in den Brustkorb schiebt und dort die Lungen zusammendrückt.

Christiane Woopen, die Leiterin der Forschungsstelle Ethik an der Uniklinik Köln und Vorsitzende des Deutschen Ethikrats, hält das neue Screening dennoch nicht für unproblematisch. „Natürlich ist es dann wünschenswert, wenn sich eine Entwicklungsstörung frühzeitig therapieren lässt“, sagt sie. „Auffälligkeiten, deren Bedeutung für die Gesundheit des Kindes nicht geklärt werden kann, werden die Eltern aber sehr verunsichern.“ Auch Woopen ist der Ansicht, dass die Untersuchung in pränatalen Zentren besser aufgehoben wäre – dort, wo speziell ausgebildete Mediziner auffällige Befunde besser einordnen können und die Paare auch über die Grenzen des Ultraschalls aufklären.

„Die meisten Paare werden mit der Erwartung kommen, dass man ihnen anschließend sagen kann, ob ihr Kind ein Down-Syndrom hat“, glaubt Woopen. „Trotzdem hat man die Untersuchung ausdrücklich aus dem Gendiagnostikgesetz herausdefiniert.“ Eine Beratung, wie das Gesetz sie vorschreibt, ist daher für das Screening nicht erforderlich.

Seite 2: Größte Sorge Down-Syndrom

Tatsächlich ist die Frage nach dem Down-Syndrom oft eine der größten Sorgen werdender Eltern. Jedes Jahr lassen mehr als 30?000 Paare in Deutschland eine Fruchtwasseruntersuchung vornehmen, die diese Frage beantwortet. Dabei nehmen die Eltern sogar den Tod ihres Ungeborenen in Kauf: Nach etwa einem von hundert Eingriffen kommt es zu einer Fehlgeburt.

Damit soll nun bald Schluss sein. Im Juni will die Firma LifeCodexx ihren PraenaTest auf den Markt bringen. Dann benötigt es nur noch ein paar Milliliter des mütterlichen Bluts, um eine Trisomie 21, wie das Down-Syndrom auch genannt wird, mit hundertprozentiger Sicherheit aufzuspüren. Zumindest legen das die Daten einer noch nicht veröffentlichten Studie mit 522 schwangeren Frauen nahe.

Der Test funktioniert, weil im Blut der Mutter Erbgutschnipsel des Ungeborenen schwimmen. Moderne Technik macht es möglich, diese herauszufischen und zusammenzusetzen. So lässt sich erkennen, ob das Chromosom 21 nicht nur doppelt, sondern dreifach vorliegt. Die Kosten für den 1?250 Euro teuren Test müssen die Paare allerdings selbst tragen.

Nachweis bereits ab 10. Woche

Der Nachweis gelingt bereits in der zehnten Schwangerschaftswoche. Zwar soll der Test zunächst nur Frauen angeboten werden, die mindestens in der zwölften Woche sind und aus ärztlicher Sicht ein erhöhtes Risiko für eine chromosomale Veränderung des Ungeborenen haben. Kritiker befürchten dennoch, dass ein Bluttest – vor allem, wenn die Kosten dafür sinken – früher oder später zur Routineuntersuchung für alle Schwangeren wird.

Schon jetzt ist das Wissen um seine genetische Ausstattung für das Ungeborene meist eine Frage über Leben oder Tod: Mehr als 90 Prozent aller Kinder, bei denen ein Down-Syndrom diagnostiziert wird, werden abgetrieben. Christiane Woopen fürchtet, dass der Test die Auffassung, Eltern hätten ein Recht auf ein gesundes Kind, weiter erhärten wird. „Niemand aber sollte Ansprüche an die Eigenschaften einer anderen Person stellen dürfen“, sagt sie. Auch das Ungeborene sei schon ein Mensch mit eigenen Ansprüchen und Eigenschaften: „Diese Grundlage der Eltern-Kind-Beziehung muss stärker ins Bewusstsein der Gesellschaft rücken.“

Jochen Vollmann, der Leiter des Instituts für Medizinische Ethik und Geschichte der Medizin der Ruhr-Universität Bochum, teilt diese Meinung nicht ganz: „Zu allen Zeiten haben Eltern die vorhandenen Möglichkeiten genutzt, um ein gesundes Kind zur Welt zur bringen“, sagt er. Und darin sieht Vollmann nichts Verwerfliches. Schon jetzt habe die Mutter das Recht zu entscheiden, ob sie ein behindertes Kind zur Welt bringen wolle oder nicht. „Insofern sehe ich bei dem Bluttest keine grundsätzlich neue Problematik“, sagt er.

Zu wenig Beratung

Eines kritisiert Vollmann jedoch nachdrücklich: „Wir investieren in den technischen Fortschritt, aber nicht gleichermaßen in die Beratung, die Schwangere bei ihrer Entscheidung unterstützt“, sagt er. „Die wenigsten Frauen erfahren, dass von hundert Kindern drei oder vier eine Behinderung haben.“ Nur eines von ihnen weise aber eine Trisomie 21 auf. „Die Garantie für ein gesundes Kind“, gibt Vollmann zu Bedenken, „kann einem niemand geben.“

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