Lade Inhalte...

Tutanchamun Mit Gehstock ins Jenseits

Diagnose nach 3300 Jahren: Malaria und mehr. Doch wer waren die Eltern des Kinderpharaos, wer die Frühgeborenen Toten in seinem Grab? Das will die ägyptische Altertümerverwaltung jetzt aufdecken.

16.02.2010 00:02
Der ägyptische Pharao Tutanchamun als Rekonstruktion und seine goldverzierte Maske. Foto: dpa

Washington. Rund 3300 Jahre nach dem Tod von Tutanchamun wollen Wissenschaftler nun das Rätsel um die Abstammung des jung gestorbenen Pharaos per Erbgut-Analyse klären. Ist Tutenchamun wirklich der Sohn des "Ketzer-Pharaos" Echnaton oder vielleicht doch ein spät gezeugter Spross von dessen Vater, König Amenhotep III.? Und wer war seine Mutter, die im Kindbett gestorben sein soll? Jetzt will der Chef der ägyptischen Altertümerverwaltung, Zahi Hawass, das Ergebnis der Untersuchung von Gewebeproben, die 2008 aus der Mumie des Pharaos entnommen worden waren, vorstellen.

Hawass, der ein Händchen für die mediale Vermarktung der Ägyptologie hat, freut sich jetzt schon auf diesen großen Moment. Schließlich sollen neue Erkenntnisse zur Identität der Eltern und Großeltern, sowie zur Todesursache und Details zur Herrschaft von Tutanchamun offenbart werden.

Tod durch Malaria

Der legendäre ägyptische Pharao Tutanchamun ist wahrscheinlich an Malaria gestorben, nachdem sein Körper schon durch eine Knochenkrankheit geschwächt war. Dies hätten radiologische und genetische Tests ergeben, berichtet der Chef der ägyptischen Altertumsverwaltung, Sahi Hawass, im am Mittwoch erscheinenden US-Fachblatt "Journal of the American Medical Association". Ihm zufolge wurde auch bestätigt, dass Tutanchamun der Sohn des Pharaos Echnaton ist. Die Mumie seiner Mutter wurde gleichfalls entdeckt. Um wen es sich dabei handelt, ist aber weiter unbekannt.

Tutanchamun, dessen goldene Totenmaske weltbekannt ist, lebte vor rund 3300 Jahren. Er bestieg den Thron im Alter von nur neun Jahren und starb zehn Jahre später. Schon bisher ging der Großteil der Altertumsforscher davon aus, dass Echnaton (Amenophis IV.) sein Vater war, der mit der berühmten Nofretete verheiratet war. Ob sie die Mutter ist, gilt aber als höchst unsicher.

Gleiche Blutgruppe

Hawass und sein Team untersuchten zwischen 2007 und 2009 insgesamt 16 Mumien, von denen die von Tutanchamun und 15 weitere Mitglieder der königlichen Familie waren. Die Mumien von Echnaton und Tutanchamun hätten mehrere charakteristische Körpermerkmale gemeinsam, hieß es in dem Bericht. Sie teilten zudem dieselbe Blutgruppe.

Mutter des Kindpharaos war den Angaben zufolge eine Frau, deren Mumie die Bezeichnung KV35YL trägt. Wer sie war, konnten die Forscher bisher nicht herausfinden.

Nach Gentests litten mehrere Mitglieder der Königsfamilie unter Missbildungen, unter anderem durch die Köhler-Knochenkrankheit. Die Gentests erbrachten bei vier Familienmitgliedern, darunter Tutanchamun, auch Überreste des Parasiten Plasmodium falciparum, der Malaria hervorruft.

Gehstock für das Jenseits

"Eine unzureichende Blutzirkulation im Knochengewebe, die einen Teil der Knochen geschwächt oder zerstört hat, ist zusammen mit Malaria die wahrscheinlichste Ursache für den Tod von Tutanchamun", schrieb Hawass. "Diese Diagnose wird durch den Fund von Gehstöcken und einer Apotheke für das Jenseits in seinem Grab gestärkt." Hawass hat angekündigt, am Mittwoch in Kairo ausführlich über die Ergebnisse der Gentests zu berichten.

Dass die Klärung der verwandtschaftlichen Beziehungen zwischen den verschiedenen Pharaonen und Königinnen dieser Epoche den Forschern bislang so viel Mühe bereitet hat, liegt unter anderem daran, dass die Zeit zwischen der Regentschaft Amenhoteps III. und dem Tod von Tutenchamun (um 1310 v. Chr.) eine Phase des Umbruchs war.

Erst begründete Amenhotep IV. eine neue monotheistische Religion, lässt die neue Residenzstadt Amarna errichten, und ändert seinen Namen in Echnaton. Verehrt werden nun nicht mehr viele Götter, sondern nur noch der Sonnengott Aton.

Nach seinem Tod regiert für kurze Zeit Semenchkare, der eine Abkehr von Echnatons Glaubensprinzipien einleitet. Über Semenchkares etwa dreijährige Herrschaftszeit ist aber nur wenig bekannt.

Kindpharao als Gottesabbild

Dann wurde ein etwa acht Jahre alter Junge namens Tutanchaton ("lebendiges Abbild des Aton") als neuer Herrscher proklamiert, der möglicherweise ein Halbbruder des Semenchkare war.

Die Amtsgeschäfte führen erwachsene Berater, darunter Eje, der später, nachdem der junge Pharao im Alter von etwa 19 Jahren stirbt, auch dessen Nachfolge antritt. Unter dem Kinderpharao wird vieles rückgängig gemacht, was Echnaton einst durchgesetzt hatte.

Die Stadt Amarna wird aufgegeben. Der Hof zieht um nach Memphis. Der junge Pharao ändert seinen Namen in Tutanchamun. Die alten Götter gelangen zu neuen Ehren.

Beschäftigt hat die Archäologen lange Zeit ein Relief aus Hermopolis Magna, das wohl die Geburt des Tutanchamun zeigt. Dargestellt wird auch der Tod der Mutter bei der Geburt. Vermutet wird bisher, dass es sich bei der Mutter um Echnatons Nebenfrau Kija handelt.

Königin Nofretete, die eine wesentlich bedeutendere Rolle am Hofe und in der neuen Sonnengott-Religion spielte, scheidet als mögliche Mutter von Tutanchamun nach Ansicht der meisten Forscher aus.

Allerdings könnte es sein, dass Nofretete nicht nur Tutanchamuns Stiefmutter, sondern auch seine Schwiegermutter war. Denn verheiratet wurde der junge Pharao wahrscheinlich mit einer seiner Halbschwestern, Nofretetes Tochter Anchesenpaaton.

Anchesenpaaton könnte demnach auch die Mutter der beiden tot geborenen Frühchen sein, die in Tutanchamuns Grab gefunden worden waren. Auch aus den sterblichen Überresten der beiden zu früh geborenen Mädchen hatten die Forscher Gewebe für ihre DNS- Untersuchung entnommen.

Doch möglicherweise wird es auch nach der Bekanntgabe der Ergebnisse der Untersuchung der Tutanchamun-Mumie weiterhin Zweifel geben. Denn mit welcher der DNS von welcher Mumie soll sein Erbgut verglichen werden. In dem berühmten Grab KV 55 wurde zwar eine Mumie mit einem länglichen Kopf gefunden, bei der es sich um die sterblichen Überreste des Echnaton handeln könnte, doch sicher sind sich die Forscher nicht.

Dass als Vater von Tutanchamun bisher sowohl Echnaton als auch auch Amenhotep III. im Gespräch sind, liegt an einer zweideutigen Inschrift, die nach Ansicht einiger Experten beide Schlussfolgerungen zuließe. Zahi Hawass selbst hat bislang die These vertreten, dass "King Tut", wie er ihn liebevoll nennt, sehr wohl ein Sohn des Echnaton ist, diesen Umstand aber wegen der Kritik der Priester an der religiösen Revolution seines Vaters in den Inschriften nicht so in den Vordergrund stellen wollte.

Historisch betrachtet war König Echnaton zwar wesentlich bedeutender als Tutanchamun. Der Kinderpharao gelangte jedoch im vergangenen Jahrhundert plötzlich zu großer Berühmtheit, als Howard Carter im Tal der Könige sein mit goldenen Masken, Möbeln und anderen Schätzen prall gefülltes Grab entdeckte, das bislang einzige bekannte Königsgrab, das nicht von Räubern geplündert worden war. (dpa/afp)

Zur Startseite

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum